Angela Merkel - Wie sie wurde, was sie ist | Deutschland | DW | 22.09.2013
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Deutschland

Angela Merkel - Wie sie wurde, was sie ist

Sie konnte als Politikerin nichts werden, da waren sich viele einig. Blasses Gesicht, eine Frisur im Anti-Trend und eine Garderobe zum Erbarmen. Aber Angela Merkel stellt sich inzwischen zum dritten Mal zur Kanzlerwahl.

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht am 17.08.2013 während einer CDU-Wahlkampfveranstaltung in Cloppenburg (Niedersachsen) (Foto: DPA)

Angela Merkel macht Wahlkampf

Man kann nicht sagen, Angela Merkel regiere in ruhigen Zeiten. Im Juni wäre sie in Sankt Petersburg fast in einen politischen Hinterhalt gestolpert. Der russische Präsident Wladimir Putin will ihr, entgegen der Abmachung, bei der Eröffnung einer Ausstellung mit Exponaten der sogenannten Beutekunst, das Rederecht entziehen. Eine Brüskierung. Merkel droht mit der Verkürzung ihrer Russland-Reise und setzt damit Putin schachmatt. Ein Sieg und ein Beleg für Merkels Poker-Fähigkeiten.

Die Erfolgsrezeptur: Schweigen, beobachten, spät handeln

Ganz andere Qualitäten zeigt sie beim Thema NSA (National Security Agency), dem Ausspähskandal der Geheimdienste. Ein außen- wie innenpolitischer Gau für die Bundeskanzlerin. Ausgerechnet der engste Verbündete USA spioniert seine deutschen Freunde nach allen Regeln der Geheimdienstkunst aus. Und die deutschen Nachrichtendienste helfen kräftig mit. Erst schweigt sie, dann lässt sie Empörung über ihre Sprecher verkünden. "Sie nimmt aus allen kontroversen Themen die Luft raus", hält ihr der Historiker Edgar Wolfrum vor. Sie sitzt Probleme aus und schließt sich am Ende der Mehrheitsmeinung an. Eine politische Gabe, die ihr Achtung und Verachtung gleichermaßen einträgt.

Bundekanzlerin Angela Merkel (Mitte) mit Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande (links) und EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso (rechts) in Berlin im März 2013. Quelle: REUTERS/Fabrizio Bensch

In Europa gibt Merkel die Richtung vor - mit Frankreichs Präsident Hollande (li) und EU-Kommissionspräsident Barroso

Ihre wahre Härte demonstriert sie auf europäischer Bühne. Seit 2008 ist die Kanzlerin vor allem als Krisenmanagerin gefragt. Weil Griechenland schwächelt, versucht sie den Euro zu retten. In Athen ist man nicht gut auf sie zu sprechen, eigentlich in ganz Südeuropa nicht. Doch die internationale Zustimmung für ihre Euro-Politik überwiegt.

Merkels Kosmos: Zahlen, Daten, Fakten

Man muss die Wurzeln Merkels kennen, um zu verstehen, wie sie wurde, was sie ist. Wohl noch nie in der Geschichte Deutschlands nach 1945 wurde ein Politiker so unterschätzt wie die Pastorentochter aus der ostdeutschen Provinz. Bei ihren ersten Auftritten kommt zum eher nicht-telegenen Äußeren auch noch fehlende Programmatik als Manko hinzu. Sie ist keine Missionarin, sondern Pragmatikerin.

"Natürlich ist Angela Merkel keine Ideologin", charakterisiert die Journalistin Jacqueline Boysen, die eine Biografie über die heutige Kanzlerin geschrieben hat, als diese noch nicht Regierungschefin war. "Sie ist frei, Entscheidungen zu treffen allein anhand von Zahlen, Daten und Fakten." Wenn Vernunftgründe und Argumente für eine bestimmte Entscheidung sprechen, so Jacqueline Boysen, "setzt sie sich auch mal großzügig über ideologische oder programmatische Bindungen" der eigenen Partei hinweg.

Mit ausgestreckter Hand geht die CDU-Generalsekretärin Angela Merkel (r) am Freitag (17.03.2000) im Berliner Reichstag zur Begrüßung auf Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl zu. Quelle: dpa

Selbstbewusst im Umgang mit ihrem Förderer Helmut Kohl

Pragmatismus geht ihr über alles. Und sie kann alte Positionen revidieren. Nach dem Atom-Unfall in Fukushima wird aus der einstigen Atomkraft-Befürworterin die Atomkraft-Aussteigerin. Geschadet hat ihr das nicht. Im Gegenteil: Die Ziehtochter des Altkanzlers hat sich von "Kohls Mädchen" längst zur "Mutti" emanzipiert. Kurz: Sie hat Partei und Regierung im Griff. Dafür gibt es Gründe.

Vorsicht im Umgang mit anderen

Zum Beispiel ihre unbeschwerte Kindheit und Jugend im Arbeiter- und Bauernstaat. Angela Merkel war keine Oppositionelle in der DDR. Ein paar Gängelungen hatte sie erlebt, der sozialistische Staat hatte ihr aber keine Wunden geschlagen wie vielen Dissidenten, so Jacqueline Boysen. "Über meiner Kindheit lag kein Schatten", hatte Merkel rückblickend mal gesagt. Allerdings dürfte sie schon früh gelernt haben, vorsichtig im Umgang mit anderen zu sein. Sie war ein "geübter" DDR-Bürger: weder zu opportunistisch noch allzu renitent.

Angela Merkel kann zuhören. Zeitgenossen der jungen Erwachsenen Merkel attestieren ihr eine hohe Kommunikationsfähigkeit. Parteifreund Kurt Lauk hat dennoch ein Problem mit der schnellen Auffassungsgabe seiner Parteichefin. "Die Frau hört zu, nimmt auf, versteht und der Ausgang ist dennoch unsicher, weil das Feedback nicht immer deutlich ist." Lauk steht dem Wirtschaftsrat der CDU vor und ist damit Vertreter eines starken Flügels der Partei. Er verfolgt bestimmte Interessen, denen Merkel nicht nachkommen kann, ohne gleichzeitig die anderen Parteiströmungen zu berücksichtigen.

Angela Merkel spricht während des Bundeswahlkampfes 1990 mit Ostseefischern Foto: ullstein bild, Michael H. Ebner

Wahlkampf 1990: Angela Merkel zu Besuch bei Ostseefischern

Problem schnell erkannt, Entscheidung spät gefällt, auch das ist ein Markenzeichen des Systems Merkel. "Ich bin mit Sicherheit kein Ad-hoc-Entscheider", sagt Merkel über sich selbst. "Ich begreife Prozesse in ihrem Gesamtverlauf und frage bei vielen Entscheidungen, wo dieser endet." Ganz die nüchtern abwägende Wissenschaftlerin.

Die Karriere

Spät ist Angela Merkel in die Politik gekommen. Eher zufällig als geplant. Als stellvertretende Pressesprecherin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière bietet sich der damals 35-Jährigen die Chance, ihre brach liegenden Organisations- und Kommunikationsfähigkeiten anzuwenden. Erst kurz zuvor ist sie in die CDU eingetreten. Sie ist fleißig, nun wird sie ehrgeizig.

Angela Merkel, Aufnahme von 1992. (Foto: dpa)

In den frühen 90ern: Ministerin für Frauen und Jugend

Unter Kanzler Kohl wird sie 1994 Ministerin für Umwelt und Reaktorsicherheit. Ein wichtiges und passendes Ressort für die promovierte Physikerin. In der damals wie heute sehr umstrittenen Frage, wie mit den strahlenden Abfällen der Atomwirtschaft umzugehen sei, zeigt sich Merkel kompromisslos: Kernkraft ist für sie beherrschbar und alternativlos - bis zur Nuklearkatastrophe von Fukushima.

Als 1998 Helmut Kohl die Bundestagswahl verliert, befindet sich die CDU in einem Schockzustand. Nicht so Angela Merkel. Sie sieht die Chance, ihren Platz in der Nach-Kohl-Ära zu festigen. Wolfgang Schäuble, der neue Vorsitzende der Union, macht sie zur Generalsekretärin der Partei. "Hauptsache, wir machen Schlagzeilen", lautet damals ihr Credo in neuer Funktion. Nach der Spendenaffäre, in dessen Zentrum Kohl und Schäuble stehen, leitet sie den moralischen Sturz des Altkanzlers ein.

Ohne Hausmacht, ohne Stallgeruch - aber mit der Basis nach ganz oben

Im April 2000 wird Angela Merkel zur neuen CDU-Vorsitzenden gewählt. Bei der Bundestagswahl 2005 ist sie die Spitzenkandidatin der Christdemokraten. Es reicht nur für eine Große Koalition mit der SPD. Doch sie ist die Kanzlerin!

Angela Merkel am Rednerpult (Foto: AFP PHOTO)

Auf dem Weg zur dritten Amtszeit?

Seit 13 Jahren führt Angela Merkel die CDU, seit acht Jahren ist sie Kanzlerin, ausnahmslos alle parteiinternen Widersacher hat sie bislang ins Leere laufen lassen. Und stets schafft es Merkel, lautlos zu agieren. Sie lässt die Männer einfach toben.

Dass sie führen kann, hat sie bewiesen. Nur wohin? Das fragen sich viele in der CDU. Die Partei leide an Konturverlust, lautet ein Vorwurf aus den eigenen Reihen. Als Seele der christlich-konservativen Volkspartei wird sie jedenfalls nicht gesehen.