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Musik

200 Jahre Johann Strauss - der erste Popstar

Gaby Reucher
24. Oktober 2025

Seine Walzer begeisterten die Menschen von Russland bis Amerika, die weiblichen Fans himmelten ihn an. Und dennoch gab es auch eine dunkle Seite des Superstars Johann Strauss.

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Johann Strauss auf der Veranda am Schreibpult stehend.
Johann Strauss schrieb Briefe gerne auf der Veranda auf seinem Schreibpult (ca. 1880)Bild: Österreichische Nationalbibliothek

Bis heute ist Johann Strauss (Sohn) international bekannt als der "Walzerkönig". Mit seiner Tanzmusik im Dreivierteltakt hat er schon im 19. Jahrhundert die Massen begeistert. Die Frauen lagen ihm zu Füßen. Johann Strauss war ein Popstar seiner Zeit, der mit jungem Publikum riesige Ballsäle in ganz Europa füllte. Der Geiger und Komponist trat bei der Zarenfamilie in Russland auf und tourte durch die USA. Mit der Geige in der Hand ließ er sich feiern, einschließlich Merchandising mit speziellen Accessoires und Fanartikeln.

Gemälde: Johann Strauß mit seiner Geige im Hintergrund, davor Frauen in Ballkleidern, die tanzen.
Johann Strauß mit seiner Geige in der Hand bei einem Walzer-TanzBild: Charles Wilda/akg-images/picture alliance

Seinen berühmten Walzer "An der schönen blauen Donau" komponierte er 1867 zur Weltausstellung in Paris. Weltruhm erlangte er 1872 durch seinen Auftritt bei der Eröffnung des Festivals "World Peace Jubilee" in Boston. Er dirigierte sein Konzert mit 20.000 Orchestermusikern vor 100.000 Zuschauern. 20 Dirigenten mussten Strauss dabei assistieren.

Weltstar aus Leidenschaft

Der Wiener Komponist baute mit seiner Familie ein riesiges Unterhaltungsimperium auf. "Strauss hat mit großer Leidenschaft an seiner Karriere gearbeitet, an seinem Lebenswerk, und bis spät in die Nacht komponiert", sagt Marko Deisinger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Er hat mitgewirkt an der Ausstellung "Weltstar aus Leidenschaft", die unter anderem Briefe und Karikaturen von Johann Strauss anlässlich seines 200. Geburtstags zeigt.

Porträt des Komponisten Johann Strauss.
Johann Strauss war eitel. Auch im hohen Alter ließ er sich noch Haare und Bart schwärzen.Bild: Austrian Archives/brandstaetter images/picture alliance

Der Erfolgs-Stress, die langen Nächte, all das blieb für den Komponisten gesundheitlich nicht ohne Folgen. Auf der Bühne brach er oft zusammen und war tagelang nicht erreichbar. "In einem Zeitungsartikel war von hochgradiger Nervenüberspannung die Rede. Er wurde dann auch sehr oft von seinem Bruder vertreten bei Konzerten, die er eigentlich leiten sollte", sagt Deisinger.

Eine Karriere im Schatten des Vaters

Seine Stellung im Musik-Business musste sich Johann Strauss Junior hart erkämpfen. Am 25. Oktober 1825 wurde er in Wien geboren. Die Eltern ließen sich früh scheiden. Auch der Vater Johann Strauss (Senior) war ein angesehener Kapellmeister und Komponist der Unterhaltungsmusik mit seinem bekannten "Radetzkymarsch".

Johann Strauss stand im Schatten des Vaters. Der wollte die berufliche Musikerkarriere seines Sohnes verhindern und verbot ihm aufzutreten. Nach dem Tod des Vaters 1845 konnte sich Johann Strauss in der Wiener Musikszene allmählich durchsetzen. Die Mutter kümmerte sich um die Geschäfte. Und auch die Brüder Josef und Eduard wurden eingespannt für die Musik der "Strauss-Dynastie".

Sympathien mit der Revolution

"Er hatte ja einen ausgeprägten Sinn für die Pflege beruflicher und gesellschaftlicher Beziehungen, worauf letztendlich auch sein Erfolg zurückzuführen ist", sagt Kurator Marko Deisinger. "Sein Zuhause war ein Treffpunkt von prominenten Personen aus dem Kulturleben." Richard Wagner war Strauss ebenso verbunden wie Wagners musikalischer Antipode Johannes Brahms, der gute Kontakte zu Musikverlegern hatte.

Johann Strauss und Johannes Brahms Schwarzweiß Fotografie
Johann Strauss mit Johannes Brahms 1894Bild: Österreichische Nationalbibliothek

Das einzige, was Strauss' Karriere etwas verzögerte, waren der Walzer "Freiheitslieder" und der "Revolutionsmarsch". Ein Bekenntnis zur Märzrevolution 1848. "Da ist er dann in Ungnade gefallen bei Hofe", sagt Deisinger. Aus diesem Grund soll er sich auch zweimal vergeblich auf das wichtige Amt des Hofballdirektors in Wien beworben haben. Erst 1863 wurde er angenommen.

Innere Zerrissenheit und Stimmungsschwankungen

Auf der einen Seite feierte Johann Strauss große Erfolge in Europa, Russland und Amerika. Auf der anderen Seite quälten ihn Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe. Das geht aus seinen Briefen an seine Frauen hervor. Insgesamt war der Komponist dreimal verheiratet. Einige dieser Briefe sind im Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek. Das Highlight ist ein Brief von 1882 an seine zweite Ehefrau Angelika, genannt Lili.

Johann Strauss Selbstkarikatur, Zeichnung mit Schrift.
Neuentdeckung in einem Brief von 1882: Johann Strauss' Selbst-Karikatur, die ihn leidend zeigtBild: Österreichische Nationalbibliothek

"Der Brief ist unvollständig, darin konnten wir eine Selbstkarikatur von ihm entdecken, die ist in der Literatur unbekannt", erläutert Marko Deisinger. Darauf zu sehen ist Johann Strauss mit Tränen. Seine Frau wollte ihn verlassen und tat es letztendlich auch. "Die Selbstkarikatur zeigt seine Psyche", sagt Deisinger. "Ein Blick der Trauer, er hat keine Hosen an, dann die dünnen knochigen Beine", beschreibt der Kurator das Bild. Diese Entblößung erzähle von Kontrollverlust, verletzter Männlichkeit und dem Wunsch, geliebt zu werden.

Seiner früheren Geliebten, Olga Smirnitskaja hatte er ähnliche Briefe geschrieben. Seit 1856 war er jahrelang nach Pawlowsk bei St. Petersburg gereist, um vor dem Zaren und russischen Adligen zu spielen. Dort hatte er Olga kennengelernt. "In den Briefen sieht man ähnliche Stimmungsschwankungen und das ist ganz rasant, wie er von einem Gefühl zum anderen wechselt." Verarbeitet hat Strauss diese Liebestragödie in dem aufrührenden Walzer "Reiseabenteuer".

Der Walzer und die Nationalsozialisten

Sonderpostwertzeichen "100. Todestag Johann Strauß" mit tanzenden Menschen und Noten des Donauwalzers.
Sonderbriefmarke zum "100. Todestag Johann Strauß" mit dem Beginn des Donauwalzers in NotenBild: dpa/picture-alliance

Bis 1870 schrieb Johann Strauss populäre Tanzmusik wie Walzer und Polkas, dann wandte er sich verstärkt der Bühne zu und komponierte bekannte Operetten wie  "Die Fledermaus", "Der Zigeunerbaron" oder "Eine Nacht in Venedig". Seine einzige Oper "Ritter Pásmán" konnte sich dagegen nicht durchsetzen. 

Die Nationalsozialisten nutzten die Walzer für ihre politische Propaganda als volkstümlichen urdeutschen Tanz. Während des Zweiten Weltkriegs dienten die heiteren Walzer von Johann Strauss als Ablenkung vom Grauen des Kriegs. Dafür fälschte der Antisemit und Propagandaminister Joseph Goebbels sogar nachträglich Dokumente, die auf Johann Strauss' jüdische Herkunft verwiesen. Göbbels ließ die Einträge einfach streichen.

Bis heute werden die Strauss-Walzer beim traditionellen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gespielt. 90 öffentliche Fernsehsender übertragen die Konzerte weltweit. In Europa, Japan, China, und den USA sind sie genauso zu hören wie in Brasilien, auf den Karibischen Inseln oder in Kenia.

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