Anleitung zur Abstinenz | Deutschland | DW | 01.11.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Anleitung zur Abstinenz

Nur einen Tag nicht zur Flasche greifen: Mit diesem Rat versuchen die "Anonymen Alkoholiker" Abhängigen zu helfen. Seit 60 Jahren kämpfen sie gegen die Sucht, die über eine Million Deutsche betrifft. Ein Besuch.

Klopfender Beifall erfüllt den ruhigen Raum. Zustimmendes Nicken und ein Lächeln in Christians Richtung. Heute vor fünf Jahren sagte er sich zum ersten Mal: "Nur einen Tag lang, nur 24 Stunden kein Alkohol." Damals war er bereits an seinem Tiefpunkt angelangt. Er lag im Krankenhaus, seine Bauchspeicheldrüse war am Ende: "Die hätte ich mir regelrecht weggesoffen, wenn ich nicht aufgehört hätte."

Es folgten Entgiftung, Therapie, Nachsorge. "Doch das Wichtigste waren für mich die 'Anonymen Alkoholiker'", sagt Christian. Nun kommt er mindestens einmal pro Woche in die sogenannten "Meetings". Hier trifft er auf andere Alkoholiker, "Freunde" - so nennen sie sich untereinander. Ihre vollen Namen kennen sie jedoch nicht. Jeder entscheidet selbst, wie viel er von sich preisgibt.

Sie sitzen um einen großen Tisch. Kaffee, Tee, Wasser, jeder so viel er will. Draußen pfeift der erste Herbstwind um die Häuser, drinnen machen es sich die Freunde gemütlich. Das Ambiente ist ruhig, unaufgeregt, jeder darf ausreden, jedem wird zugehört. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit Alkoholikern um einen Tisch sitzen würde. Sowas fand ich damals eklig. Und heute finde ich es einfach nur cool. Ich freue mich richtig, jedes Mal hierher zu kommen", sagt Christian.

Meetingsraum der Anonymen Alkoholiker (Foto: DW/Greta Hamann)

"Mein Name ist ... und ich bin Alkoholiker", so beginnt jeder, der an diesem Tisch spricht

Wer beim nächsten Treffen dabei sein wird, das weiß keiner. Es könnte der Bürgermeister sein, die Nachbarin oder der Schwager. Sicher ist jedoch: Was in diesen vier Wänden gesagt wird, bleibt auch hier. "Die Anonymität gibt mir die Freiheit, auch offen über meine Gefühle zu reden. Woanders würde ich das so auch nicht einfach machen", sagt Christian.

Anonyme Alkoholiker begannen in den USA

Ursprünglich stammen die "Anonymen Alkoholiker" aus den USA. 1935 trafen sich dort der Chirurg Bob Smith und der Börsenmakler Bill Wilson, um sich über ihre Krankheit auszutauschen. Und so schwappte die Bewegung auch nach Deutschland über. Amerikanische Soldaten, ebenfalls "Anonyme Alkoholiker", riefen am 1. November 1953 zu einer Versammlung auf. Das erste Treffen "Anonymer Alkoholiker" in Deutschland.

Logo der Anonymen Alkoholiker in Köln (Foto: Horst Galuschka)

Deutschlandweit gibt es rund 2400 Gruppen der "Anonymen Alkoholiker"

Heute ist der Verein eine der größten Selbsthilfegruppen Deutschlands. Rund 25.000 Menschen gehen nach eigenen Angaben zu den Treffen der circa 2400 Gruppen. Weltweit sind die "Anonymen Alkoholiker" in 185 Ländern vertreten und zählen rund zwei Millionen Mitglieder.

Auch Mathias Luderer, Arzt an der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin in Mannheim, empfiehlt jedem seiner alkoholabhängigen Patienten, zu einem Treffen der "Anonymen Alkoholiker" zu gehen. "Die 'Anonymen Alkoholiker' eignen sich besonders für Menschen, die eine klare Struktur brauchen und offen über ihr Problem sprechen wollen."

Besonders die so genannten "Zwölf Schritte", das Programm der "Anonymen Alkoholiker", hebt der Arzt positiv hervor: Sie reichen vom ersten Schritt, der Einsicht, bis zum letzten, dem alltäglichen Leben und dem Weitergeben der Botschaft an andere Alkoholiker. Die praktischen und spirituellen Anleitungen wurden aus den eigenen Erfahrungen anderer Alkoholkranker gewonnen.

Ein Leben ohne Alkohol ist möglich - und schön

Plakat mit Verhaltensregeln im Meetingsraum der Anonymen Alkoholiker (Foto: DW/Greta Hamann)

Die Anonymität bietet den Hilfesuchenden Schutz

Trotzdem kommen in letzter Zeit immer weniger Alkoholsüchtige zu den Treffen. Das nimmt die Organisation zur Kenntnis, sagt Joachim, Sachbearbeiter für Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. "Wir nehmen das aber nicht zum Anlass, aktiv Werbung zu machen. Das ist nicht unsere Priorität. Wir wollen einfach nur da sein für alle, die Hilfe suchen." Man müsse in Zukunft mehr Lebensfreude ausstrahlen, so Joachim, denn das Leben in der Abstinenz bringe viel Positives mit sich.

Das hat auch Christian erfahren: "Seitdem ich zu den Treffen komme, geht es in meinem Leben steil bergauf." Während seiner Abhängigkeit ließ er sich von seinen Eltern aushalten, war arbeitslos. Heute hat er einen festen Job und fühlt sich besser denn je. Er schaut aus dem Fenster. Es scheint, als glaube er die Geschichte, die er da erzählt, selbst nicht. Doch ein Freund nickt verständnisvoll und drückt es auf seine Weise aus: "Wovon ich mit besoffenem Kopf geträumt habe, das habe ich dann nüchtern gelebt und umgesetzt."

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links