Anarchie und Gewalt haben Zentralafrika fest im Griff | Afrika | DW | 17.10.2013
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Afrika

Anarchie und Gewalt haben Zentralafrika fest im Griff

Die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik nimmt zunehmend religiöse Züge an. Zehntausende sind auf der Flucht. Allein in der Stadt Bossangoa warten mindestens 30.000 Menschen auf Hilfe - bisher vergebens.

Schon 90 Kilometer vor Bossangoa, der Heimatstadt des gestürzten Präsidenten François Bozizé, sind die Folgen der Kämpfe sichtbar: Wohin man schaut, ausgebrannte Gebäude. Hier und da liegen Kleidung und Haushaltsgegenstände verstreut vor den verlassenen Häusern. Hühner, Ziegen und Kühe irren durch Dörfer und Felder. Es ist fast totenstill - nur ab und zu ist Gesang von Vögeln zu hören.

Vor Wochen lieferten sich hier, etwa 300 Kilometer nördlich der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui, Kämpfer der Séléka-Bewegung und Anhänger von Ex-Präsident Bozizé heftige Gefechte. Mindestens 100 Menschen kamen damals ums Leben, viele wurden verletzt, Häuser wurden in Brand gesteckt und geplündert. Zehntausende flohen vor der Gewalt und sind immer noch heimatlos.

(DW/Simone Schlindwein)

Séléka-Kämpfer posieren in der Hauptstadt Bangui

„Die Menschen sind in den Busch geflohen", berichtet ein Mann in einem Dorf rund 40 Kilometer vor Bossangoa. „Sie ernähren sich vorwiegend von Maniokblättern." Mehr sei kaum zu finden. Er schätzt, dass bei den Kämpfen im September mindestens 20 Einwohner seines Dorfes ums Leben gekommen seien. Andere würden jetzt im Busch verhungern, weil sie nichts zu essen fänden, davon ist er überzeugt.

Friedenstruppe braucht Unterstützung

Seit dem Sturz von Präsident Bozizé Ende März kommt die Zentralafrikanische Republik nicht zur Ruhe. Rebellen der „Allianz" - Séléka - hatten Bozizé vorgeworfen, einen im Januar geschlossenen Friedensvertrag gebrochen zu haben. Darin war vereinbart, die Séléka-Rebellen an einer Regierung der nationalen Einheit zu beteiligen. Am 24. März putschten sie gegen ihn, und Séléka-Chef Michel Djotodia ernannte sich zum neuen Präsidenten. Er wurde im August vereidigt.

Zwar löste Djotodia die Séléka-Allianz in der Zwischenzeit auf und ordnete die Entwaffnung der Kämpfer an, doch die Gewalt im Land hält an. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) spricht gar von einer Zuspitzung des Konflikts. Hunderttausende Zentralafrikaner sind laut Angaben der Vereinten Nationen auf der Flucht. Die UN haben daher vergangene Woche (10.10.2013) eine Resolution verabschiedet, die vorsieht, eine Blauhelmtruppe in die Zentralafrikanische Republik zu entsenden. In einem ersten Schritt soll die Friedensmission der Afrikanischen Union im Land (MISCA) unterstützt werden. Denn bislang sind wegen fehlender Gelder erst 1400 von 3600 vorgesehenen AU-Soldaten im Land.

(DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Die Nachbarländer Sudan und Tschad werden verdächtigt, Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik zu unterstützen

Währenddessen herrscht in der Zentralafrikanischen Republik vielerorts Anarchie. Die Region um Bossongoa ist das Zentrum der Gesetzlosigkeit und Gewalt. In der Stadt selbst leben MSF zufolge mindestens 30.000 Menschen in akuter Not. Die meisten von ihnen haben um die katholische Kirche der Stadt herum Zuflucht gefunden. Andere sind in Schulen oder im Krankenhaus untergekommen. Rund 1000 Menschen kampieren neben dem örtlichen Flugplatz.

Gewalt zwischen Christen und Muslimen

Ein Flüchtling erzählt der DW seine Geschichte: Er sei sowohl in seinem Viertel als auch auf dem Feld von Séléka-Rebellen bedroht worden. „Deswegen sind wir jetzt hierher gekommen. Die Séléka, Muslime und Peul [eine überwiegend muslimische Volksgruppe] haben uns angegriffen. Sie hatten Macheten und die Séléka auch Gewehre. Sie haben unsere Häuser und andere Gebäude in Brand gesetzt." Gemeinsam mit anderen ist er geflohen und schläft nun in der katholischen Kirche - auf dem kalten, nackten Boden. „Wir leben wie herrenlose Hunde. Wir haben Hunger, vor allem die Kinder, weil wir nicht mehr ernten können. Die frei herumlaufenden Rinder haben alles zerstört."

Auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen berichtet von immer mehr religiös motivierten Kämpfen: Den Anhängern von Ex-Präsident Bozizé, die überwiegend christlichen Glaubens sind, wird vorgeworfen, Muslime pauschal als Anhänger der Séléka-Bewegung zu verurteilen und zu töten. Séléka-Rebellen hingegen sollen ebenso brutal und willkürlich gegen Christen vorgehen. Es heißt, sie würden vom Tschad und vom Sudan unterstützt. Die tschadische Regierung weist die Vorwürfe jedoch zurück.

(STR/AFP/Getty Images)

Ex-Rebellenführer Michel Djotodia (rechts) bei seiner Vereidigung als Präsident

In Bossangoa berichtet auch eine andere Flüchtlingsfamilie von den Gefechten der Anhänger des neuen und alten Präsidenten, Djotodia und Bozizé. „Sie haben viele in unserem Dorf getötet. Andere konnten fliehen", erzählt Fané Moussa, die mit ihrer Familie in einer Schule untergeschlüpft ist. „Als wir hörten, dass sie wiederkommen, sind wir weggelaufen." Ihr Mann fügt hinzu: „Wir wissen nicht, wie wir uns verpflegen sollen. Auf dem Dorf haben wir unsere Felder mit Mais und Maniok. Aber hier in der Stadt, wo wir uns nicht auskennen, haben wir nichts zu essen."

Darauf weist auch MSF hin: Die Flüchtlinge bräuchten dringend Zugang zu Nahrung und sauberem Wasser. Unter den katastrophalen Bedingungen in der Stadt sei die Gefahr hoch, dass Seuchen ausbrächen. In Bossangoa und im Rest des Landes wächst nicht zuletzt daher die Ungeduld der Menschen mit der Internationalen Gemeinschaft. Immer mehr rufen nach Hilfe und einem Eingreifen von außen.

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