Almuth Schult: ″Der Fußball kann Mütter besser unterstützen″ | Sport | DW | 03.12.2020
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Mütter im Profifußball

Almuth Schult: "Der Fußball kann Mütter besser unterstützen"

Almuth Schult ist die einzige Mutter in der Frauen-Bundesliga. Trotz Vorstößen der FIFA leiste der Fußball insgesamt noch zu wenig Unterstützung für die Vereinbarkeit von Karriere und Familie, sagt Schult im DW-Gespräch.

Fast anderthalb Jahre ist es her, dass Nationatorhüterin Almuth Schult ihr letztes Pflichtspiel bestritten hat. Eine Schulter-Operation zwang die Torfrau vom VfL Wolfsburg nach dem Viertelfinal-Aus gegen Schweden bei der WM 2019 in Frankreich zur Pause. Doch diese sollte noch länger werden, denn Schult wurde schwanger und brachte im April 2020 Zwillinge zur Welt. Die 29-Jährige ist seitdem die einzige aktuelle Bundesliga-Spielerin mit Kindern. 

"Das ist natürlich für alle Neuland", sagt Schult im Gespräch mit der DW. "Wir haben jetzt kein Paradebeispiel in der Frauen-Bundesliga, wo man auch mal bei einem anderen Verein hätte anrufen können: 'Mensch, wie habt ihr das gemacht mit dem Trainieren? Wie hat es mit den Kindern funktioniert? Wie sind die Auswärtsspiele organisiert?' Das müssen wir jetzt alles neu entdecken", sagt die junge Mutter, die in ihrer Karriere neben fünf Bundesliga-Meistertiteln auch die Champions League gewann.

FIFA Frauen-WM 2019 | Deutschland vs. Schweden

Aus im Viertelfinale: 2019 scheitern Schult und das DFB-Team bei der WM an Schweden

Wenige Mütter im Leistungssportbereich 

"Relativ wenige Leistungssportlerinnen haben Kinder. Es ist auch schwierig. Man hat eigentlich ein Jahr Unterbrechung in seiner Karriere. Man muss sich wieder rankämpfen. Das ist nicht leicht", erklärt die Nationalspielerin, die aber nie ans Aufhören gedacht hat: "Es ist harte Arbeit, und es ist ein langer Weg. Aber grundsätzlich liebe ich meinen Beruf, und deswegen ist es keine Frage gewesen, ob ich weitermache." 

Die erste und größte Herausforderung für Schult war nach der Geburt das Wiedererreichen ihres Fitnesslevels. Mittlerweile ist es die alltägliche Vereinbarung ihrer Rollen als Profisportlerin und Mutter zweier Kinder. "Wir haben keinen planbaren Job. Wir haben nicht von Montag bis Freitag Bürozeit von 8 bis 17 Uhr, in der Kinder betreut werden können. Und wir können uns auch nicht einfach spontan Urlaub nehmen, falls mal irgendwas aus dem Rhythmus gerät", sagt Schult über die Herausforderungen. 

Kaum Betreuungsangebote

Obwohl Schult beim VfL Wolfsburg, einem der erfolgreichsten und finanzstärksten Klubs in Europa, unter Vertrag steht, mangelt es auch von dessen Seite an Unterstützung bei der Betreuung. Laut einem Bericht der weltweiten Spielervereinigung FIFPRO aus dem Jahr 2017 boten zu dieser Zeit gerade einmal drei Prozent der Erstligisten im Frauenfußball weltweit überhaupt Betreuungsmöglichkeiten an. "Ich hatte immer das Gefühl, dass der Verein meine Entscheidung unterstützt", sagt Schult. "Aber natürlich wäre es für mich auch leichter, wenn ich jemanden hier im Verein hätte. Sagen wir mal, der Verein hätte eine Kita, und man könnte seine Kinder dort während der Trainingszeit abgeben. Aber das ist eben nicht der Fall." 

UEFA Women's Champions League: Wolfsburg - Lyon

Die große Bühne: Schult (am Boden) in einem Champions-League-Spiel gegen Lyon

Stattdessen setzt Schult auf die Unterstützung aus der Familie, um den Spagat zwischen Familie und Karriere zu meistern. In Deutschland sind die Rechte von Müttern im Beruf, also auch die von Profispielerinnen, gesetzlich geregelt. Aber international ist das eher die Ausnahme, sodass sich Spielerinnen meist zumindest während der aktiven Zeit zwischen sportlicher Karriere und Familie entscheiden müssen. 

FIFA will Regelung für Mütter   

Abhilfe könnte die FIFA schaffen. Der Weltverband schlägt eine einheitliche Regelung für Profispielerinnen und -trainerinnen vor. Klubs sollen werdenden Müttern 14 Wochen Mutterschaftsurlaub gewähren. Während dieser Zeit sollen mindestens zwei Drittel des Profigehalts fortgezahlt werden. "Ich finde es eine sehr gute Idee, wenn ich es weltweit betrachte", sagt Almuth Schult.

Die Torhüterin stellt aber gleichzeitig die Frage, "ob Mutterschutz überhaupt das Thema" ist oder "vielleicht auch die Frage, ob Spielerinnen überhaupt genug Geld verdienen, um nebenbei auch ein Kind großziehen zu können" im Vordergrund stehen sollte. So oder so sei man ihrer Ansicht nach "noch weit davon entfernt, dass Fußballerinnen sich da gut aufgehoben fühlen" können. "Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung und es ist auch ein Zeichen der FIFA, dass sie die Sache ernst nimmt", sagt Schult. 

Bundestrainerin als Vorbild  

Während Schult in der Bundesliga nach wie vor die einzige Spielerin mit Kindern ist, steht sie im internationalen Vergleich nicht alleine da. Alex Morgan, US-Nationalspielerin und Weltmeisterin von 2019, unterschrieb im September 2020 nur vier Monate nach der Geburt ihres ersten Kindes einen Vertrag bei Tottenham Hotspur und lief im November zum ersten Mal für ihren neuen Klub auf. Ähnlich war es bei Leroux Dwyer, Morgans Teamkollegin aus der US-Nationalmannschaft, die nur drei Monate nach der Geburt ihres zweiten Kindes bei ihrem Klub Orlando Pride auf den Platz zurückkehrte. 

Frauenfußball - Länderspiel: Frankreich vs Deutschland, Bundestrainerin Voss-Tecklenburg

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wurde als Spielerin und Mutter Vizeweltmeisterin und zweimal Europameisterin

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg kennt die Situation ihrer Nummer eins im Tor aus eigener Erfahrung. 1994 bekam sie als erste Profi-Spielerin überhaupt in Deutschland auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ein Kind. Nach ihrem Comeback wurde Voss-Tecklenburg mit der deutschen Nationalmannschaft im März 1995 Europameisterin und wenige Monate später Vizeweltmeisterin. 1997 verteidigte das DFB-Team mit Voss-Tecklenburg den EM-Titel erfolgreich. "Die Bundestrainerin hat gefragt, wie es bei mir läuft und hat ein bisschen was von sich erzählt, wie es gelaufen ist", erzählt Almuth Schult. "Das Wichtigste, worüber wir uns eigentlich beide einig sind, ist, dass es uns gut gehen muss - der Mutter, den Kindern, der Familie." 

Als Nr. 1 zur EM 2022?

Fußball mag im Leben von Almuth Schult nicht mehr höchste und schon gar nicht alleinige Priorität genießen. Doch die Torhüterin will auch in der Nationalmannschaft wieder zwischen die Pfosten zurückkehren. Und wer wird die Nummer 1 bei der EM 2022? "Na hoffentlich ich", sagt die 64-fache Nationalspielerin. "Aber man weiß nie, was bis dahin passiert. Erst einmal muss ich wieder meine Leistung bringen, muss ich wieder im Verein spielen. Und dann kann der Rest kommen."

Adaption: David Vorholt

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