25 Jahre nach der Fatwa gegen Rushdie | Asien | DW | 13.02.2014
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Asien

25 Jahre nach der Fatwa gegen Rushdie

Bis heute ist der Autor Salman Rushdie bei vielen Muslimen verhasst, doch er wird inzwischen weniger aggressiv verfolgt als vor 25 Jahren. Unverändert bleibt die Diskussion um Meinungsfreiheit in der Literatur.

Am 14. Februar 1989 erließ Irans damaliger politischer und religiöser Führer Ayatollah Khomeini eine Fatwa gegen Salman Rushdie. Sie glich einem Todesurteil: Khomeini rief die Muslime in aller Welt dazu auf, den britisch-indischen Schriftsteller zu töten. Anlass war die angebliche Gotteslästerung in Rushdies Buch "Die Satanischen Verse". Das Buch sei "gegen den Islam, den Propheten und den Koran gerichtet", so hieß es aus Teheran.

Der Begriff "Satanische Verse" bezieht sich auf angebliche, gelöschte Verse im Koran. Nach einer Überlieferung ruft der Prophet Mohammed in Mekka darin von alters her verehrte Göttinnen um Fürsprache an. Eine neue, bereinigte Fassung verdrängte diese Gottheiten, da sie nicht mit dem Monotheismus-Gebot des Islam in Einklang zu bringen waren.

"Die Satanischen Verse" lösten nach ihrem Erscheinen am 26. September 1988 weltweit Proteste und Gewalttaten von Muslimen aus. Das Buch wurde in mehreren Ländern verboten, zum Beispiel in Bangladesch, Indonesien und Pakistan. Herausgeber und Übersetzer wurden angegriffen. Der Aufruf zu seiner Ermordung schränkte die persönliche Freiheit Rushdies dramatisch ein: 13 Jahre lang lebte er in erzwungener Isolation an ständig wechselnden Wohnorten und unter Polizeischutz.

Rushdie hielt die Fatwa für "unbegründet". In seiner Autobiografie unter dem Titel "Joseph Anton" beschreibt er seine Haltung in der dritten Person: "Zu Beginn, als er der Blasphemie beschuldigt wurde, war er völlig perplex. Er dachte er habe sich auf künstlerische Weise den Mohammed-Versen genähert - vom Standpunkt eines Ungläubigen aus, das ist wahr, aber dennoch auf angemessene Weise."

Recht auf "Verletzung von Gefühlen"?

Cover des Romans von Salman Rushdie Die satanischen Verse (Foto: DW)

Rushdie wurde 2007 von der britischen Königin für seine literarischen Verdienste zum Ritter geschlagen

Inzwischen kann sich der 66-jährige Autor wieder in der Öffentlichkeit zeigen. "Wenn man sich von etwas verletzt fühlt, dann ist das ein persönliches Problem", sagte Rushdie 2012 bei der Veröffentlichungszeremonie seiner Autobiografie in Berlin. "Es ist recht schwierig und kostet einige Anstrengung, sich durch ein Buch beleidigen zu lassen. Wenn man das Buch schließt, verliert es seine Macht, zu verletzen", fügte er hinzu.

Aber ist der Ärger der Muslime über "Die Satanischen Verse" unvernünftig? War die Fatwa gegen Rushdie tatsächlich unbegründet und ungerecht? Dürfen Schriftsteller im Namen des Rechts auf freie Meinungsäußerung Gefühle verletzen?

Dwayne Ryan Menezes, Experte für Religionsgeschichte an der University of Cambridge, findet es selber schwierig, mit Menschen zu sympathisieren, die den Reichtum und die Vielfalt der islamischen Welt nicht anerkennen. "Dennoch", so Menezes, "zeugt die Fähigkeit, Andersdenkende zu tolerieren und Meinungsfreiheit zuzulassen von der Stärke und Reife zivilisierter Gesellschaften. Daher irritiert es mich, dass gerade die Menschen aus einer der reichsten Zivilisationen nicht auch die führenden Verfechter von Toleranz in der Welt sind."

Die Fatwa gegen Rushdie verletze klar die Artikel 18 und 19 der UN-Menschenrechtscharta, so der Religionswissenschaftler. Die Artikel betonen, dass jeder Mensch das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit sowie auf freie Meinungsäußerung hat. "Deshalb finde ich die Fatwa einigermaßen unreif und sicherlich ungerechtfertigt", so Menezes gegenüber der Deutschen Welle.

Auswirkungen der Fatwa

Irans früherer religiöser Führer Ayatollah Khomeini (Foto: irancima)

Islamisten halten bis heute an der Fatwa Khomeinis fest

Am 7. März 1989 brach Großbritannien aufgrund der Kontroversen um Salman Rushdie die diplomatischen Beziehungen zu Iran ab. Erst knapp zehn Jahre später wurden die Verbindungen wieder aufgenommen, als Irans Staatspräsident Mohammad Chatami die Fatwa aufhob, indem er öffentlich erklärte, dass sein Land "Mordversuche an Rushdie weder unterstützen noch verhindern" werde.

Hardliner im Iran halten das "Todesurteil" jedoch weiterhin aufrecht. Die iranische Chordat-Stiftung, die zu Beginn ein Kopfgeld von einer Million US-Dollar ausgesetzt hatte (und es zwischenzeitlich verdoppelt hatte), erhöhte den Lohn für die Ermordung Rushdies im September 2012 auf nunmehr 3,3 Millionen Dollar.

Literatur und Politik

Rushdie ist nicht der einzige Autor, der den Zorn der Muslime auf sich gezogen hat. 1993 erregte Taslima Nasrin, Autorin aus Bangladesch, mit ihrem Roman "Schande" den Zorn vieler Muslime in Südasien. Nach Todesdrohungen islamistischer Gruppen in Bangladesch musste sich Nasrin in Indien verstecken. Ein weiteres Beispiel: im Jahr 2005 protestierten Muslime weltweit gegen eine Serie von zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten.

Seit den Terrorattentaten vom 11. September 2001 und der darauf folgenden US-geführten Intervention in Afghanistan habe sich die muslimische Welt sehr stark radikalisiert, sagen Experten. War die Bedrohung früher zunächst "nur" gegen Rushdie und Nasrin gerichtet, sahen sich ihr später zahlreiche Autoren und Intellektuelle weltweit ausgesetzt.

Lindsey German von der Londoner Anti-Kiegsorganisation "Stop the War Coalition" sieht politische Motive hinter den heftigen Reaktionen der Muslime. Auch deren Hass gegen Rushdie müsse in einem größeren politischen Zusammenhang gesehen werden. "Ich bin nicht einverstanden mit der Fatwa und dem wachsenden Kopfgeld für Rushdie. Aber hier geht es nicht nur um den einen Autor. Es geht um die westliche Politik in muslimischen Staaten. Solange der Westen seine Politik in diesen Ländern nicht verändert, wird es weitere Empörung und Fatwas geben."

Intoleranz

Taslima Nasrin, Autorin aus Bangladesch (Foto: Getty Images)

Nasrins Roman "Schande" handelt von einer Hindu-Familie, die von Muslimen verfolgt wird

Syed Ali Mujtaba Zaidi, schiitischer Aktivist in Pakistan, erklärt gegenüber der Deutschen Welle: "Wir müssen den Westen wieder und wieder daran erinnern, dass wir [Muslime] keine Blasphemie dulden. "Wir werden den Menschen, die weiterhin unsere religiösen Gefühle verletzen, das Leben so schwer machen, dass andere ihrem Beispiel nicht mehr folgen werden."

Eine wachsende Intoleranz gegenüber Meinungsfreiheit sei jedoch nicht nur in muslimischen, sondern auch in anderen Staaten zu spüren, sagt Manish Tripati, Literaturagent aus Indien. Er verweist auf den indischen Maler Maqbool Fida Husain, der gezwungen wurde, seine indische Staatsbürgerschaft abzugeben, nachdem er Todesdrohungen von Hindu-Fanatikern erhalten hatte. Husain verbrachte die letzten Jahre seines Lebens in den Vereinten Arabischen Emiraten. "Intoleranz wurzelt sehr häufig in Unwissenheit", so Tripati. Der gleichen Ansicht ist der pakistanische Dichter Iftikhar Arif. Er verweist auf den Film "Die letzte Versuchung Christi" von Martin Scorsese, der bei seinem Erscheinen 1988 vor allem unter konservativen Christen wütende Proteste hervorrief. Die Geschichte von einem Jesus, der an seiner Berufung als Sohn Gottes zweifelt, mit den Römern kollaboriert und eine Frau begehrt, wurde als Blasphemie betrachtet. "Die Kontroverse ging so weit, dass es auch zu gewalttätigen Protesten kam", erinert sich Ifthikar Arif. "Gläubige Menschen, gleich welcher Religion, sollten wohlüberlegt reagieren."

Literarischer Wert

Grundsätzlich sei Salman Rushdie ein hervorragender Schriftsteller, der sehr viel zum Reichtum der britischen Literatur beigetragen hat, da sind sich die Literaturkritiker einig. Für seinen Roman "Mitternachtskinder" über die Entstehung des modernen Indien erhielt Rushdie 1981 den wichtigsten englischen Literatur-Preis, den Booker Preis. "Viele Menschen empören sich über Rushdies Werk, ohne je seine Bücher gelesen zu haben", kritisiert der pakistanische Dichter Salman Usmani. Das Merkwürdige beim Umgang mit kontroversen Autoren sei, dass die Menschen sich über einzelne Inhalte aufregen und dabei die Geschichte, die der Autor erzählt, außer Acht lassen. Usmanis Fazit: "Schriftsteller sollten grundsätzlich nach ihren literarischen Leistungen beurteilt werden."

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