737-MAX-Debakel: Kritik an Boeing und FAA | Wirtschaft | DW | 12.10.2019
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Luftfahrt

737-MAX-Debakel: Kritik an Boeing und FAA

Boeing gerät wegen des Problemfliegers 737 MAX weiter unter Druck. Eine unabhängige Untersuchung lässt sowohl den Luftfahrtriesen als auch die US-Behörde FAA schlecht aussehen. Die Jets dürfen weiterhin nicht starten.

Es ist kein Ende des 737-MAX-Debakels in Sicht. Nach zwei Abstürzen bleiben die umstrittenen Boeing-Jets wohl noch länger am Boden als gedacht und der Hersteller bleibt in der Kritik. Wie konnte es soweit kommen? Ein unabhängiges Gremium hat dazu nun eine Analyse vorgelegt. Beauftragt wurden die Experten von der US-Luftfahrtaufsichtsbehörde FAA. Ergebnis: Boeing habe den Aufsehern die Funktionsweise der Steuerungssoftware MCAS nicht ausreichend erklärt.

Das "Maneuvering Characteristics Augmentation System" gilt als wichtige Unglücksursache beim Absturz der beiden 737-MAX-Jets von Lion Air vor einem Jahr und von Ethiopian Airlines im März. Die Cockpit-Software soll eigentlich verhindern, dass Maschinen des Typs in gefährliche Fluglagen geraten und automatisch gegensteuern. Vermutlich gespeist mit fehlerhaften Sensor-Daten manövrierte das MCAS jedoch die beiden Unglücksjets offenbar in die Katastrophe. Beide Maschinen waren nahezu senkrecht und ungebremst zu Boden gerast.

Möglicher Grund: Die extra für die neuesten und besonders spritsparenden 737-Modelle geschriebene Steuerungssoftware wurde von Boeing während der Konstruktion offenbar überarbeitet - anscheinend ohne Wissen der Aufsichtsbehörde. Das Urteil des Untersuchungsgremiums: Der Flugzeugbauer habe die FAA nicht angemessen über laufende Veränderungen an der MCAS-Automatik informiert. Boeing habe den Aufsehern die installation des Systems zwar nicht verschwiegen. Doch der Informationsfluss sei bruchstückhaft und an getrennte Gruppen innerhalb der FAA erfolgt, sodass diese die tatsächliche Funktionsweise und Wirkung schwer habe einschätzen können.

Kritik an Zulassungsbehörde

Das Untersuchungsgremium geht aber auch mit der Behörde selbst hart ins Gericht. So zweifeln die Experten etwa an, ob alle für die 737-MAX-Zertifizierung zuständigen FAA-Beamten ausreichend Erfahrung und Fachkenntnis für die Aufgabe hatten. Die Behörde habe zudem nicht genügend Personal für die Zulassung neuer Flugzeuge. Der Vorwurf steht weiterhin im Raum, dass die FAA wesentliche Teile der Zertifizierung sogar Boeing selbst überlassen haben soll.

Geparkte 737-MAX-Jets am Flughafen Moses Lake (Reuters/L. Wasson)

Geparkte 737-MAX-Jets am Flughafen Moses Lake (USA): Neue Starterlaubnis unklar

Das Untersuchungsgremium, dem Experten aus Amerika, Europa und Asien angehörten, machte insgesamt zwölf Vorschläge zur Verbesserung des FAA-Zertifizierungsverfahrens für neue Flugzeugtypen. So sollten die Aufseher unter anderem ein größeres Augenmerk darauf richten, wie Piloten mit einer zunehmenden Automatisierung im Cockpit umgehen.

"Da die Automatisierung immer komplexer wird, ist es unwahrscheinlich, dass die Piloten sie vollständig verstehen", so der Vorsitzende des Untersuchungsgremiums, Christopher Hart. Die meisten Piloten könnten mit Problemen umgehen, die in automatisierten Systemen auftreten, sagte Hart, aber wenn einige es nicht könnten, führe das zu einem Absturz. Die internationalen Experten empfehlen, dass die FAA wissenschaftliche Studien nutzen sollte, um ihre Annahmen zum Pilotenverhalten zu überprüfen.

Pilotenverbände lobten den Bericht. Sie hatten Boeing kritisiert, weil der Flugzeugbauer sie erst nach dem ersten 737-MAX-Absturz darüber informiert hatte, dass an Bord der Maschinen die MCAS-Software installiert war. FAA-Chef Steve Dickson dankte der Kommission und kündigte an, die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung zu prüfen und entsprechende Schlüsse zu ziehen.

Entmachtung des Boeing-Chefs

Nur Stunden nach Veröffentlichung des Berichts verkündete Boeing eine wichtige Personalentscheidung: Der Flugzeugbauer trennt die bisher von Dennis Muilenburg in Personalunion gehaltenen Chefposten in Vorstand und Verwaltungsrat. Muilenburg bleibe Konzernchef, gebe den Vorsitz des Verwaltungsrats aber ab, teilte Boeing mit.

Boeing-Vorstandschef Dennis Muilenburg (Getty Images/D. Angerer)

Boeing-Chef Muilenburg (Anfang Oktober in New York): Konzentration auf das Tagesgeschäft

Die Aufgabe des Chairman soll David Calhoun übernehmen, ein hochrangiger Manager der Beteiligungsgesellschaft Blackstone. Durch die Trennung der Ämter könne sich Muilenburg voll und ganz auf das Tagesgeschäft konzentrieren. Er soll sich damit in Vollzeit um die angestrebte Wiederzulassung der 737 MAX sowie um Bedürfnisse der Kunden und die Produkt- und Service-Sicherheit kümmern können.

Ob und wann die 737 MAX wieder abheben darf, ist derzeit unklar. Angesichts von Boeings anhaltenden Schwierigkeiten bei der angestrebten Wiederzulassung haben einige der betroffenen Fluggesellschaften Konsequenzen gezogen. So plant United Airlines dieses Jahr nicht mehr mit dem Einsatz der Problemflieger. Die Maschinen werden bis zum 6. Januar aus dem United-Flugplan gestrichen, wie das Unternehmen mitteilte. Dadurch fallen zusätzlich zahlreiche Flüge aus und zwar ausgerechnet in der betriebsamen Reisezeit rund um Weihnachten und den Jahreswechsel. Ursprünglich hatte United mit einem Ausfall bis zum 19. Dezember gerechnet.

Am Mittwoch hatte bereits American Airlines Flüge mit Boeings Krisenjets bis zum 16. Januar gestrichen. Die dritte große US-Fluggesellschaft mit 737-MAX-Fliegern in der Flotte, Southwest Airlines, verzichtet in ihrem Flugplan bis zum 5. Januar auf die Maschinen.

Boeing selbst bekräftigt bislang, noch im vierten Quartal des laufenden Jahres mit einer erneuten Betriebserlaubnis zu rechnen. Anfang der Woche berichtete die Nachrichtenagentur Reuters allerdings, dass der entscheidende Zertifizierungs-Testflug nicht vor dem 1. November stattfinden kann. Damit ist mit der Wiederzulassung des Flugzeugtyps nicht vor Dezember zu rechnen. Auch viele Beobachter halten die Boeing-Prognose für ziemlich optimistisch, zumal es auch noch Unstimmigkeiten zwischen der FAA und internationalen Aufsichtsbehörden geben könnte. Dann blieben die 737 MAX zumindest außerhalb der USA weiterhin am Boden.

AR/jj (dpa, ap, afp, rtr)

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