Afrika: Alkohol auf dem Vormarsch | Afrika | DW | 25.03.2020
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Afrika

Afrika: Alkohol auf dem Vormarsch

Alkohol ist in Afrika längst ein Lifestyleprodukt. Ausländische Firmen haben das erkannt und umwerben gerade junge Menschen und die Mittelschicht, ihre Getränke zu kaufen. Die Weltgesundheitsorganisation ist alarmiert.

Das meterhohe Logo einer Whisky-Marke in Kenias Hauptstadt Nairobi, ein Werbebanner für Bier in Nigerias Wirtschaftsmetropole Lagos: Alkohol ist in Afrikas Alltag überall präsent. Die Botschaft kommt an: Wer Bier trinkt ist cool. Die Alltagsprobleme verschwinden – für einen kurzen Augenblick.

Ein kurzer Weg zur Sucht

Boniface Ndirangu kennt dieses Gefühl. "Ich war ungefähr 16 Jahre alt und besuchte eine gute Schule. Dort wuchs der Gruppenzwang. Viele Jugendliche experimentierten mit Drogen und Alkohol. Wir wollten Anerkennung, wir wollten cool sein", erinnert er. Es war der Beginn seiner Suchtkarriere. Heute leitet er das "Eden House", ein Rehabilitationszentrum für Alkoholkranke in Nairobi.

Eine Bar im Kibera-Slum in Nairobi (picture-alliance/AP Photo/B. Inganga)

In Nairobi gibt es mehr Bars als Apotheken und Läden

Seit Ndirangu zum Alkoholiker wurde, ist das Problem aus seiner Sicht noch größer geworden: "Inzwischen sind die Städte gewachsen, viele ihrer Einwohner können ein besseres Leben führen. In Nairobi gibt es mehr Bars als Geschäfte und Apotheken - 40.000", sagt Ndirangu im DW-Interview. "Sie sind oft sehr schick und verlockend." So wächst die Sucht. Der Trend sei in allen Großstädten des Kontinents zu sehen. In seinem Heimatland Kenia sind laut aktuellen Zahlen der Regierung von fast 50 Millionen Einwohnern zwei Millionen alkoholabhängig.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt bereits Alarm: "Die afrikanische Region hat mit einer wachsenden Bedrohung durch schädlichen Alkoholkonsum zu kämpfen", heißt es auf ihrer Webseite. Die Konsequenzen sind desaströs. Im WHO-Bericht 2018 ist von erhöhten Unfallzahlen, aber auch steigenden Krebsraten durch Alkoholmissbrauch die Rede.

Werbung wird kaum reguliert

Das zeigt sich beispielsweise in Südafrika. 60 Prozent der Autounfälle im Land seien auf zu viel Alkohol zurückzuführen, sagt Aadielah Maker Diedericks. Sie koordiniert die Organisation "Southern African Alcohol Policy Alliance" (SAAPA). Auch nehme die Gewalt durch Alkoholeinfluss zu, insbesondere gegenüber Frauen. Nach ihren Angaben sterben täglich 171 Menschen in Südafrika an den Folgen von Alkohol.

Werbebanner für Scotch in Kenias Hauptstadt Nairobi (DW/T. Kruchem)

Afrika ist ein wichtiger Markt für ausländische Konzerne

Diedericks kritisiert, dass die Alkoholwerbung in vielen Ländern nicht reguliert wird. "Es ist einfach für die Industrie, ihre Marken als begehrte Lifestyle-Produkte zu bewerben", sagt sie im DW-Interview. Vor allem die Bevölkerungsentwicklung mache Afrika zum begehrten Ziel internationaler Konzerne. "Zwei Fünftel der Bevölkerung sind jünger als 14 Jahre und werden bald in das Alter kommen, in dem viel getrunken wird", sagt Diedericks.

Allerdings weist sie auf regionale Unterschiede in Sachen Alkoholkonsum hin. In Ländern mit einer großen muslimischen Bevölkerung wird beispielsweise weniger getrunken. "Ein Vielzahl der Menschen trinkt gar nicht, deshalb ist Afrika auch ein interessanter Markt für die Alkoholindustrie", sagt Diedericks. In Südafrika konsumierten nur 47 Prozent der Menschen Alkohol. "Aber wir haben das Problem, dass laut WHO fast 75 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen in der Altersgruppe 15 bis 19 Jahre stark trinken, bis hin zu Alkoholexzessen und Komatrinken." Diese Zahlen seien in den Nachbarländern Namibia und Botswana ähnlich hoch.

Starke Lobby der Konzerne

Dabei hatte Botswana dem Alkoholkonsum einst den Kampf angesagt. Die Regierung hatte die Alkoholsteuer erhöht, um damit Aufklärungsprogramme zu finanzieren. Die 2018 neu gewählte Regierung von Präsident Mokgweetsi Masisi habe das rückgängig gemacht, sagt Diedericks. "Sambia hingegen verbucht Erfolge, denn dort wird die Zivilgesellschaft in die Umsetzung von Präventions- und Aufklärungsprogrammen eingebunden". In Südafrika lägen bereits seit einigen Jahren Gesetzesentwürfe zur besseren Kontrolle der Branche und für eine Senkung der Alkoholgrenze für Autofahrer auf dem Tisch. Sie würden aber nicht umgesetzt. "Wir glauben, dass die Alkoholindustrie ihre Macht genutzt hat, um die Maßnahmen abzuwehren", so Diedricks.

Alkohol in einem Getränkeladen in Namibia (picture alliance/imageBROKER/F. Schloz)

Alkohol ist einfach und schnell zu bekommen

Wie die Weltgesundheitsorganisation fordert auch die SAAPA strengere Gesetze, um die Alkoholwerbung zu begrenzen. Außerdem sollen die Preise für Alkohol steigen und die Verfügbarkeit eingeschränkt werden. In vielen Wohnsiedlungen im südlichen Afrika seien Kioske oder Kneipen nur fünf Minuten Fußweg entfernt. Viele seien illegal."In Südafrika ist Bier billiger als Brot", betont Diedericks.

Hoffnung haben – Ziele setzen

Für Boniface Ndirangu ist ganz klar: Wenig Zugang zum Alkohol kann die Gefahren mindern. "Die Daten zeigen, dass sich die Gehirnfunktionen von Jugendlichen ohne Alkoholkonsum besser entwickeln. Das Mindestalter für den Konsum sollte auf 21 Jahre heraufgesetzt und Bars kontrolliert werden." Er setzt auch auf Aufklärungskampagnen in Schulen und auf Gespräche mit den Eltern. Die haben aber oft selbst ein Problem: Zwischen Armut, Arbeitslosigkeit und dem Griff zur Flasche gibt es oft einen engen Zusammenhang, so Ndirangu: "Sie wollen sich betäuben, einmal nicht die Realität fühlen." Er findet es wichtig, gerade der Jugend Fragen zu stellen: "Was ist Dein Ziel im Leben, was motiviert Dich." Fragen, die sich auch Ndirangu selbst gestellt hat - mit Erfolg: Er ist seit 17 Jahren trocken.

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