Ein Bossa-Nova-Hit für das ″Girl from Ipanema″ | Musik | DW | 13.08.2018
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60 Jahre Bossa Nova

Ein Bossa-Nova-Hit für das "Girl from Ipanema"

Bossa Nova ist die beste Botschafterin Brasiliens - und eine musikalische Liebeserklärung an die Stadt Rio de Janeiro. Vor 60 Jahren schaffte die neue Welle den Durchbruch. Eine Hommage von Astrid Prange.

Brasilien Foto Garota de Ipanema Astrid Prange (DW/A. Prange)

"Girl from Ipanema": Die Muse Helo Pinheiro inspirierte Tom Jobim und Vinicius de Moraes zur Komposition des Hits

Die Bossa Nova - die neue Welle - ergießt sich bis heute über die ganze Welt. Auf Flughäfen und Kreuzfahrtschiffen, in Bars und Fahrstühlen, in Wartezimmern und Stadien - überall erklingt Bossa Nova. Der Hit "Girl from Ipanema" ist nach "Yesterday" von den Beatles der meistgespielte Song weltweit.

Schräg und sanft, schwermütig und heiter, poetisch und perkussiv: Bossa Nova ist brasilianische Dialektik vom Feinsten. In der neuen Welle mit den hingehauchten Melodien und dissonanten Harmonien lösen sich scheinbare Gegensätze auf und verbinden sich zu einem einzigartigen Musikstil, der tief in die brasilianische Seele blicken lässt.

Schräge Akkorde von João Gilberto

Tom Jobim (Folha Imagem)

Brasiliens Beethoven: Der Musiker Tom Jobim komponierte über 400 Bossa Novas

Keiner verkörperte die Mischung aus Samba, Jazz und klassischer Musik so authentisch wie ein schüchternder Mann aus dem brasilianischen Landesinneren, der Mitte der 1950er nach Rio de Janeiro kam: der Gitarrist João Gilberto. Seine leise, beinahe sprechende Stimme, die auf den Akkorden auszurutschen schien, und sein rhythmischer Anschlag schufen einen schrägen Sound, der verfing.

Komponist und Konzertmeister Antonio Carlos "Tom" Jobim lieferte Gilberto die Songs, der Dichter Vinicius de Moraes die Texte. Bossa Nova - das bedeutete Abschied vom bisherigen Gesangsstil mit Tremolo, aufbegehren gegen Spießtertum und Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft.

Aufgeschrieben hat die Gründungsgeschichte der brasilianische Schriftsteller und Musikkenner Ruy Castro. Sein akribisch recherchiertes, 1990 erschienenes Buch "Bossa Nova. The Sound of Ipanema" zeichnet die aufregende Epoche brasilianischer Musikgeschichte nach.

50 Jahre Girl from Ipanema Vinicius de Moraes (Ricardo Alfieri)

Diplomat und Dichter: Vinicius de Moraes machte aus Bossa Nova Poesie

Schwarzer Samba, weißer Bossa

Doch was genau ist Bossa Nova? Eine Art moderner Samba? Eine brasilianische Variante des amerikanischen Cool Jazz? Oder eine Mischung aus beiden? Tom Jobim selbst bestand stets darauf, "80 Prozent seines Lebens dem schwarzen Samba gewidmet" zu haben. Er betrachtete seine Musik auch als eine Art sanften Angriff auf die brasilianische Klassengesellschaft.

Gemeinsam mit dem sozialkritischen Dichter und Diplomaten Vinicius de Moraes sehnte er sich danach, die Gräben zu überwinden: Zwischen arm und reich, schwarz und weiß, Favela und vornehmen Stadtteilen wie Ipanema. "Wenn die Armen auf den Hügeln eine Chance bekommen, dann singt die ganze Stadt", prophezeite er in dem Song "O morro não tem vez" ("Die Favela hat keine Chance").

Weltmeister mit Pelé

Die Sehnsucht nach Aufbruch und Veränderungen - einst vom Samba angetrieben, wurde vom Bossa Nova fortgeschrieben. 1958 strotzte Brasilien vor Optimismus: Die Startarchitekten Oscar Niemeyer und Lucio Costa entwarfen die neue Hauptstadt Brasília auf dem Reißbrett. Und mit Fußballkönig Pelé wurde das Land zum ersten Mal Weltmeister.

Doch ausgerechnet die WM in Schweden trug dazu bei, dass der Durchbruch des Bossa Nova sich monatelang hinzog. Als im August 1958 João Gilbertos Version von "Chega de Saudade" (No more Blues) auf den Markt kam, interessierte sich zunächst niemand dafür. Stattdessen war auf allen Kanälen die Siegeshymne der "Seleção" zu hören.

Schlimmer noch: Die Interpretation des von Jobim und Moraes komponierten Song durch João Gilberto stieß zunächst auf allgemeine Ablehnung. "Der Sänger hat keine Stimme und singt völlig neben dem Rhythmus", befand der damalige Verkaufsleiter der Plattenfirma Odeon in Sao Paulo, Oswaldo Gurzoni.

"Scheiße aus Rio"

Auch der Geschäftsführer der großen Handelskette "Lojas Assumpção", Álvaro Ramos, war verärgert. Er wollte die Platte nicht in seinen Läden verkaufen. In seinem Buch schildert Ruy Castro dessen legendären Wutausbruch: "Das ist die Scheiße, die wir aus Rio kriegen! Warum nehmt ihr jemanden auf, der erkältet ist?"

Seine Kunden sahen es glücklicherweise anders. Ihnen gefiel der neue Sound. "Chega de Saudade" wurde einige Monate nach der WM doch noch zum Bestseller. Von August bis Dezember 1958 verkaufte sich die Platte allein in São Paulo 15.000 mal. Bis 1990 stieg der Absatz auf über 500.000 Exemplare an. 

Orpheus aus der Favela

International bekannt wurde die neue brasilianische Musik ein Jahr später mit dem Song "Black Orpheus". Der Titel gehörte zur Musik des gleichnamigen Films und wurde 1959 beim Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Laut Guiness Buch der Rekorde zählt die Komposition von Luiz Bonfá zu den meist gespielten Stücken aller Zeiten.

Danach war die Welle nicht mehr aufzuhalten. Allein Tom Jobim komponierte mehr als 400 Bossa Nova, darunter "Girl from Ipanema", "Corcovado", "Desafinado" und "Wave". Nach der triumphalen Bossa Nova Show am 21. November 1962 in der New Yorker  Carnegie Hall begann die musikalische Liebesbeziehung mit dem amerikanischen Jazz, die bis heute anhält.

Kompliment von Miles Davis

Filmplakat Orfeu Negro (cc-by-3.0/Helmuth Ellgaard)

Antikes Drama im brasilianischen Karneval: Mit der Musik zum Film "Orfeu Negro" wurde Bossa Nova weltbekannt

Miles Davis, der damals unter den Zuschauern weilte, bescheinigte dem Gitarristen João Gilberto mit seinem ganz eigenen Humor, dass er mit seiner Stimme sogar Telefonbücher vertonen könne - es würde trotzdem gut klingen.

Noch heute streiten Musikkritiker darum, ob die Bossa Nova den Jazz oder der Jazz die Bossa Nova beeinflußt habe. Fest steht: Alle bekannten Jazzmusiker, darunter Stan Getz, Charlie Byrd, Chet Baker, Thelonius Monk, Ella Fitzgerald, Frankt Sinatra, Sarah Vaughan, Gerry Mulligan und Henri Mancini haben Bossa Nova Hits aufgenommen und neu interpretiert.

Der Siegeszug der Bossa Nova geht weiter. Mittlerweile klinge ihre Akkorde klingen nicht mehr schräg, sondern sanft, und die Synkopen stolpern nicht mehr, sondern wirken schwungvoll und leicht: Bis heute prägt Bossa Nova die brasilianische und die internationale Popmusik. "Als Tom Jobim anfing zu komponieren, hat sich alles verändert", erinnert sich der brasilianische Gitarrist João Bosco. "Er brachte eine Art Schönheit mit, die es vorher nicht gab."

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