Abschiebung nach Pakistan: ″Soll ich zurück in den Tod?″ | Deutschland | DW | 16.03.2021
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Asyl

Abschiebung nach Pakistan: "Soll ich zurück in den Tod?"

Vielen Ahmadis droht eine Abschiebung aus Deutschland. Dabei haben andere Staaten die Schutzbedürftigkeit der in Pakistan verfolgten Minderheit anerkannt.

Zwischen zwei Regenschauern geht Familie Ahmad spazieren. Es weht starker Wind. Die Töchter halten sich an dem Kinderwagen fest, in dem ihre jüngste Schwester friedlich schläft. Sie gehen alle ganz dicht beieinander, als versuchten sie, eine geschlossene Front zu bilden. Sie - gegen den Rest der Welt.

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Ahmadiyya-Muslimen droht Abschiebung aus Deutschland

Die fünfköpfige Familie aus Pakistan lebt in Unsicherheit. Sie haben keinen Aufenthaltstitel, werden in Deutschland nur "geduldet”. Der Vater, studierter Ingenieur, darf nicht arbeiten. Die Familie lebt in einer Flüchtlingsunterkunft. Sie müssen jederzeit mit einem Abschiebebescheid rechnen. Nun haben sie erfahren, dass am 17. März die nächste Sammelabschiebung nach Pakistan stattfindet. Sie haben Angst, unter den "Fluggästen" zu sein. Zurück in Pakistan wären sie in Lebensgefahr, sagen sie.

In Pakistan Bürger zweiter Klasse

Denn sie gehören der muslimischen Religionsgemeinschaft der Ahmadiyya an, einer Bewegung, die im 19. Jahrhundert in Britisch-Indien entstand. Ahmadis halten an den islamischen Schriften fest. Doch den Begründer der Bewegung, Mirza Ghulam Ahmad, sehen sie als Messias. Viele Muslime betrachten die Ahmadiyya-Lehre deswegen als Häresie.

Auch in Pakistan. "Die Ausgrenzung der Ahmadis ist sogar in der Verfassung verankert", erklärt Mohammad Suleiman Malik, Sprecher der Ahmadi-Gemeinde in Thüringen und Sachsen. Ahmadis ist es seit 1974 in Pakistan verboten, sich als Muslime zu bezeichnen.

 Deutschland Ahmadi Gemeinde in Leipzig Abschiebung

Ahmadis sehen den Begründer der Bewegung, Mirza Ghulam Ahmad (großes Bild), als Messias

Sie dürfen ihre Gebetshäuser auch nicht "Moscheen" nennen, der Adhan, der Gebetsruf, ist ihnen untersagt. In einem Land, in dem mit die strengsten Blasphemie-Gesetze der Welt herrschen, könne ein "Salaam-aleikum"-Gruß von Ahmadis zur Todesstrafe führen. Als Nichtmuslime sind Ahmadis Bürger zweiter Klasse.

UNHCR und Amnesty sehen Schutzbedarf

Auch Ahmad und seine Frau Sahar Kalsoom haben schwere Anfeindungen erlebt. Kalsoom sagt, sie habe die Schule wechseln müssen, sei als "Kafir", als Ungläubige beschimpft worden. Einen Bildungsabschluss hat sie nicht. Als ihr Cousin ermordet wurde, habe die ganze Familie aus dem Heimatdorf Khureyanwala fliehen müssen. Nachdem sie Ahmad heiratete und das Paar Kinder bekam, entschieden die beiden, nach Deutschland zu fliehen. Um ihren Töchtern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

 Deutschland Ahmadi Gemeinde in Leipzig Abschiebung

Warten auf die Abschiebung: Familie Ahmad ist verzweifelt

Laut Amnesty International haben die pakistanische Behörden Gewalt gegenüber Ahmadis lange Zeit heruntergespielt, teilweise sogar unterstützt. Für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) steht fest: Die Ahmadis in Pakistan stellen eine verfolgte Minderheit dar und sollten Anspruch auf Schutz haben. Anders als in Deutschland werden Ahmadis in Großbritannien, den USA und den Niederlanden deshalb schon lange nicht mehr abgeschoben. 

Bundesinnenministerium: "Fälle werden einzeln geprüft”

Bundesweit sind 535 Ahmadis von einer Abschiebung bedroht. Auf eine Anfrage der Deutschen Welle antwortete ein Sprecher des Bundesinnenministeriums, die bloße Zugehörigkeit zu dieser Glaubensgemeinschaft werde in Pakistan strafrechtlich nicht sanktioniert - deshalb würden "Fälle anhand der individuellen Umstände einzeln geprüft". Deutsche Verwaltungsgerichte weisen oftmals auf inländische Fluchtalternativen für Ahmadis hin - zum Beispiel nach Rabwah, dem Sitz der größten Ahmadi-Gemeinde in Pakistan.

 Deutschland Ahmadi Gemeinde in Leipzig Abschiebung

Mohammad Suleman Malik: "Ahmadis sind nirgendwo in Pakistan sicher"

Malik ist skeptisch: "Ahmadis in Pakistan sind nirgendwo sicher." Auch in Rabwah würden regelmäßig Ahmadis ermordet. Für Malik und den sächsischen Flüchtlingsrat sind die sich nun häufenden Abschiebungen politisch motiviert. Nach einer Corona-bedingten Pause wolle man sich mit einer harten Migrationspolitik in diesem wichtigen Wahlkampfjahr profilieren. "Ich glaube, dass ein Mangel an Wissen oder politischem Willen zu erkennen ist. Das kommt leider zum Nachteil der verfolgten Menschen, die hier leben und jetzt gehäuft abgeschoben werden", sagt Malik und schüttelt den Kopf. "Es geht um Leben und Tod für diese Menschen."

"Wohin können wir gehen?”

Die Mutter kämpft mit den Tränen. "Die Deutschen leben in Freiheit, sie verstehen es vielleicht nicht - aber wenn man aus Pakistan hierher kommt und alles zurücklässt, trägt man einen Schmerz mit sich. Es ist nicht leicht, ein Land zu verlassen und alles zurückzulassen. Und jetzt, wo wir hier sind, sagt man uns, wir können hier nicht bleiben. Aber wohin können wir gehen?" Ihr Mann befürchtet, dass sie mit ihrer Rückkehr Aufsehen erregen werden, wie sein Onkel, der 2005 aus Großbritannien zurückkehrte. Im Dorf kursierte das Gerücht, er, der Ahmadi, sei ein ausländischer Agent. Er wurde von einem Mob gelyncht. 

Längst hat die Familie alle Rechtsmittel ausgeschöpft. Auch eine Petition Maliks an das Land Sachsen wurde abgelehnt. Sie können nur auf den Abschiebebescheid warten. Der Spaziergang im Wind - ein letzter Moment der Normalität.

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