″Absolut gerechten Fußball wird es nie geben″ | Sport | DW | 18.01.2019
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Videobeweis in der Bundesliga

"Absolut gerechten Fußball wird es nie geben"

Laut DFB und DFL haben die Video-Assistent-Referees (VAR) in der Bundesliga-Hinrunde 40 Fehlentscheidungen verhindert. Im DW-Interview sprechen Lutz-Michael Fröhlich und Jochen Drees über Probleme mit dem Videobeweis.

Der Videobeweis hat nach Angaben des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) in der Bundesliga-Hinrunde der laufenden Saison 40 Fehlentscheidungen der Schiedsrichter verhindert. Nach Angaben der beiden Verbände überprüften die Video-Assistenten in 153 Bundesligaspielen 879 Situationen, das macht einen Schnitt von 5,7 pro Spiel. In 248 Fällen kam es dabei zur Kommunikation zwischen den Schiedsrichtern und Video-Assistenten. Im DW-Interview stehen die beiden DFB-Funktionäre Lutz-Michael Fröhlich und Jochen Drees Rede und Antwort.

DW: Die Kritik an der Arbeit der Videoassistenten hält an. In der Hinrunde der Bundesliga verging kaum ein Spieltag ohne Diskussionen. Immer noch stößt der VAR auf Ablehnung. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Lutz Michael Fröhlich: Einige Fans hatten vielleicht die Erwartung, mit der Einführung des VAR bekämen wir den absolut gerechten Fußball ohne Diskussionen. Den wird es jedoch nie geben. Das Ziel war, die Zahl krasser Fehlentscheidungen zu reduzieren und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Auf diesem Weg sind wir gut vorangekommen. Auch wenn noch längst nicht alles perfekt ist.

Wann wird dieses Kontrollsystem mittels Fernsehbildern endgültig akzeptiert sein ?

 DFB Lutz Michael Froehlich (picture-alliance/SvenSimon/F.Hoermann)

Schiri-Leiter Lutz Michael Fröhlich

Lutz Michael Fröhlich: International gibt es nicht diese massive Kritik wie in Deutschland. In Spanien und den Niederlanden zum Beispiel werden in der öffentlichen Diskussion viel stärker die positiven Aspekte gesehen, obwohl dort in den Stadien nur Bilder von acht Kameras zur Verfügung stehen. Bei uns sind pro Spiel 21 Kameras im Einsatz.

Viele Kritiker verweisen darauf, dass nicht transparent  sei, was da geschehe. Bei der WM in Russland wurden die strittigen Szenen im Stadion gezeigt. Warum nicht in der Bundesliga ?

Jochen Drees: Bei der WM gab es neue Stadien mit hochmoderner Technik. Bei uns kann man diese Bilder bisher nicht überall zeigen. Wir möchten aber nicht in dem einen Stadion die Bilder zeigen und im anderen nicht. Wann es da eine Einheitlichkeit geben wird, kann ich nicht sagen. Wir streben auch an, dass zukünftig einmal der Referee, wie beim American Football, seine Entscheidung den Zuschauern im Stadion über sein Headset erläutern kann.      

Ein anderer Streitpunkt ist, dass in einem Spiel der VAR eingreift, im anderen nicht. Warum gibt es diese Unterschiede?

Jochen Drees: Man kann Situationen verschiedener Spiele nicht miteinander vergleichen. Es gibt zwei Gründe für den VAR einzugreifen: bei krassen Fehlentscheidungen und wenn der Schiedsrichter auf dem Feld etwas nicht wahrgenommen hat, weil ihm der Blick auf die Situation verdeckt war. Ein Beispiel: Wenn ein Schiedsrichter im Stadion bei freier Sicht ein Foul als nicht strafstoßrelevant bewertet, darf der VAR nicht eingreifen, selbst wenn er selbst vielleicht auf Strafstoß entschieden hätte. Anders ist es bei der krass falschen Bewertung einer Szene, zum Beispiel wenn ein klares Handspiel im Strafraum übersehen wird. Dann muss der VAR eingreifen und den Kollegen auf seinen Fehler aufmerksam machen. Der soll sich die Szene dann am Monitor selbst anschauen. Denn die konkrete Entscheidung trifft immer der Schiedsrichter im Stadion..  

Wie läuft diese Absprache konkret?

Deutschland Fußball Bundesliga - Hamburger SV vs. FC Schalke 04 (picture-alliance/CITYPRESS 24)

Jochen Drees (2.v.r.) während seiner aktiven Zeit

Jochen Drees: Zum einen hat der Schiedsrichter die Möglichkeit, dem VAR zu signalisieren, dass er eine Szene nicht exakt wahrnehmen konnte. Zum anderen schulen wir unsere VAR dahingehend, dass sie vor einem Eingriff genau bewerten, ob der Schiedsrichter freie Sicht auf die Situation hatte. Wir wollen die Zahl der Eingriffe so gering wie möglich halten. Es gab in der Hinrunde Beispiele, wo ein Eingriff durch den VAR nicht erforderlich war. 

Wie wollen Sie das in den Griff bekommen?

Jochen Drees: Das geht nur durch ständige Auswertung und Schulung. Nach jedem Spieltag besprechen wir mit den eingesetzten VAR, was gut und was verbesserungswürdig war. Nicht nur die Schiedsrichter werden benotet. Es gibt auch für die VAR ein Bewertungssystem.

Auch die Beurteilung von Handspielen ruft immer wieder Kritik hervor. Absicht oder nicht, ist dann die Frage.

Lutz Michael Fröhlich: Wir sind im bisherigen Verlauf der Saison der einheitlichen Auslegung ein großes Stück nähergekommen. Das hat bei den Klubs der Bundesliga Zustimmung gefunden Es gilt: Bei einer unnatürlichen Handhaltung liegt ein Regelverstoß vor. Also wenn der Arm vom Körper abgespreizt ist. Wir haben jedoch auch Verständnis für die Diskussionen. International muss endlich mal klar definiert werden, was ein strafbares Handspiel ist. Da ist das International Football Association Board (IFAB) gefordert. 

Lutz Michael Fröhlich (61) war 14 Jahre lang Schiedsrichter in der Bundesliga. Er leitete auch  zahlreichen Länder- und Europapokalspiele. Heute ist der Chef der Elite-Schiedsrichter im DFB

Dr. Jochen Drees (48) war bis 2017 Schiedsrichter in der Bundesliga. Seit Oktober 2018 ist er Projektleiter für die Video-Schiedsrichter.   

Das Interview führte Herbert Schalling.  

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