Afrikas Fußball als Spiegel der politischen Verhältnisse | Afrika | DW | 08.12.2017
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Fußball

Afrikas Fußball als Spiegel der politischen Verhältnisse

Afrika hat viele gute Fußballer. Doch die Nationalmannschaften bleiben unter ihren Möglichkeiten. Fußballtrainer Volker Finke führt das im DW-Interview auf Afrikas Fußballverbände zurück - und die Regierungen.

DW: Herr Finke, Sie haben mehrere Jahre als Trainer in Afrika gearbeitet. Wie schätzen Sie die Lage und Entwicklung des Fußballs auf dem Kontinent ein?

Volker Finke (im Bild rechts): Seit über 20 Jahren wird immer wieder gesagt: 'Es dauert nicht mehr lange, dann hat Afrika bei der Infrastruktur aufgeholt, es gibt bessere Trainingsmöglichkeiten, und dann werden afrikanische Mannschaften Erfolge bei großen Turnieren erreichen können.'

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Bisher ist das nicht eingetreten. Wenn man hinter die Kulissen guckt, sind die Gründe eigentlich immer dieselben: Organisation und Infrastruktur.

Können Sie das genauer erklären?

Der Fußball ist ein Spiegel der gesellschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse. Es gibt in der Regel keine Transparenz. Von den wirtschaftlichen Mitteln, die zur Verfügung gestellt werden, verschwindet viel.

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Fußball in Afrika - Träume und Wirklichkeit

Dadurch sind zum Beispiel die Trainingsplätze in so einem schlechten Zustand, dass man die Spieler lieber nicht darauf trainieren lassen würde, damit sie sich nicht verletzen.

Prämien werden nicht bezahlt. Es gibt kein Vertrauen zwischen der Regierung, dem Verband und den Spielern.

Das sind die Ursachen dafür, dass ich nicht glaube, dass eine afrikanische Mannschaft bei der WM 2018 in Russland ganz weit kommt.

Das heißt also, die Probleme im Fußball sind gar nicht so verschieden von denen in der Politik. Was müsste denn passieren, damit die afrikanischen Mannschaften auf internationaler Ebene Erfolge feiern können?

Nach meiner Erfahrung kommen die größten Schwierigkeiten in der Endphase der Vorbereitung. Auch während der Qualifikation gibt es Probleme, aber die sind kleiner.

Wenn man sich qualifiziert hat, beginnt der Kampf um die großen Budgets. In der Regel wird in afrikanischen Ländern alles, was mit der Fußball-Nationalmannschaft zu tun hat, von der Regierung bezahlt. Die Verbände haben nicht genug Sponsoren und sonstige Einnahmen, um die Trainer- und Spielerprämien zu bezahlen. Sobald die Regierung das Geld für ein großes Turnier vorhält, wollen alle am großen Kuchen mitessen. Dann verschwindet ein Großteil der Mittel einfach.

Auf dem Weg von der Regierung bis zu den Verantwortlichen für die Mannschaft haben viele Leute mit dem Geld zu tun und fühlen sich berechtigt, etwas abzuzweigen, bevor es weitergeschickt wird.

Dann ergeben sich diese Dinge, wie ich sie immer wieder erlebt habe: dass im Trainingslager nach drei, vier Tagen in einem Hotel plötzlich alle Türen abgeschlossen sind, weil die Rechnung nicht bezahlt wurde. Dann kommt der Bus zum Training nicht, weil es angeblich kein Geld gibt, um Sprit zu kaufen.

Und das sind keine Einzelfälle. Ich bin mit Kamerun zweieinhalb Tage später nach Brasilien geflogen als vorgesehen, weil die Prämienregelung nicht durch war und die Mannschaft sich nicht auf den Weg macht, bevor diese Dinge ausgehandelt worden sind.

Jedes Land, das für Brasilien qualifiziert war, hat acht Millionen Dollar bekommen. Die Regierung müsste ein neues Transparenz-Programm auflegen, damit dieses Geld für eine sportlich gute Vorbereitung verwendet wird, vergleichbar mit der Konkurrenz aus Europa. Es müsste Vertrauen aufgebaut werden zwischen Spielern, Verband und Regierung. Aber es fällt mir schwer, daran zu glauben, dass das alles möglich ist.

Es ist in den vergangenen Jahren viel über Korruption in Weltfußball gesprochen worden. Mehrere Funktionäre des Weltverbands FIFA wurden verhaftet. Der langjährige Verbandspräsident Sepp Blatter musste zurücktreten. Die mangelnde Transparenz auf internationaler Ebene ist für die Entwicklung in Afrika doch kaum hilfreich…

In Asien und Afrika hat sich die Zivilgesellschaft nicht so entwickelt wie bei uns in Europa. In vielen Ländern gibt es keine demokratischen Gesellschaftsstrukturen, keine funktionierende Gewaltenteilung. Blatter und Co. haben mit diesen Ländern ihre Hausmacht aufgebaut. Wer dort den entsprechenden Funktionären Zuwendungen zukommen lässt, kann sich sicher sein, dass die 54 afrikanischen Länder auf seiner Seite sind.

In der FIFA hat jedes der mehr als 200 Mitglieder eine Stimme - doch die wenigsten nationalen Verbände stammen aus demokratischen Ländern. Das Umfeld eines Fußball-Funktionärs erwartet oft, dass dieser seine Position im Verband benutzt, um Geld zu beschaffen. Wir nennen das Korruption. Wer Afrika gut kennt, würde vielleicht sagen: jeder nimmt sich seinen Teil.

Was bedeutet die Intransparenz in den Verbänden für die Arbeit als Trainer?

Man arbeitet weitgehend neben dem Sportplatz. Man muss schnell herauskriegen, wie bestimmte Hierarchien sind: Wer wird von wem protegiert? Bei wem muss man erstmal Hintergrundgespräche führen, bevor man einen Spieler von der Liste streicht?

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"Hinter meinem Traum steckt viel Arbeit"

Damit muss man sich auseinandersetzen, aber gleichzeitig aufpassen, dass man sich nicht in Abhängigkeiten begibt. Wenn man einem Spieler Vorfahrt gibt, kommen auch andere, die von irgendjemandem protegiert werden.

Ich selber war 50 Prozent Diplomat, 50 Prozent Fußballtrainer.

Es ist entscheidend, ob man eine Mannschaft zusammen kriegt, die auch wirklich als Mannschaft auftritt. Das geht nicht von heute auf morgen. Und man muss auch den Rückhalt haben vom Verband, dass bestimmte Spieler auch mal nicht eingeladen werden.

Wie macht sich der afrikanische Fußball aus sportlicher Sicht?

In den fünf großen Ligen Europas - also England, Spanien, Frankreich, Deutschland und Italien - machen Spieler afrikanischer Herkunft immer wieder den Unterschied in den Spielen aus. Die Elfenbeinküste zum Beispiel gehört in den letzten Jahren zu den Ländern mit dem weltweit besten Spielerpotential. Aber es geht immer um andere Dinge als die Mannschaftsleistung. Es geht um Dinge wie den Kampf zwischen den Spielern Yaya Touré und Didier Drogba mit ihrer jeweiligen Gefolgschaft.

Eins ist ja auffällig: unter den fünf afrikanischen Mannschaften, die sich für die WM in Russland qualifiziert haben, sind drei aus Nordafrika. Es gibt in Ägypten, Tunesien und Marokko niemals so viele Fußballtalente wie in Westafrika. Ghana, Kamerun und die Elfenbeinküste haben ganz ohne Wenn und Aber das bessere Spielermaterial. Aber die Nordafrikaner sind organisierter und strukturierter, zum Beispiel bei der Verbandsarbeit oder der Durchführung von Trainingslagern. Meiner Ansicht nach sind das die Gründe, weshalb sie sich durchgesetzt haben gegenüber den talentierteren Mannschaften aus Westafrika.

Volker Finke trainierte fast 16 Jahre lang den SC Freiburg in der 1. und 2. Bundesliga. Von 2013 bis 2015 war er Nationaltrainer Kameruns und führte die Mannschaft zum WM-Turnier in Brasilien. Heute arbeitet er in der Trainerfortbildung in Japan, Europa und Afrika.

Das Interview führte Aarni Kuoppamäki.

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