Argentinien: Wirtschaft hat Angst vor dem Linksschwenk | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 16.08.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Vorwahlergebnis

Argentinien: Wirtschaft hat Angst vor dem Linksschwenk

Nach dem unerwarteten Sieg der Peronisten bei der Präsidenten-Vorwahl hat die Regierung von Mauricio Macri ein Sofortmaßnahmenpaket angekündigt. Doch die argentinische Wirtschaft befindet sich schon im Sinkflug.

Die argentinische Wirtschaft fällt nach der Vorwahlschlappe von Präsident Mauricio Macri am vergangenen Sonntag in einen tiefen Abgrund: Die Landeswährung Peso stürzt ab, das Länderrisiko, mit dem die Kreditwürdigkeit eines Landes im Ausland bewertet wird, beträgt fast 2000 Punkte, und die Inflation steuert auf die 50-Prozentmarke zu.

Am Mittwoch entschuldigte sich Macri für seine Äußerungen kurz nach der Wahl, bei der sein Widersacher Alberto Fernandez mit 47 Prozent der Stimmen die Vorwahl zum Präsidentenamt unerwartet klar gewann. In einer Pressekonferenz hatte Macri, der nur 32 Prozent der Stimmen erreichte, den Gewinner zur Selbstkritik aufgefordert. "Am Montag war ich noch sehr von dem Ergebnis vom Sonntag mitgenommen, ohne Schlaf und traurig über die Folgen. Aber ich wollte der Presse Rede und Antwort stehen".

Argentinien Präsident Mauricio Macri (Reuters/M. Brindicci)

Versprechen im Widerspruch zur eigenen Politik: Der argentinische Präsident Mauricio Macri

Im Anschluss kündigte er ein Maßnahmenpaket an, das gegen die orthodoxe Sparpolitik seiner Regierung verstößt, und telefonierte dann mit Alberto Fernández. Als Ergebnis twitterte er: "Wir haben vereinbart, im direkten Kontakt miteinander zu sein".

Macri in der Zwickmühle

"Was jetzt passiert, hängt davon ab, wie sich die Regierung verhält: Handelt sie wie ein Kandidat im Wahlkampf oder nimmt sie verantwortungsvoll die Rolle der Exekutive an?", fragt Alfredo Meyer, ehemaliger Chef eines metallurgischen Unternehmens und Koordinator beim Unternehmensnetzwerk Vistage.

Macri ist zwar weiterhin Präsident des Landes, aber seine Regierung ist mit der Ohrfeige vom Sonntag bis zu den Präsidentschaftswahlen im Oktober so gut wie schachmatt gesetzt. In der argentinischen Wirtschaft nimmt unterdessen die Unsicherheit zu.

Jorge Göttert, Unternehmer und Präsident der Argentinischen Kammer für Maschinenbau CARMAHE äußert sich im Gespräch mit der DW "sehr besorgt. Es gibt ernste Befürchtungen, dass Argentinien bald eine wirtschaftsferne und weltfremde Politik betreibt und dass wir bald Venezuela und den Iran als Freunde haben werden. Wir wollen unsere Arbeit, die wir in Länder wie Japan, Italien oder den USA investiert haben, nicht verlieren", betont er. Wirtschaftliche Beziehungen mit Deutschland, versichert Göttert, hätten in der Zeit der Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner von 2011 bis 2015 praktisch "nicht bestanden, und sie (seien) erst in den letzten drei Jahren neu aufgebaut" worden.

Alberto Fernández könnte der kommende neue Präsident Argentiniens sein.

Alberto Fernández könnte der nächste Präsident Argentiniens sein

Trotz der Sorgen über die Zukunft des Landes sind sich die beiden argentinischen Geschäftsleute darin einig, dass Macri seine Ziele verfehlt habe. "Ich gebe zu, dass Macri seine Sache sehr schlecht gemacht hat, aber wir sahen zumindest ein Licht am Horizont", sagt Göttert. Alfredo Meyer sagt: "Macri hat in einigen sehr spezifischen Bereichen sporadische Erfolge erzielt, aber dies war nicht genug".

32 Prozent leben unterhalb der Armutsgrenze

Angesichts der dramatischen Arbeitslosen- und Armutzahlen - Ende 2018 lebte 32 Prozent der Argentinier und jedes zweite Kind unterhalb der Armutsgrenze - ist die Regierung letztendlich für die schwierige Situation des Landes verantwortlich.

Einer kommenden linksgerichteten Regierung in Argentinien sieht der Unternehmer Göttert ohne Hoffnungen entgegen: "Sollte Alberto Fernández das Rad zurückdrehen wollen, fallen wir viele Jahre zurück. Die Wirtschaft ist es leid, dass dauernd die Spielregeln geändert werden. Viele Branchen sind schon geschwächt. Und jedes Unternehmen, das schließt, bedeutet noch mehr Arbeitslose auf der Straße".

Alfredo Meyer hebt die Dringlichkeit eines nationalen Bündnisses zur Bewältigung der Krise hervor. "Es gibt drei oder vier Bereiche, in denen wir wettbewerbsfähig sein können, wenn wir uns organisieren: In der Landwirtschaft, wo wir sowohl bei den Rohstoffen als auch bei der Nahrungsmittelproduktion eine ausgezeichnete Basis haben, im Forschungswesen, und beim Energieexport, falls wir ein schlüssiges Konzept für die Ölschiefer-Lagerstätte 'Vaca Muerta' entwickeln."

Die Redaktion empfiehlt