50 Jahre RAF - der Staat zündelte mit | Deutschland | DW | 02.04.2018
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Terrorismus

50 Jahre RAF - der Staat zündelte mit

Mit der Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern vor 50 Jahren begann die Geschichte der RAF. Auch 20 Jahre nach ihrer Selbstauflösung bleiben viele Fragen offen. Auch über die Rolle des Verfassungsschutzes.

Rote Armee Fraktion RAF Auflösung (picture-alliance/dpa)

Die Frankfurter Kaufhausbrandstifter Andreas Baader (2. v.r.) und Gudrun Ensslin im Oktober 1968 vor Gericht

Drei ehemalige RAF-Angehörige sind nach Jahrzehnten noch immer auf der Flucht. Zuletzt hat das Bundeskriminalamt im vergangenen November mit neueren Fahndungsbildern nach den untergetauchten Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette gesucht. Eine Serie von Überfällen hatte die Behörde erneut auf die Spur der Terroristen gebracht. Die Überfälle dienten keinem politischen Ziel. Sie dienten nur noch zur Finanzierung des - teuren - Lebens im Untergrund.

Nein, Geschichte ist die RAF und die von ihr knapp drei Jahrzehnte lang gelegte Blutspur quer durch die Bundesrepublik noch nicht. Auch, weil späte Entschuldigungen Deutschland noch immer aufwühlen: So wie im vergangenen Herbst, als die frühere RAF-Angehörige Silke Maier-Witt sich mit dem Sohn des 1977 von den Linksterroristen ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleier traf und um Verzeihung bat.

Geschichte ist die RAF auch nicht, obwohl mit der Rückführung der 1977 entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Deutschland im vergangenen September die Musealisierung des linken Terrors Fahrt aufnimmt.

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Deutschland: Vor 50 Jahren beginnt der Terror der RAF

Die RAF ist vor allem deshalb noch nicht Geschichte, weil die zwischen 1970 und 1998 verübten Morde, Sprengstoffanschläge, Überfälle mit mehr als 30 Toten und über 200 Verletzten noch immer nicht vollständig aufgeklärt sind.

Agent Provocateur Peter Urbach

Zur fehlenden Aufklärung gehört auch, dass die Rolle des Verfassungsschutzes beim Abgleiten von Teilen der studentischen Protestbewegung in den Terror Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre bislang ungeklärt ist. Eine Schlüsselfigur spielt für den Hamburger Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar in diesem Zusammenhang der Verfassungsschutzagent Peter Urbach. Kraushaar führt im DW-Gespräch aus: "Urbach hat eine wichtige - aber nicht abschließend zu beurteilende - Rolle gespielt bei der  Transformation von einem kleinen, aber harten Kern der damaligen Demonstrationsszene in militante Gruppierungen und letztlich in Zirkel, aus denen sich der Terrorismus dann herausgeschält hat."

Schleyer Entführung RAF (picture-alliance/dpa/R.Scheidemann)

Die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer prägte den "Deutschen Herbst" 1977.

Urbach wurde beispielsweise am 11. April 1968 aktiv. An dem Tag war der Studentenführer Rudi Dutschke durch den Mordanschlag eines Rechtsradikalen lebensgefährlich verletzt worden. 2000 Studenten zogen aufgebracht zum Hochhaus des Springer-Verlags, der mit seiner Bild-Zeitung massiv gegen die Studentenproteste und Dutschke gehetzt hatte. Dort, berichtet der Hamburger RAF-Experte, hatte Urbach einen Weidenkorb dabei, indem sich Molotowcocktails befanden, die er unter den ja absolut empörten und wütenden Demonstranten verteilte. "Nachdem man mit den ersten dieser Brandflaschen nicht das erreicht hat, was sie sich eigentlich vorgenommen hatten, dass nämlich diese Autos entflammten, hat Urbach ihnen gezeigt, wie man es machen müsse. Dann haben sie diese Fahrzeuge erst mal umgeworfen, so dass die auf der Unterseite liegenden Tanks besser erreichbar waren und haben sie dann dort entzündet. Dann sind die alle hintereinander in Flammen aufgegangen und ausgebrannt", schildert Kraushaar die Szene.

"Protestbewegung diskreditieren"

Der Verfassungsschutzagent sei es auch gewesen, der innerhalb der linken Protestszene als Erster Schusswaffen verteilt habe, fährt Kraushaar fort. Urbach ist für ihn ein Agent Provocateur, der maßgeblichen Einfluss auf die Aktionen der damaligen außerparlamentarischen Opposition hatte.

Woran sich die Frage anschließt, was den Berliner Senat und vermutlich auch die Westalliierten - die US-Amerikaner, die Franzosen und die Briten, die bis zur deutschen Wiedervereinigung in Westberlin Besatzungs- und Kontrollmacht waren - dazu bewogen hat, einem solchen Mann so freie Hand zu geben. Kraushaars Vermutung: "Man wollte besonders militant eingestellte Demonstranten dazu bringen, sich selbst und andere, letztlich aber die ganze links eingestellte, außerparlamentarisch agierende Bewegung, mit Gewaltakten zu diskreditieren." 

Bonn Haus der Geschichte RAF Pistole (Axel Thünker, Haus der Geschichte, Bonn)

Pistole der RAF im Haus der Geschichte. Kam auch die vom Verfassungsschutz?

Verfassungsschutzbombe im Jüdischen Gemeindezentrum

Eins darf bei der Beschäftigung mit der RAF nicht vergessen werden: Sie war zwar die bekannteste, aber nicht die einzige linksterroristische Gruppierung. Da gab es unter anderen auch die "Revolutionären Zellen"; es gab die nach dem Tag der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Polizeibeamten 1967 benannte "Bewegung 2. Juni"; und es gab auch die "Tupamaros West-Berlin". Tatsächlich waren es die Tupamaros West-Berlin, mit denen der Terror in Deutschland eigentlich begann, erinnert sich der Historiker Michael Sontheimer: Mit einem - glücklicherweise durch Zufall gescheiterten - Bombenanschlag auf das mit 250 Menschen voll besetzte Jüdische Gemeindezentrum in Berlin, ausgerechnet am 31. Jahrestag der Reichspogromnacht, am 9. November 1969. Und wieder involviert: der Verfassungsschutz. Sontheimer, der sich gerade erst in dem Buch "Berlin - Stadt der Revolte" mit der Protestbewegung der späten 1960er Jahre auseinandergesetzt hat, erregt sich im DW-Gespräch: "Das muss man sich mal vorstellen: Mit einer Bombe vom Verfassungsschutz, die dieser Peter Urbach besorgt hatte, wurde eine jüdische Einrichtung in Berlin angegriffen! Das ist der Start des Terrorismus in West-Deutschland, in West-Berlin."

Zwar sollte man weder dem Verfassungsschutz noch Peter Urbach unterstellen, sie hätten eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus platziert sehen wollen. Aber der Anschlag zeigt, was mit den Bomben hätte angerichtet werden können. Die Erkenntnis drängt sich auf: Staatliche Stellen waren willens, zusätzlich Öl ins ohnehin hell lodernde Feuer zu gießen.

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RAF-Experte Klaus Pflieger im DW-Gespräch

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