Adorno-Preis für Regisseurin Margarethe von Trotta | Filme | DW | 11.09.2018
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Auszeichnung

Adorno-Preis für Regisseurin Margarethe von Trotta

Sie verklagte den Stern wegen Sexismus und widmet sich mit Vorliebe starken Frauen wie Hannah Arendt. Für ihre herausragenden Leistungen erhält Margarethe von Trotta den Theodor-W.-Adorno-Preis 2018.

Margarethe von Trotta sei "eine der großen Filmemacherinnen unserer Zeit", die das Autorenkino wesentlich geprägt habe, teilte das Kuratorium mit, das im Namen der Stadt Frankfurt am Main alle drei Jahre über die Vergabe des renommierten Preises entscheidet. Der wird ihr an diesem Dienstag (11.09.2018) in der ehrwürdigen Paulskirche übergeben. "Im Zentrum ihrer Arbeiten stehen Frauen, die sich den Brüchen und Zumutungen ihrer jeweiligen Zeit mit großer Intelligenz, persönlicher Stärke und einem dezidierten Willen zur Veränderung der gesellschaftlichen als auch politischen Verhältnisse stellen", so das Kuratorium. Das Leben von Rosa Luxemburg, Hildegard von Bingen oder auch Hannah Arendt machte sie zum Gegenstand ihrer Filme.

Margarethe von Trotta ist seit über vierzig Jahren im Geschäft - dank eines langen Atems und dem Willen zur eigenen Vision. Dabei gelang es ihr, sich auch im von Männern dominierten Filmbetrieb durchzusetzen.

Flucht vor bürgerlicher Enge

Die klassische Karriere der deutschen Frau in den 1960er Jahren sieht so aus: Mittlere Reife, Bürojob, Hochzeit, Hausfrau. So läuft es beinahe auch bei der 1942 geborenen Margarethe von Trotta: Die Tochter einer mittellosen Adligen und eines Malers wächst in den Trümmern von Berlin auf, ehe die Familie nach Düsseldorf zieht. Sie macht die Mittlere Reife und besucht im Anschluss zwei Jahre die Höhere Handelsschule. Mit 18 Jahren geht sie nach Paris - und macht eine einschneidende Erfahrung: Mit ihren französischen Freunden verbringt sie viele Tage im Kino. "Diese Filme haben mir die Augen geöffnet, was Kino sein kann", erinnert sie sich im Interview mit dem SZ-Magazin: "Natürlich ist da der Wunsch entstanden, so etwas selbst einmal zu machen. Aber das waren die frühen Sechzigerjahre, da war gar nicht daran zu denken, dass ich als Frau diesen Weg einschlagen könnte."

Margarethe von Trotta und Rainer Werner Fassbinder in einer Szene des Films Baal (picture-alliance/dpa/Weltkino Filmverleih/Volker Schloendorff)

Margarethe von Trotta und Rainer Werner Fassbinder in einer Filmszene von "Baal"

Zurück in Düsseldorf holt sie ihr Abitur nach und studiert erst Kunst, später Romanistik und Germanistik in München und Paris. Beide Studiengänge bricht sie ab und besucht schließlich eine Schauspielschule in München. Dort lernt sie auch ihren Mann, Verlagslektor Jürgen Moeller, kennen. Auf die Heirat 1964 folgt 1965 die Geburt des einzigen Sohnes Felix. Parallel arbeitet von Trotta am Theater. Ab 1967 folgen erste Filmrollen. Wichtig wird für sie die Arbeit mit Regisseur Rainer Werner Fassbinder: Sie dreht mit ihm "Götter der Pest" (1970) und "Warnung vor einer heiligen Nutte" (1971). Außerdem steht sie in der Verfilmung des Brecht-Stücks "Baal" (1970) mit ihm vor der Kamera. Regie führt Volker Schlöndorff, der ihr Leben nachhaltig beeinflusst: Von Trotta und der renommierte Regisseur verlieben sich und heiraten 1971. Zwanzig Jahre lang hält die Ehe. Mit ihm zusammen macht sie die ersten Schritte im Regiefach.

Schnell international erfolgreich

1975 führt Margarethe von Trotta das erste Mal Regie, gemeinsam mit Volker Schlöndorff bei "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Ab 1977 ist sie solo unterwegs. "Volker stand meiner Arbeit gespalten gegenüber: Er war einerseits stolz auf mich, andererseits war meine Regielaufbahn für ihn schwer zu ertragen, besonders nachdem ich anfing, Preise zu gewinnen", erzählt Margarethe von Trotta. Und die Preise kommen schnell: Bereits ihre erste, ganz eigene Regiearbeit, "Das zweite Erwachen der Christa Klages" (1978), wird unter anderem mit dem Bundesfilmpreis "Filmband in Silber" ausgezeichnet.

Filmstill Die bleierne Zeit (picture-alliance/United Archives/Impress)

Eine Szene aus von Trottas Film "Die bleierne Zeit"

Mit ihrem dritten Film sichert sich Magarethe von Trotta schließlich den Platz am Ehrentisch deutscher Filmschaffender: Mit "Die Bleierne Zeit" (1981), einem Film über die Schwestern Gudrun und Christiane Ensslin, gewinnt sie 1981 als erste weibliche Filmemacherin in Venedig den Goldenen Löwen. Es ist der internationale Durchbruch für die 39-jährige von Trotta und eigentlich ein Grund, in der Bundesrepublik stolz auf sie zu sein. Aber bereits mit ihrem nächsten Film eckt die Regisseurin gewaltig an: "Heller Wahn" (1983) handelt von einer intensiven Frauenfreundschaft, die der Protagonistin die Kraft verleiht in ihrer unglücklichen Ehe aufzubegehren. "Die Frauenfreundschaft im Film war den Kritikern offenbar unheimlich", resümiert von Trotta 2012 in einem Interview: "Da sind Rezensionen erschienen, solche derben, sexistischen Sachen, das kann man heute gar nicht mehr glauben. Diese Freundschaft wird so stark, das hat die Männer verunsichert und wütend gemacht."

Von Trottas Weggefährtinnen sind starke Frauen

Von Trotta eckt aber nicht nur durch die Filme, die sie macht, an, sondern geht auch ganz bewusst auf Konfrontation: 1978 verklagt sie gemeinsam mit der feministischen Zeitschrift "EMMA" das Magazin "Stern" wegen sexistischer und pornographischer Darstellung von Frauen. Die Klage wird abgewiesen, aber die Frauen erzielen maximalen Effekt für ihre Sache: Sie rücken den alltäglichen Sexismus ins öffentliche Bewusstsein. Die Anfeindungen nach dem Film "Heller Wahn" (1983) bestärken Margarethe von Trotta schließlich, Geschichten von starken Frauen zu erzählen und so verfilmt sie 1986 die Lebensgeschichte von Rosa Luxemburg. "Diese Frau wurde auch ständig angegriffen", erklärt von Trotta ihre Entscheidung für den Stoff.

Bei der Wahl ihrer Darsteller fällt auf: Margarethe von Trotta hat ihre Lieblinge. Barbara Sukowa spielt sowohl in "Die Bleierne Zeit" (1981) als auch in "Rosa Luxemburg" (1986) die Hauptrolle. Zuletzt arbeiten die beiden Frauen in "Die abhandene Welt" (2015) zusammen. 2012 besetzt von Trotta Sukowa zudem als "Hannah Arendt" im gleichnamigen Film.

Filmemachen ist etwas "Beglückendes"

Auch wenn Margarethe von Trottas spätere Filme gemischte Kritiken bekommen, schafft sie es immer wieder, starke Geschichten zu entdecken und umzusetzen: Der 2003 erschienene Film "Rosenstraße" erzählt beispielsweise die Geschichte von sogenannten Mischehen deutsch-jüdischer Paare und ihrem Aufbegehren gegen die Bedrohung in Berlin 1943.

Margarethe von Trotta wird 75 (picture-alliance/dpa/T. Frey)

Mit Barbara Sukowa hat Margarethe von Trotta gleich mehrere Rollen besetzt - 2012 die der Hannah Arendt

Nach der Komödie über einen Zickenkrieg in New York, "Forget About Nick", (2017) drehte sie zuletzt den Dokumentarfilm "Auf der Suche nach Ingmar Bergman", den sie im Mai 2018 in Cannes präsentierte. 

Von Trottas politisches Engagement und ihre Haltung werden in ihren Filmen spürbar, auch wenn sie seit den Siebziger Jahren ein Stück Optimismus eingebüßt hat: "Die Welt habe ich schon so oft verändern wollen und es nicht geschafft. Das heißt nicht, dass ich nichts mehr wahrnehme, ich finde auch, dass man sich engagieren muss. Nur darf man nicht davon ausgehen, dass sich irgendetwas verbessert", sagt sie anlässlich der Veröffentlichung ihres Films "Rosenstraße" 2003 in einem Interview mit der Berliner Zeitung. "Aber eigentlich freue ich mich jeden Morgen beim Aufwachen, dass ich überhaupt noch da bin. Dass ich noch Filme machen kann, ist für mich etwas sehr Beglückendes."

Der Adorno-Preis wird alle drei Jahre in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Er erinnert
an den Philosophen Theodor W. Adorno und würdigt hervorragende Leistungen in Philosophie, Musik, Theater und Film. 1995 ging die mit 50.000 Euro dotierte Auszeichnung zum ersten Mal an einen Filmemacher: Jean-Luc Godard.

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