Arme Länder nehmen die meisten Menschen auf | Welt | DW | 20.06.2011
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Welt

Arme Länder nehmen die meisten Menschen auf

Die Zahl der Flüchtlinge ist weltweit auf dem höchsten Stand seit 15 Jahren und immer mehr Menschen sind für eine lange Zeit auf der Flucht: Die UN beklagen in ihrem Report auch die Hilfsstrategie der Industriestaaten.

Flüchtlinge drängen sich unter Zeltdach (Foto:dpa)

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UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres war an einen der aktuellen Brennpunkte gereist, um einige seiner wichtigsten Botschaften an die Weltpresse zu bringen: Auf der kleinen italienischen Insel Lampedusa machte er sich ein Bild von der Lage zigtausender Flüchtlinge vor allem aus Nordafrika und prangerte anlässlich des "Weltflüchtlingstags" an diesem Montag (20.06.2011) auch die Haltung der Regierungen der Industriestaaten an, vor allem derer in Europa.

Guterres: Vorurteile und "Sinnestäuschungen"

Guterrres vor Presse (Foto: dapd)

Guterres verlangt eine neue Lastenverteilung im Kampf gegen globale Flüchtlingsnot

Und der Chef des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) räumte da gleich mit einer Reihe von Vorurteilen auf, denn es gebe da, so Guterres mahnend, "beängstigende Sinnestäuschungen". So sei die Angst vor angeblich riesigen Flüchtlingsströmen in Industrieländer übertrieben. Dies werde mit anderen Wanderungsbewegungen vermischt. Außerdem betonte Guterres: "Die hauptsächliche Last müssen inzwischen ärmere Staaten tragen." Laut dem UN-Bericht zum "Weltflüchtlingstag" bis 2010 leben 80 Prozent der Flüchtlinge in den ärmsten Staaten der Welt.

Auch zu den neueren Fluchtbewegungen nach den Umbrüchen in Nordafrika und im Nahen Osten - die der Bericht noch nicht berücksichtigt - stellte Guteress Stellvertreter, Alexander Aleinikoff, klar: "Ein Großteil der dortigen Flüchtlinge bleibt in der Region."

Immer länger auf der Flucht

Weltweit hat die Zahl der Flüchtlinge einen neuen Höchststand erreicht: Mit rund 43,7 Millionen Menschen, die sich wegen Kriegen und anderer Konflikte auf der Flucht befänden, sei sie im vergangenen Jahr so hoch gewesen wie seit 15 Jahren nicht mehr, teilte das UNHCR am "Weltflüchtlingstag" in seinem Jahresbericht "Global Trends 2010" mit. Unterschieden wird zwischen mehr als 15 Millionen im Exil und mehr als 27 Millionen, die heimatlos im eigenen Land sind. Allein binnen Jahresfrist sei die Zahl der Menschen auf der Flucht insgesamt um etwa 400.000 gestiegen, so die Vereinten Nationen.

Die meisten Flüchtlinge lebten im vergangenen Jahr in Pakistan, dem Iran und Syrien, mit jeweils zwischen ein und zwei Millionen. Zu den Hauptherkunftsländern zählen weiterhin Afghanistan, der Irak, Somalia, die Demokratische Republik Kongo sowie der Sudan.

Der UN-Report belegt außerdem, dass immer mehr Menschen über einen langen Zeitraum auf der Flucht bleiben. Im Jahr 2010 waren etwa 7,2 Millionen Menschen bereits seit fünf Jahren oder länger gezwungen, im Exil zu leben. Das waren so viele wie in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr. Zudem konnten im vergangenen Jahr mit rund 200.000 Menschen so wenige Flüchtlinge wie zuletzt im Jahr 1990 in ihr Heimatland zurückkehren.

UN: Deutschland hat 600.000 Flüchtlinge aufgenommen

"Die Welt lässt diese Menschen im Stich, das Leben der Betroffenen endet für unbestimmte Zeit in der Warteschleife", mahnte Guterres. Die Industrieländer müssten sich intensiv damit befassen, denn mehr Belastungen könnten die Entwicklungsländer nicht tragen. Deutschland ist nach dem Bericht der Vereinten Nationen das Industrieland mit der höchsten Zahl an Flüchtlingen: knapp 600.000.

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Ungeachtet dessen beklagen Hilfsorganisationen wie "Pro Asyl" auch in Deutschland eine "Festungsmentalität" gegenüber Flüchtlingen. Deutsche Innenminister seien "von den 90er Jahren geprägt", als in direkter Nachbarschaft die Kriege auf dem Balkan tobten, beschrieb es jüngst der Geschäftsführer und Mitbegründer von "Pro Asyl", Günter Burkhardt, in einem Interview der Agentur DAPD. Er klagte an: "Es ist unerträglich, dass Europa in der Lage ist, einen High-Tech-Krieg zu führen, aber nicht willens, Flüchtlingsboote zu orten und Menschen zu retten".

Das unabhängige Bündnis "Gemeinsam für Afrika" nannte es "beschämend", dass europäische Regierungen Asylsuchende von der Überfahrt nach Europa abhielten. Die wenigsten Afrikaner verließen ihre Heimat freiwillig, sondern seien durch Armut, Arbeitslosigkeit, Diktatur und Bürgerkrieg dazu gezwungen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sprach sich anlässlich des "Weltflüchtlingstags" gegen eine Lockerung des geltenden Asylrechts aus. Es dürften "keine neuen Anreize" für Armuts- und Wirtschaftsflüchtlinge geschaffen werden, sagte der CSU-Politiker.

Autor: Siegfried Scheithauer (afp,dapd,dpa)
Redaktion: Marko Langer

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