Arbeitsausbeutung in Deutschland | Top-Thema – Podcast | DW | 25.08.2015
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Top-Thema – Podcast

Arbeitsausbeutung in Deutschland

Abhängigkeit und Sklaverei – die Wörter, mit denen Dimitru Cubylyass seine Arbeit auf einer Baustelle in Deutschland beschreibt, sind hart. Doch die Geschichte des rumänischen Hilfsarbeiters ist kein Einzelfall.‎

Audio anhören 03:15

Arbeitsausbeutung in Deutschland – das Top-Thema als MP3

Der Rumäne Dimitru Cubylyass war nach Deutschland gekommen, weil ihm sein Cousin von viel Arbeit und gutem Lohn erzählt hatte. Am Anfang ging auch alles gut: Cubylyass arbeitete auf der Baustelle eines Einkaufzentrums in Berlin und bekam regelmäßig Lohn – fünf bis sechs Euro in der Stunde. Dann kam das Geld immer seltener, später wurde Cubylyass gar nicht mehr bezahlt. Auch den Arbeitsvertrag, den man ihm versprochen hatte, bekam er nicht.

Das ist systematische Ausbeutung, sagt Dominique John vom Deutschen Gewerkschaftsbund, der das Projekt „Faire Mobilität“ leitet. Private Jobvermittlungen nutzen aus, dass die Menschen kein Deutsch sprechen und ihre Rechte nicht kennen. Außerdem ist ihre Unterkunft oft an ihre Arbeit gebunden. Wenn die Arbeiter krank werden oder sich gegen die schlechten Bedingungen wehren, verlieren sie auch ihre Wohnung, so John. Und ohne Wohnung können sie nicht in Deutschland bleiben.

Ausbeutung ist auch in anderen EU-Ländern ein Problem. In Deutschland sind vor allem Menschen davon betroffen, die in der Baubranche, der Fleischproduktion und der Pflege arbeiten. Oft kommen sie aus Osteuropa. Dominique John und seine Kollegen haben im Jahr 2014 6.000 Opfer von Arbeitsausbeutung in ihren Beratungsstellen betreut. Er sagt: „Hätten wir doppelt so viele Beratungen, wären es wohl doppelt so viele Fälle.“ Wichtig findet er, dass alle, die hier arbeiten wollen, schon in ihren Heimatländern über ihre Rechte informiert werden.

Dimitru Cubylyass wusste zum Beispiel nicht, dass er auf Berliner Baustellen eigentlich 11 Euro in der Stunde bekommen müsste. Als er und seine Kollegen gar nicht mehr bezahlt wurden, gingen die meisten zurück in ihre Heimat. Cubylyass aber blieb und begann, gemeinsam mit einigen anderen im Herbst 2014 vor dem Einkaufszentrum zu protestieren. Im August 2015 bekamen drei Rumänen vor dem Berliner Arbeitsgericht in ähnlichen Fällen Recht. Cubylyass' Fall wird im September 2015 verhandelt. Er wartet auf 4.000 Euro Lohn, die ihm nicht gezahlt wurden.


Glossar

Arbeitsausbeutung
(f., nur Singular) – die Tatsache, dass jemand viel zu wenig Geld für seine Arbeit bekommt

Sklaverei (f., nur Singular) – hier: die Situation, in der jemand nicht frei entscheiden kann und unter schlechten Bedingungen arbeiten muss

Einzelfall, -fälle (m.) – die Situation, die nur einmal oder nur ganz selten vorkommt

Einkaufszentrum, -zentren (n.) – ein großes Gebäude mit mehreren Geschäften

regelmäßig – immer wieder (z. B. jeden Tage, jede Woche, jeden Monat)

Arbeitsvertrag, -verträge (m.) – das Dokument, in dem Rechte und Aufgaben von jemandem stehen, der für jemanden arbeitet

systematisch – hier: geplant; mit Absicht

Deutscher Gewerkschaftsbund (m., nur Singular) – eine Organisation, in der verschiedene Gruppen, die für die Rechte von Arbeitnehmern kämpfen, sind

Mobilität (f., nur Singular) – hier: die Tatsache, dass jemand sein Heimatland verlässt, um für einige Zeit in einem anderen zu arbeiten

Jobvermittlung, -en (f.) – eine Firma, die für jemanden Arbeit sucht

etwas aus|nutzen – etwas für seine Ziele nutzen; hier auch: Vorteile durch etwas haben, das für jemand anderen negativ ist

an etwas gebunden – hier: so, dass es etwas ohne etwas anderes nicht gibt

sich gegen etwas/jemanden wehren – gegen etwas/jemanden kämpfen

Branche, -n (f., aus dem Französischen) – der Bereich, hier: der Geschäftsbereich

Pflege (f., nur Singular) – hier: die → Branche, in der man alten und krankenMenschen hilft

Beratungsstelle, -n (f.) – ein Ort, an dem man Hilfe bekommt und informiert wird

von etwas betroffen – so, dass etwas ein Problem für jemanden ist

Recht bekommen – hier: einen Gerichtsprozess gewinnen

einen Fall verhandeln – einen Streit vor Gericht entscheiden


Fragen zum Text

1. Was steht im Text? Dimitru Cubylyass wurde ausgebeutet, weil er …
a) nicht richtig für seine Arbeit bezahlt wurde.
b) plötzlich entlassen wurde, als das Einkaufszentrum fertig war.
c) sich nicht selbst eine Wohnung in Berlin suchen durfte.

2. Von Ausbeutung sind in Deutschland … betroffen.
a) alle Menschen, die auf Baustellen arbeiten,
b) nur Menschen, die ihre Arbeitsverträge bereits in Osteuropa bekommen haben,
c) vor allem Menschen, die kein Deutsch sprechen,

3. Was ist nicht richtig?
a) Dimitru Cubylyass wurde in Rumänien über seine Rechte in Deutschland informiert.
b) Es gab 2014 mehr als 6.000 Menschen, die eine ähnliche Erfahrung wie Dimitru Cubylyass gemacht haben.
c) Auch in anderen EU-Staaten werden Menschen ausgebeutet.

4. Den Vertrag, … Dimitru Cubylyass eigentlich versprochen worden war, sah er nie.
a) der
b) dem
c) den

5. Einige Männer, mit … Dimitru Cubylyass gemeinsam gearbeitet hat, sind wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.
a) die
b) denen
c) deren


Arbeitsauftrag
Katya Andrusz von der Grundrechteagentur der Europäischen Union schlägt vor, dass Unternehmen, die ihre Arbeiter gut behandeln, ein Zertifikat bekommen. Wie findet ihr das? Kann dieses „Fair-Work“-Zertifikat andere Menschen so beeinflussen, dass sie zum Beispiel in einem Einkaufszentrum nicht mehr einkaufen, weil die Arbeiter dort beim Bau schlecht behandelt wurden? Diskutiert darüber im Kurs.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads