Atomstrom aus Bulgarien | Fokus Europa - Länder, Menschen, Schicksale | DW | 14.07.2008
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Fokus Europa

Atomstrom aus Bulgarien

Bulgarien setzt weiter auf Atomstrom. Zwei neue Reaktoren sind geplant. Umweltschützer sind entsetzt. Nicht nur, dass die Technik aus Russland kommt, das Atomkraftwerk liegt dazu in einem Gebiet mit hohem Erdbebenrisiko.

Herzlich WIlkommen steht an einer Gebäudewand im Ort Belene Bulgarien (09.07.2005/dpa)

Ortseingang Belene: "Herzlich Willkommen" am neuen Standort für Atomkraftwerke Bulgarien

Die Europäische Union hatte an den Beitritt Bulgariens mehrere Bedingungen geknüpft. Eine davon war, dass zwei veraltete Reaktoren im vergangenen Jahr abgeschaltet werden mussten. Trotzdem hat die Europäische Kommission Ende vergangenen Jahres auch grünes Licht für den Bau zweier neuer Reaktoren gegeben. Auch der deutsche Energiekonzern RWE hat sich als Investor und Mitbetreiber beworben.

Atommeiler mit großem Erdbebenrisiko

Am Bauzaun der ewigen Großbaustelle Belene: Gelbe Kräne ragen in den Himmel, ein paar Verwaltungsgebäude sind schon fertig, ebenso ein knallrotes Besucherzentrum. Hier sollen sie einmal stehen, die beiden Blöcke des neuen bulgarischen Atomkraftwerks. Gegen alle Vernunft, wie die bulgarische Umweltaktivistin Albena Simeonova meint. "Schon 1984 haben russische Wissenschaftler gesagt, dass das hier eine Erdbebenregion ist und solche Projekte deshalb sehr riskant sind", erinnert sie sich. 1990 habe dies die Bulgarische Akademie der Wissenschaft bestätigt - in einem Bericht von fast 500 Seiten.

Unter anderem wurde deshalb auch Anfang der 90er Jahre der Bau gestoppt - aus wirtschaftlichen Gründen. Doch vor vier Jahren hat die bulgarische Regierung das Projekt wieder aufgenommen. Ein neues Gutachten wurde in Auftrag gegeben. Die Umweltaktivistin Simeonova vermutet Schmiergeld dahinter. "Die Wahrheit ist, dass die Regierung dafür bezahlt, dass sie Ergebnisse bekommen, die ihnen passen. Denn wie sagt man in Bulgarien: Wer zahlt, bestimmt die Musik." Wie könne man sonst 17 Jahre später plötzlich behaupten, dass es kein Risiko gebe - wieder mit Verweis auf Experten der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften und anderen Experten natürlich.

Die gekaufte Wahrheit

ARCHIV - Techniker des 200 Kilometer nördlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia liegenden Atomkraftwerks Kosloduj, beobachten im Kontrollraum des Reaktors Nr. III die Anzeigen (Archivfoto vom 09.11.2006/dpa)

Umstrittener Atommeiler: Kontrollraum des Reaktors "Kosloduj", der 2007 abgeschaltet wurde

20 Kilometer weiter flussabwärts findet Albena Simeonova Unterstützung für ihren Vorwurf. Hier, in dem kleinen Universitätsstädtchen Swishtov, bebte am 4. März 1977 die Erde. Andrei Zachariew, Mitglied des Stadtparlaments, kann sich an das Ausmaß der Zerstörung noch gut erinnern. Jeder in Swischtov könne dies, sagt er. "Das Erdbeben hat mehr als zwei Drittel der Gebäude zerstört, egal ob sie aus Ziegeln, Steinen oder Beton gemacht waren. 120 Menschen sind gestorben. Das kann hier niemand vergessen."

Doch in dem jüngsten Risiko-Gutachten, auf das sich die bulgarische Regierung beruft, wird das Erdbeben überhaupt nicht erwähnt. Von einem absolut sicheren Standort ist da die Rede. Kein Wunder, meint Stadtrat Zachariew, denn die Regierung habe eine private Firma beauftragt, die gleichzeitig Kunde des staatlichen Energiekonzerns NEK sei. "Millionen Dollar wurden bezahlt, für einen Bericht, der in nur drei Monaten fertig gestellt wurde", sagt Zachariew. Umweltexperten haben dann aber über 200 gravierende Fehler in dem Dokument gefunden.

Gefährlicher Kampf für Umwelt und Sicherheit

In Ljubenovo, einem kleinen Dorf etwa 20 Kilometer westlich von Belene, ist Albena Simeonova zu Hause. Die Ökobäuerin ist Umweltaktivistin der ersten Stunde - ein Engagement das nicht immer ungefährlich war. Vor zwei Jahren hat sie von Greenpeace einen Leibwächter an die Seite gestellt bekommen, denn es habe immer wieder Drohungen gegeben. Vor zwei Jahren dann habe man eine Grenze überschritten. "Es kamen Leute vorbei, die sich vorstellten und sagten: Hör besser auf, gegen das AKW zu arbeiten, sonst wirst du Probleme bekommen."

Doch sie gibt nicht auf. Denn auch die Bauarbeiten verzögern sich und geben Anlass zur Hoffnung. Eigentlich sollte noch in diesem Jahr mit dem Reaktorbau begonnen werden. Doch noch immer ist die Finanzierung nicht gesichert. Zahlreiche Banken haben sich schon wieder zurückgezogen – zu riskant war ihnen nach eingehender Prüfung das Engagement. Das gibt auch Albena Simeonova neue Kraft für den Kampf gegen die neuen Reaktoren. Denn im atomkraftbegeisterten Bulgarien ist der Widerstand insgesamt nur sehr schwach ausgeprägt. Auch in Belene selbst sind fast alle für das Atomkraftwerk.

Die Leute haben keine Arbeit, sie sind arm. Und sie rechnen mit neuen Arbeitsplätzen, erklärt Simeonova. Aber sie versuche den Leuten immer wieder zu erklären, dass die Regierung lüge, auch was den wirtschaftlichen Aufschwung betreffe, der hier immer versprochen werde. "Es werden Fachkräfte von außen kommen. Der Region wird das auf keinen Fall helfen, im Gegenteil."

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