Angst vor Trumps Gesundheitsreform | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 23.03.2017
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Obamacare

Angst vor Trumps Gesundheitsreform

Darf Donald Trump die weitreichende Gesundheitsreform seines Vorgängers Obama kippen? Das US-Abgeordnetenhaus soll heute über einen umstrittenen Gesetzentwurf des neuen Präsidenten entscheiden. Janin Istenits berichtet.

USA Medizinische Versorgung (Getty Images/S. Platt)

Kostenlose Zahnarztbehandlung für Bedürftige in Florida

Caroline Conner aus Washington D.C. ist sieben Jahre alt und kann weder laufen noch sprechen. Sie braucht Unterstützung beim Sitzen und Essen, ist rund um die Uhr auf medizinische Hilfe angewiesen. Sie war knapp zwei Jahre alt, als die Ärzte bei ihr das Rett-Syndrom, eine schwere Entwicklungsstörung, feststellten. Caroline wurde 2010 geboren, im gleichen Jahr verabschiedete die US-Regierung das Gesetz für Obamacare.

Ihre Mutter Marta erinnert sich genau an diese Zeit: "In den ersten Monaten nach ihrer Geburt zeigte Caroline keine Symptome. Nach einem Jahr fiel es ihr plötzlich schwer, zu schlucken. Danach verlor sie die Kontrolle über ihre Hände, konnte ihr Spielzeug nicht mehr greifen." Dass ihre Tochter ein Leben lang auf Pflege angewiesen sein würde, war für Marta ein großer Schock. Noch beunruhigender sei es allerdings für sie, dass Carolines Gesundheit für immer von den Entscheidungen des Staates abhängig sein würde, sagt sie.

Obamas Gesundheitsreform

Die nötige medizinische Hilfe erhält Caroline seit der Diagnose von Medicaid, einer staatlichen Krankenversicherung, die den Ärmsten der Gesellschaft zusteht. Die Zugangshürden für dieses Programm wurden in den letzten Jahren durch Obamas Gesundheitsreform abgebaut. Während damals 48 Millionen Amerikaner nicht krankenversichert waren, sind es heute nur noch rund 29 Millionen Menschen. Debbie Stein, Direktorin der gemeinnützigen Organisation "Partnership for America's Children" betont, dass heute 95% aller Kinder in den USA krankenversichert sind – dank Obamas Reform.

Marta Conner mit ihrer Tochter Caroline (DW/J.Istenits)

Rund um die Uhr auf medizinische Hilfe angewiesen: Caroline Conner mit ihrer Mutter Marta.

Dieses historische Hoch macht es möglich, dass Caroline bei ihren Eltern aufwächst und zu Hause gepflegt wird. Täglich muss sie zehn verschiedene Medikamente einnehmen und wird rund um die Uhr von einer Krankenschwester betreut. Marta und ihr Ehemann arbeiten beide in Vollzeit und könnten die hohen Pflegekosten dennoch nicht allein stemmen. So geht es vielen Menschen in den USA, die dank Obamacare zum ersten Mal im Leben krankenversichert sind.

Dennoch droht die historische Reform mit dem 45. US-Präsidenten Donald Trump zu kippen. Das gefährdet nicht nur die Gesundheit von Kindern wie Caroline, sondern auch die Pflege von Rentnern und chronisch Kranken.

Trump will Obamacare abschaffen

Jeder Amerikaner soll Zugang zu einer Krankenversicherung haben – dieser Gedanke prägt Obamacare und wird seit Jahren heftig diskutiert. Republikaner kritisieren den Versicherungszwang, dem Amerikaner mit der Reform unterliegen. Jeder amerikanische Staatsbürger mit Wohnsitz in den USA ist dazu verpflichtet, eine Krankenversicherung zu haben. Nicht-Versicherten drohen hohe Strafen.

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Trump unterzeichnet Dekret gegen Obamacare

Das missfällt dem neuen Präsidenten, der die Reform seines Vorgängers bereits während des Wahlkampfes als zu teuer kritisierte. Er versprach damals, den Versicherungszwang abzuschaffen und somit US-Bürger sowie Staaten finanziell zu entlasten. Damit punktete er bei vielen Wählern. So etwa auch bei Janice Phelps aus Indiana. Die 60-Jährige gab Donald Trump im vergangenen November ihre Stimme und unterstützt seine Pläne, Obamacare umzustrukturieren.

Phelps ist selbst ein Pflegefall. Nach mehreren Operationen ist sie stark gehbehindert, zusätzlich leidet sie an schwerem Asthma und einer bipolaren Störung. Die ehemalige Fabrikarbeiterin weiß also, wie teuer es ist, chronisch krank zu sein. Hilfe steht ihr derzeit durch Medicaid zu. Die Pflegekosten belaufen sich monatlich auf rund 4000 Dollar, eine Summe, die sie unmöglich ohne das staatlich finanzierte Programm aufbringen könnte: "Ohne Medicaid wäre ich in ein paar Monaten tot. Ich müsste mich jeden Tag zwischen Essen und Medikamenten entscheiden".

USA Medizinische Versorgung (Getty Images/AFP/D. McNew)

Millionen US-Amerikaner haben Sorge, künftig wieder ohne Krankenversicherung zu sein

Dennoch glaube sie daran, dass Trump mit seinem Dekret auf dem richtigen Weg sei: "Ich möchte selbst entscheiden, zu welchem Arzt ich gehe und wie ich behandelt werde. Donald Trump möchte genau das möglich machen", sagt Phelps, die unzufrieden damit war, dass sie mit ihrem Versicherungsschutz nur von bestimmten Ärzten behandelt wurde und dann oft lange Wartezeiten in Kauf nehmen musste. 

Verheerende Folgen für Millionen Menschen

Wenn Trumps Plan Erfolg hat und Obamacare abgeschafft wird, könnten in 10 Jahren 52 Millionen Menschen ohne Versicherung dastehen. Auch Janice Phelps wäre betroffen, da der staatliche Zuschuss für das Medicaid-Programm um 880 Milliarden Dollar gekürzt werden soll. Allison Wohl, Vertreterin der "Association of Persons in Supported Employment" (APSE) setzt sich für Menschen mit Behinderung ein. Sie weist auf die dramatischen Folgen dieses Beschlusses hin: "Die Kürzungen werden sich schnell auf die Qualität der Krankenpflege auswirken. Zusätzlich wird die Zahl derer sinken, die überhaupt für staatliche Hilfe in Frage kommen."

USA Mary Nunez, Angst vor Änderungen an Obamacare (privat)

Weinte vor Glück, als "Obamacare" eingeführt wurde: Massage-Therapeutin Mary Nuñez

Mary Nuñez gehört zu denjenigen, die um weitere staatliche Hilfe und ihre Gesundheit bangen müssen. Die Massagetherapeutin aus New Mexiko hat eine angeborene Herzkrankheit, sie ist auf konstante Versorgung angewiesen. Nuñez ist selbstständig und konnte sich wegen ihrer Vorerkrankung nie eine Versicherung leisten. Als Obamacare eingeführt wurde, war sie den Tränen nahe: "Die Gebete meiner Familie wurden erhört. Durch die Reform war eine Behandlung endlich bezahlbar". Mary wurde operiert, die Zuschüsse der Regierung helfen ihr, die Arztbesuche und Krankenhausrechnungen zu bezahlen. 

Die Entscheidung steht noch aus

Bei einer öffentlichen Kundgebung in Kentucky zeigte Donald Trump sich am vergangenen Montag zuversichtlich, obwohl der Entwurf nicht nur bei den Demokraten, sondern auch bei den Republikanern auf herbe Kritik stößt. Die Republikaner legten daher in der Nacht zu Dienstag einen überarbeiteten Entwurf vor. Damit wollen sie die Zahl der Menschen verringern, die ihre Versicherung verlieren könnten und vor allem dafür sorgen, dass Zweifler im Repräsentantenhaus heute (23.03.2017) für die Annullierung von Obamacare stimmen. Wie es danach für Millionen Amerikaner, darunter Caroline, Janice und Mary, weitergeht, ist ungewiss.

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