50 Jahre Berliner Philharmonie | Musik | DW | 15.10.2013
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Musik

50 Jahre Berliner Philharmonie

"Zircus Karajani" nennen die Berliner die neue Philharmonie wegen der ungewöhnlichen Raumordnung. Vor 50 Jahren wurde Hans Scharouns wohl berühmtester Bau eingeweiht - trotz großer Skepsis bei Kritikern.

Ludwig van Beethovens berühmte Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, ein musikalisches Symbol für Freiheit, hatte der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Herbert von Karajan zur Eröffnung des neuen Hauses wohl nicht ganz zufällig ausgewählt. Denn das hochdramatische Orchesterwerk gab ihm die Möglichkeit, sich für einen großen Teil des Publikums so richtig in Szene zu setzen – im wahrsten Sinne des Wortes: Viele der Zuschauer konnten Karajans Gesicht sehen und sein Minenspiel genau mitverfolgen. Das hatte es so vorher noch nie gegeben.

Bruch mit den Traditionen

Seit dem Aufkommen der bürgerlichen Musikkultur im 19. Jahrhundert wurden alle bedeutenden Konzertsäle nach demselben Schema gebaut: rechteckig, mit einem erhöhten Orchesterpodest an einem Kopfende und einem ebenerdigen Zuschauerparkett davor.

Innenansicht der Philharmonie in Berlin, aufgenommen am 21.11.2007. Die Berliner Philharmonie am Kemperplatz im Stadtteil Tiergarten ist einer der wichtigsten Konzertsäle in Berlin und die Heimstätte der Berliner Philharmoniker. Die Philharmonie wurde 1960 bis 1963 von Hans Scharoun erbaut und gehört heute zusammen mit dem Kammermusiksaal und anderen Gebäuden zum Kulturforum Berlin am Potsdamer Platz. Foto: Soeren Stache dpa +++(c) dpa - Report+++

Architekt Hans Scharoun geht neue Wege

Ein Paradebeispiel dafür ist der Saal des Wiener Musikvereins, in dem bis heute die Neujahrskonzerte stattfinden. Auch die im Zweiten Weltkrieg zerstörte alte Berliner Philharmonie folgte diesem Schema. Hans Scharouns 1956 vorgestellten Pläne für einen Neubau am neuen Kulturforum im Stadtteil Tiergarten haben ein völlig anderes Konzept, das einen radikalen Bruch mit den alten Traditionen vorsieht: Statt eines lang gestreckten Saales entwirft er einen asymmetrischen Zeltbau und holt die sonst isolierte Orchesterbühne mitten in den Zuschauerraum – wie eine Art Arena mit zentraler Spielfläche und aufsteigenden Publikumsrängen.

Streit um den Neubau

Scharoun, Jahrgang 1893, gehört in den 1920er Jahren zu den bedeutendsten Vertretern des 'Neuen Bauens', arbeitet unter anderem mit Bauhaus-Architekt Ludwig Mies van der Rohe zusammen und entwirft vor allem Wohnbauten. Mit der Berliner Philharmonie legt er erstmals Pläne für eine Kultureinrichtung vor. Deren ungewöhnlichen Grundriss erläutert der Architekt so: "Es ist gewiss kein Zufall, dass Menschen sich heute wie zu allen Zeiten sofort zu einem Kreis zusammenschließen, wenn irgendwo improvisiert Musik erklingt. Dieser ganz natürliche Vorgang, der von der psychologischen wie von der musikalischen Seite her jedem verständlich ist, musste sich auch in einen Konzertsaal verlegen lassen. Musik sollte auch räumlich und optisch im Mittelpunkt stehen."

Der langjährige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan (Archivbild vom 27.06.1998), wäre am Sonntag (05.04.1998) 90 Jahre alt geworden. Der Dirigent, der weltweit zum Synonym für Klassik geworden ist, wird mit Straßenumbenennungen, Konzerten und Ausstellungen an seinen Wirkungsstätten in Berlin, Salzburg und Wien geehrt. dpa COLORplus

Herbert von Karajan

Philharmoniker-Chef Herbert von Karajan ist von Scharouns Idee begeistert, andere, wie der Komponist Paul Hindemith sind skeptisch. Harsche Kritik kommt vom Westberliner Musikkritiker Werner Oehlmann, der sich an den akustischen Hilfsmitteln stört: "Nicht jeder Konzertbesucher hat den Wunsch, durch eine 'sichtbare Konstruktion' daran erinnert zu werden, dass das Wunder des Hörens ein physikalischer, von der Wissenschaft gesteuerter Vorgang ist, so wenig wie der Zuschauer einer Theateraufführung die Scheinwerfer sichtbar vor Augen haben möchte."

Mit Segeln zum Klanggenuss

Berlin, Philharmonie / Foto 1990 Berlin-Tiergarten, Philharmonie, Kemperplatz (1960-63 erbaut, Arch.: Hans Scharoun). - Teilansicht. - Foto, um 1990 (Lothar Peter).

Markant auch außen: Berliner Philharmonie

Die von Oehlmann bemängelte ‚sichtbare Konstruktion‘ ist ein riesiger Klangreflektor, den Scharouns Mitarbeiter, der Akustiker Lothar Cremer, wie ein Sonnensegel über den Orchesterplatz gespannt hat. Seitlich davon angebrachte kleinere Reflektoren sollen den Klang gleichmäßig im Raum verteilen. Das Ergebnis dieser Konstruktion verblüfft Publikum und Kritik, überzeugt aber nicht völlig; Cremer wird noch einige Zeit mit Karajan an der Akustik des Saales feilen. Für Schallplattenproduktionen nutzt der Dirigent mit seinen Philharmonikern noch bis zu Beginn der 70er Jahre die Jesus-Christus-Kirche in Dahlem; erst dann sind die akustischen und technischen Voraussetzungen nach dem Gusto des Maestros. Zu diesem Zeitpunkt gilt Scharouns architektonischer Entwurf schon längst als überaus gelungene Meisterleistung, die so manchen Planer inspiriert.

Liebling internationaler Stars

Berlin, Kammermusiksaal, Innenansicht Berlin-Tiergarten, Philharmonie, Kammermusiksaal (1984-87 nach Plaenen Hans Scharouns von Edgar Wisniewski). - Innenansicht. - Foto, undat.

Der Konzertsaal der Berliner Philharmonie

Darüber hinaus kommen bis heute zahllose renommierte Solisten und Orchester überaus gerne in die "Arena" des markanten "Zirkus Karajani": Neben der hervorragenden Akustik schätzen sie besonders den Auftritt inmitten des Publikums. Die Neue Philharmonie blieb übrigens nicht der einzige Bau, den Scharoun am Kemperplatz plante und errichtete: 1967 begann er mit dem Bau der Staatsbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und 15 Jahre nach dem Tod des Architekten realisierte Edgar Wisniewski 1987 dessen lange geplanten Kammermusiksaal neben der Philharmonie. Beide Gebäude sind prägnante Zeugnisse von Scharouns Idee des "organischen Bauens"; gleichzeitig schuf er mit der Philharmonie ein Bauwerk von Weltgeltung.

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