Anne Wizorek: ″Man muss sich fragen, wie benutzen wir Sprache eigentlich?″ | Bücher | DW | 16.11.2018
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Geschlechtergerechtigkeit

Anne Wizorek: "Man muss sich fragen, wie benutzen wir Sprache eigentlich?"

Mit ihrem Hashtag #aufschrei hat sie eine Debatte zu Alltagssexismus angestoßen. Jetzt geht es Anne Wizorek um Gleichberechtigung in der Sprache. Warum sollten wir unsere Sprache verändern?, fragten wir die Feministin.

Deutsche Welle: Frau Wizorek, Sie haben in Ihrem gemeinsam mit Frau Lühmann veröffentlichten Buch "Gendern?!" zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache die Pro-Position eingenommen. Warum müssen wir gendern?

Anne Wizorek: Da muss ich erst mal mit einem grundlegenden Missverständnis aufräumen: Gendern, das tun wir auch jetzt schon. Eine geschlechtsfreie Sprache gibt es gar nicht. Die Frage ist, wie wir das tun. Wenn wir wie bisher vor allem in der männlichen Form sprechen, dann ist das auch schon Gendern – aber dann meint das nur Männer. Und wir alle wissen, dass unsere Welt anders aussieht. Insofern ist eine geschlechtergerechte Sprache eine, die auch andere Geschlechter nicht nur vermeintlich mit meint, sondern auch tatsächlich nennt. Dann denken wir sie auch mit.

Über Sprache wird letztendlich natürlich auch Macht ausgeübt. Mit dieser Diskussion um geschlechtergerechte Sprache wird angestoßen, darüber nachzudenken, wie wir bisher Menschen ausschließen oder vielleicht sogar diskriminieren.

Würden Sie der Formel zustimmen, Sprache bestimmt das Bewusstsein – wir wollen das Bewusstsein ändern, also müssen wir die Sprache ändern?

Der würde ich zustimmen. Wenn wir plötzlich feststellen, dass wir uns in der Alltagssprache mehr wiederfinden, dann bestärkt mich das als Teil dieser Gesellschaft. Vielleicht kann ich mich sogar als politisches Subjekt noch mal ganz anders wahrnehmen und auch meine Bedürfnisse besser formulieren.

Wie sollte denn gendergerechte Sprache konkret aussehen? Wie, sie schriftlich fixiert werden? Wir haben das Binnen-I, den Gender Gap, die Doppelnennung… Wie gendern Sie persönlich?

Ich mache das bisher mit dem Gender Gap: einer Markierung, die im wahrsten Sinne des Wortes einen Raum schafft, diese Lücke eben, um zu markieren, dass es neben weiblich und männlich auch andere Geschlechter gibt. Insofern finde ich es wichtig, das so zu markieren und nicht zum Beispiel das Binnen-I zu benutzen oder die Doppelnennung, weil die sich immer noch auf männlich und weiblich beschränkt. Es war schon immer Realität, aber mittlerweile wird noch stärker wahrgenommen, dass es neben männlich und weiblich andere Geschlechtsidentitäten gibt.

Anne Wizorek (Picture-Alliance/dpa/S. Pilick)

2013 initiierte Anne Wizorek mit anderen jungen Frauen eine Twitter-Kampagne gegen sexistische Übergriffe, die eine große Debatte auslöste

Ist das auch der Grund, weshalb Sie vom generische Femininum, also die männliche miteinschließende weibliche Form, nichts halten?

Ach, das würde ich schon auch benutzen. Das Schöne ist ja, dass es jetzt nicht die eine Form gibt. Wir diskutieren ja auch immer noch, welche vielleicht am besten geeignet ist. Ich glaube aber auch, dass sich das immer noch weiterentwickeln wird, weil Sprache sich eben auch immer weiterentwickelt.

Das ist auch vom Kontext abhängig. Ich kann mir Kontexte vorstellen, wo es total super ist, einfach das generische Femininum zu benutzen. Das habe ich auch mitunter schon getan.

Was erwarten Sie denn vom Rat für Rechtschreibung? Wird er einen Beschluss zum Vorschlag der Arbeitsgruppe für "geschlechtergerechte Schreibung" fassen?

Es wäre natürlich schön, wenn sich etwas weiterbewegen würde und wenn es eine Empfehlung gäbe. Ich glaube, das ist auch das, was viele Leute bisher missverstehen oder falsch interpretieren: Es geht ja nicht um eine feste Regel, die da formuliert wird, sondern eher darum, eine Empfehlung auszusprechen Wenn sie das tun würden, fände ich das ein wichtiges Signal. Es würde am Ende bedeuten: Macht euch doch mal darüber Gedanken, wie ihr Sprache bisher benutzt habt und wie ihr sie vielleicht geschlechtergerechter gestalten könnt.

Warum fühlen sich so viele Menschen von dem Thema und den Konsequenzen so stark persönlich angegriffen?

Das ist ein klassisches Problem, wenn es um so verinnerlichte Diskriminierungsformen geht. Das sind in der Regel Sachen, die man bisher nicht hinterfragt hat. Und dann wird das auf so eine Art und Weise sehr stark hinterfragt – da sind Menschen tendenziell eher so, dass sie in die Defensive gehen und nicht sehr veränderungswillig sind. Da braucht es dann mitunter einfach einen längeren Prozess, um darüber nachzudenken. Aber ich glaube, da sind wir generell auf einem guten Weg. Wenn man sich die Umfragen ansieht, sind durchaus mehr Menschen offen für geschlechtergerechte Sprache, als es immer heißt.

Zugleich sollte man aber auch nicht unterschätzen, dass es durchaus einen Anteil gibt, der ganz klar auch als Angriff auf Geschlechtergerechtigkeit generell zu verstehen ist. Wenn wir uns anschauen, wie die AfD mit dem ganzen Thema Gender überhaupt umgeht, und dann speziell nochmal Sprache – das ist ja eine Partei, die selber Sprache in einer äußerst brutalen Form benutzt, um verbale Kriegsführung zu betreiben. Die ist sich der Macht der Sprache sehr wohl bewusst, will das aber immer so darstellen, als wären das irgendwelche Luxusprobleme, irgendwelche Sachen, um die man sich nicht kümmern müsste. Das ist natürlich totaler Quatsch.

Sprache ist das was wir jeden Tag als wichtigstes Werkzeug benutzen. Und natürlich müssen wir uns fragen: Wie benutzen wir Sprache denn eigentlich? Wenn Sprache diskriminierend ist – und das bezieht sich ja nicht nur aufs Geschlecht – dann sollten wir uns immer hinterfragen: Wollen wir weiterhin diskriminierende, verletzende Sprache benutzen? Oder wollen wir daran etwas ändern? Ich will das ändern, und zwar zu einem Besseren hin.

Anne Wizorek ist selbstständige Beraterin für digitale Medien, Autorin und feministische Aktivistin. Sie lebt im Internet, in Berlin und ist Gründerin des Grimme Online Award nominierten Gemeinschaftsblogs kleinerdrei.org. Der von ihr initiierte Hashtag #aufschrei stieß im Jahr 2013 eine Debatte zu Alltagssexismus an und wurde dafür als erster Hashtag mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Als Mitglied der Sachverständigenkommission arbeitete Anne Wizorek am 2. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung mit.

Im Herbst 2018 erschien im Duden Verlag die Streitschrift "Gendern?!", in der sie ein Plädoyer für geschlechtergerechte Sprache verfasst hat.

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