Albtraum ohne Ende für jesidische Kinder | Welt | DW | 02.08.2020
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Islamischer Staat

Albtraum ohne Ende für jesidische Kinder

Sie sind befreit, aber traumatisiert: Jesidische Kinder, vom "Islamischen Staat" erst verschleppt, dann misshandelt, verkauft, indoktriniert, brauchen dringend Hilfe. Ein Amnesty-Bericht blickt auf ihr Schicksal.

Die Katastrophe hört nicht auf. Nicht in den Köpfen derer, die sie erlitten haben. Nicht in den Köpfen der knapp 2000 jesidischen Kinder, die nach ihrer Befreiung aus der Sklaverei beim sogenannten "Islamischen Staat" wieder zu ihren Familien zurückkehren konnten. Mit ihren Erfahrungen von Demütigung, Vergewaltigung, Missbrauch und Gehirnwäsche aber werden diese Kinder und Jugendlichen weitgehend allein gelassen, kritisiert eine Studie von Amnesty International, veröffentlicht kurz vor dem sechsten Jahrestag des Genozids an den Jesiden.

Video ansehen 03:16

Akram, vom IS als Kindersoldat missbraucht

"Wir waren wegen der Bilder der Versklavung, der Vergewaltigung der Frauen, der Massenexekutionen sehr stark fokussiert auf die Erwachsenen", bestätigt selbstkritisch Professor Jan Ilhan Kizilhan gegenüber der DW. "Die Kinder sind aus meiner Sicht richtig vergessen oder 'nebenbei' behandelt worden".

Kizilhan ist Psychiater, leitet ein Zentrum für Interkulturelle Psychosomatik in Süddeutschland. Er hat Gespräche mit Tausenden von Menschen geführt, die in den Händen des IS waren, unterstützt im Nordirak die Ausbildung von Psychotherapeuten. Denn "es gibt nicht ausreichend Psychologen, Psychiater, Sozialarbeiter und Ärzte, die sich dieser großen Zahl von traumatisierten Erwachsenen und Kindern widmen können", sagt Kizilhan, der auch für den Amnesty-Bericht interviewt worden war.

Traumazentrum im Irak

Der Traumaspezialist Jan Ilhan Kizilhan vor einem jesidischen Heiligtum im Nordirak

Dabei wird in der Amnesty-Studie überdeutlich, wie dringend diese Kinder und Jugendlichen Hilfe brauchen. Sie basiert auf Dutzenden von Interviews mit Mädchen und Jungen, die während ihrer IS-Gefangenschaft gefoltert, ausgebeutet oder zum Kampf mit der Waffe gezwungen wurden.

Unzählige Male als Sklavin verkauft

Zu Wort kommt zum Beispiel die 14-jährige Randa, die exemplarisch ihre Geschichte erzählt. Fünf Jahre Gefangenschaft beim IS hat sie überlebt. Als Sklavin wurde sie so oft verkauft, dass sie sich gar nicht mehr an die genaue Zahl erinnern kann. Schließlich landete sie bei einem Mann, der das Kind zur Heirat zwang. Als sie schließlich nach der Schlacht von Baghouz von kurdischen Kämpfern befreit wurde, wollte Randa zuerst nicht nach Hause. "Der IS hat uns immer gesagt: Wenn ihr zu eurer Familie zurückkehrt, bringen sie euch um, weil ihr jetzt Muslime seid".

Familien von IS-Kämpfern in Syrien

Im März 2019 ergeben sich in Baghouz IS-Anhänger - und verschleppte Jesiden

Genau 1041 Mädchen der ethnisch-religiösen jesidischen Minderheit sind nach Angaben der kurdischen Regionalregierung in Dohuk vom Februar 2020 aus IS-Gefangenschaft befreit worden. Viele haben sexuelle Gewalt in brutalster Form erfahren, so wie Randa. Diese Mädchen, hat Psychiater Kizilhan beobachtet, "sind in ihrer Intimität, in ihrer Psyche so gebrochen worden, dass sie vor jeglichem Kontakt zu Männern Angst haben - auch vor ihren eigenen Vätern und Brüdern."

Kämpfen für den IS - oder sterben

Den Jungen erging es nicht besser. Knapp die Hälfte wurde als Kindersoldaten missbraucht. Im Amnesty-Bericht erzählt Sahir seine Geschichte. Eine Geschichte von permanenten Schlägen, auch mit Kabeln und Plastikrohren, von Hunger und Durst, von schwersten Misshandlungen. Sahir wurde an Waffen ausgebildet und unter Todesdrohungen zum Kämpfen gezwungen. "Ich habe gekämpft, um zu überleben", zitiert ihn der Bericht.

Nach seiner Befreiung hat Sahir von keiner Seite Unterstützung erfahren, gibt er zu Protokoll. Dringend wünscht er sich psychologische Unterstützung. "Was ich suche, ist jemand, der für mich sorgt und irgendwie unterstützt, der mir sagt: 'Ich bin hier für Dich'. Aber ich habe das nie gefunden ", sagt der Junge. Hilfe wünscht sich Sahir auch für andere Überlebende. Viele seien auch körperlich verletzt. Einigen fehlten Körperteile wie Arme oder Beine, oder sie hätten noch Geschossteile in ihren Körpern.

Syrien Deir Al Zor Provinz - Zivillisten auf der Flucht vom IS

Auch Sahir musste an der Front kämpfen - und konnte entkommen

"Während der Albtraum ihrer Vergangenheit in den Hintergrund getreten ist, bleiben die Nöte dieser Kinder groß", unterstreicht der stellvertretende Leiter des Amnesty-Krisenreaktionsteams, Matt Wells. "Die physische und psychische Gesundheit dieser Kinder muss in den kommenden Jahren priorisiert werden, wenn sie wieder vollständig in ihre Familien und Gesellschaften integriert werden sollen", fordert Wells.

Amnesty hat seinem Bericht eine Liste von Empfehlungen angefügt, sowohl an die irakischen und kurdischen Behörden wie auch an die internationale Gemeinschaft. Neben den Forderungen nach Bildung für die Kinder, nach Ausweispapieren, nach Akzeptanz der Kinder von vergewaltigten Frauen durch die jesidische Gemeinde wird prominent für die juristische Aufarbeitung der IS-Verbrechen geworben. Etwas, was auch Sahir wichtig ist: "Ohne Gerechtigkeit kommt nichts voran".

"Gefangene im Niemandsland"

Auch die Jesidin Düzen Tekkal unterstreicht, die rechtliche Aufarbeitung des Grauens sei "sozusagen Balsam für die geschundenen Seelen". Die Journalistin ist als Gründerin der Hilfsorganisation "Hawar.Help" regelmäßig im Nordirak unterwegs und hat dort mit überlebenden Kindern des IS-Terrors gesprochen. Trotz Befreiung fühlten diese sich immer noch nicht frei "und vor allem nicht beschützt", erklärt Tekkal gegenüber der DW. "Wir reden von Kindern, die in Flüchtlingslagern leben, die hin - und hergeschoben werden, die in eine unsichere Zukunft blicken", betont Tekkal. "Sie sind Gefangene im Niemandsland".

Deutschland Berlin | Vorsitzende des e.V. Hawar Help | Düzen Tekkal

Hat die Hilfsorganisation Hawar.Help gegründet: Düzen Tekkal

Tatsächlich leben die meisten Jesiden heute in Lagern im Nordirak, etwa 350.000 Menschen. In ihr angestammtes Siedlungsgebiet im Sindschar-Gebirge trauen sich viele nicht zurück. Dort hatte die Katastrophe ihren Anfang genommen: In den frühen Morgenstunden des 3. August 2014. Tausende IS-Dschihadisten überfielen das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden. Jesiden gelten den Dschihadisten als Ungläubige und Teufelsanbeter.

Vernichtungsfeldzug des IS

Es war ein Vernichtungsfeldzug und er war sorgfältig geplant: Jesidische Männer und Jungen über zwölf Jahre wurden zusammengetrieben und von den Frauen und Kleinkindern getrennt. Geschätzte 10.000 Menschen wurden ermordet und in Massengräbern verscharrt.

Video ansehen 03:08

Niemand weiß, ob sie noch leben oder verscharrt wurden

Knapp 7000 jesidische Frauen und Kinder wurden vom IS verschleppt. Davon waren etwa ein Drittel Kinder unter 14. Der IS hatte eigens ein religiöses Gutachten erstellt und verbreitet: Darin wurde die Versklavung von jesidischen Frauen und Kindern als Kriegsbeute religiös gerechtfertigt.

Gefährliche Rückkehr

Vor einer Rückkehr in ihre gebirgige Heimat schrecken deshalb so viele Jesiden zurück, weil die Sicherheitslage so schlecht ist. Nicht nur der IS ist noch immer aktiv in der Region - sondern neben kurdischen und schiitischen Milizen auch die türkische Armee. Ende Juni hatte Ankara das Sindschar-Gebirge mit Kampfflugzeugen angegriffen. Ilhan Kizilhan erinnert sich: "Erst einen Tag zuvor hatten sich 150 Familien entschlossen, zurück zu kehren aus den Camps. Alle haben sich gefreut, eine Zukunft aufzubauen. Einen Tag später war alles zerstört."

Aktivistin Tekkal wünscht sich deshalb mehr als alles andere die Einrichtung einer internationalen Schutzzone durch die Vereinten Nationen. "Wir brauchen eine Sonderregion für geschütztes jesidisches Leben und wir brauchen Wiederaufbau". Es geht Tekkal um die zerstörte Stadt Shingal, um die Dörfer der Jesiden, um Infrastruktur wie funktionierende Strom- und Wasserversorgung.

Es geht um Signale der Hoffnung im Kampf gegen das Trauma.