Auf dem heiligen Athos suchen Männer Gottes Nähe | Kultur | DW | 27.11.2006
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Kultur

Auf dem heiligen Athos suchen Männer Gottes Nähe

Unser Boot hat inzwischen im Hafen von Daphne festgemacht. Wir verlassen es eilig, um in einem der beiden museumsreifen Mercedes-Busse einen Sitzplatz zu ergattern. Wir verstauen unsere Rucksäcke in der Gepäckablage, drängeln uns ins Innere des Busses. Wir lassen uns in die abgewetzten, orangenfarbigen Polstersitze fallen. Die Luft ist beißend heiß, sobald man tief einatmet. Die Klimaanlage kühlt kaum, stinkt aber umso mehr. Täglich transportieren die beiden bis auf den letzten Platz gefüllten Mercedes-Busse Pilger samt Gepäck von Daphne in das Verwaltungszentrum Karyes, eine Strecke von vielleicht zehn Kilometern. Die nicht asphaltierte, staubige Straße schlängelt sich steil den Berg hoch und verlangt dem sich quälenden Motor im ersten oder zweiten Gang das Letzte ab.

Eine Gasse in Karyes

Eine Gasse in Karyes

Nach einer guten halben Stunde erreicht der Bus Karyes, das auf einem etwa 400 Meter hohen Hang liegende Verwaltungszentrum der Mönchsrepublik. Der Name bedeutet so viel wie "Zu den Walnussbäumen". Die Bewohner blicken hinab auf den wenige Kilometer entfernten Strymonischen Golf. Damit ist die unruhige Seite des Meeres gemeint, die den Athos umspült. In der Antike stand in Karyes ein Tempel, der Artemis geweiht war. Heute liegen hier verstreut einige Dutzend zweistöckiger Häuser, kleinere Geschäfte mit Lebensmitteln und Haushaltsgeräten, einer Apotheke, einem Bäcker, einer Post, einem wenig einladenden Restaurant, in dem sich vor allem Arbeiter ausruhen, die auf den umliegenden Baustellen tätig sind. Karyes ist ein Dorf.

Treffen von Benedikt und Bartholomäus

Hier befindet sich das so genannte "Protaton", die älteste Kirche der Mönchsrepublik. Sie stammt aus dem 10. Jahrhundert. Sie unterscheidet sich mit ihrer dreischiffigen Basilika-Form und dem Satteldach von allen anderen Gotteshäusern auf dem Athos. Die Architektur erinnert an sehr alte Kirchen in Westeuropa. Früher, vor der Kirchenspaltung im Jahre 1054 gehörten sie zusammen: die Römische Kirche des Westens und die Griechische des Ostens. Die Trennung hatte vor allem politische Gründe. Was tausend Jahre getrennt war, lässt sich nicht binnen kurzer Zeit wiedervereinigen. Auch nicht von Papst Benedikt XVI. und dem Patriarchen Bartholomäus I., der den Ehrenvorsitz unter den orthodoxen Nationalkirchen des Ostens innehat. Beide treffen sich am 28.11. in der türkischen Metropole Istanbul, beide beklagen die Spaltung der Christenheit.

Patriarch Bartholomäus I. ist auch das geistige Oberhaupt der Mönche auf dem heiligen Berg. Einige Athos-Bewohner verfolgen mit einem gewissen Misstrauen das Treffen der Kirchenfürsten in Istanbul. Sie verübeln der römischen Kirche, dass sie in den vergangenen Jahrhunderten - vielleicht auch unter dem Druck der Protestanten - zahlreiche Neuerungen eingeführt hat. Abweichungen vom tradierten Glauben lehnen die Mönche ab.

Landschaftspanorama Berg Athos

Aus der Ferne betrachtet steht die Zeit still auf dem Berg Athos

Steht also auf dem Athos die Zeit still? Was den Glauben selbst betrifft, seine Dogmen, die Liturgie und Gebetspraxis: gewiss. Doch in praktischen Dingen des Alltags legen die jüngeren Mönche einen gewissen Pragmatismus an den Tag. In den Gassen Karyes klingeln heute Mobiltelefone. Statt wie früher Esel, transportieren jetzt Jeeps Kisten mit Reis oder Kartoffeln zu den Klöstern. Viele Häuser in Karyes verfügen inzwischen über Strom und fließendes Wasser. Auch das Protaton, die Hauptkirche, hat sich in den letzten Jahren verändert. Sie wird renoviert. Ein riesiges Stahlgerüst überwölbt die Basilika. Im Innern durchziehen Träger aus Metall das Gotteshaus. Die Fresken aus dem 13. Jahrhundert - sie zeigen etwa den Heiligen Dimitrios oder den Heiligen Georg - sind kaum noch zu erkennen.

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