11. September: ″Vertreibung aus Disneyland″ | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 11.09.2016
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Amerika

11. September: "Vertreibung aus Disneyland"

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die USA verändert. Das Gefühl der Überlegenheit wich der Angst. Islamophobie ist inzwischen salonfähig geworden. Miodrag Soric berichtet über New York.

Das Grab von James McNaughton, (Foto: DW/Soric)

Das Grab von James McNaughton, gefallen 2005 im Irak-Krieg

William und Michelle McNaughton blättern in alten Fotoalben. Viele Bilder stammen aus der Zeit, als ihr Sohn James, den sie liebevoll "Jimmy" nennen, noch bei ihnen wohnte, als er noch am Leben war. An einem Ende seines früheren Kinderzimmers im Souterrain steht eine Glasvitrine mit zahllosen Medaillen und Auszeichnungen. "Diese hier ist die wertvollste", erklärt William: Purple Heart. Sie wird nur Soldaten verliehen, die im Kampf schwer verletzt oder getötet wurden. Sein Sohn Jimmy ist 2005 von einem Scharfschützen im Irak erschossen worden. Vater und Mutter sind über diesen Verlust nie hinweg gekommen. Sie besuchen regelmäßig sein Grab auf dem Soldatenfriedhof Calverton National Cemetery, in Riverhead, etwa zwei Autostunden von New York City entfernt. "Wenn ich einen schlechten Tag habe, komme ich auch mitten in der Nacht hierher", sagt Michelle.

William und Michelle sind pensionierte Polizisten aus New York. Sie hatten Dienst am 11. September 2001, sahen an diesem Schicksalstag Amerikas das Grauen, die Opfer, später die Aufräumarbeiten. Sie sind amerikanische Patrioten, konservativ, gastfreundlich, hilfsbereit. Sie sind stolz, dass nach ihrem Sohn eine Straße in der Nachbarschaft und ein Gebäude im Gefangenenlager Guantanamo benannt wurden. Für sie - aber auch für die meisten Amerikaner - ist Jimmy ein Held.

William und Michelle McNaughton (Foto: DW/Soric)

William und Michelle McNaughton: "Warum starb unser Sohn?"

"Den Menschen im Irak geht es schlechter als zuvor"

Beim Durchblättern der Fotoalben bricht es aus dem Vater heraus: "Wofür ist unser Sohn gestorben," fragt er? Dabei stellt er nicht den Irak-Krieg infrage. Sein Sohn sei Soldat gewesen. Soldaten tun, was die Generäle befehlen. Was ihn ärgert, ja wütend macht, ist der Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak. "Den Menschen im Irak geht es jetzt schlechter als zuvor", sagt William. Im Irak hätten nicht nur viele Amerikaner ihr Leben gelassen. Die USA hätten beim Abzug militärische Ausrüstung, die Millionen wert sei, hinterlassen. "Wofür?", fragt er erneut.

Eigentlich müsste er diese Frage beantworten können: David Petraeus, früherer CIA-Direktor und Kommandeur der US-Truppen in Afghanistan und im Irak. Die amerikanischen Medien loben ihn als einen der begabtesten Militärführer der letzten Jahrzehnte. Inzwischen arbeitet er bei der New Yorker Beteiligungsgesellschaft KKR (Kohlberg, Kravis, Roberts). Sie handelt unter anderem mit Schuldverschreibungen von Staaten, bewegt Milliarden.

Ex-General David Petraeus (Foto: DW/Soric)

Ex-General David Petraeus: Der Krieg gegen den Terror wird noch lange dauern

General Petraeus betritt in einem dunkelblauen Anzug, blank geputzten schwarzen Schuhen und mit einem Pappbecher voll Kaffee in der Hand den Raum. Er spricht druckreif, lächelt freundlich. Nichts scheint diesen Mann überraschen zu können. Der Krieg gegen den internationalen Terrorismus werde Generationen dauern, erklärt er. Bei seinen Schachtelsätzen über den Krieg verwendet er das Wort "nachhaltig". Will sagen: Kriege sind aufwendig, teuer, sie kosten die Amerikaner Kraft. Wenn die USA sie lange führen wollen, müssen sie bezahlbar sein.

Das Ziel Bin Ladens: Die USA finanziell in die Knie zu zwingen

General Petraeus weiß besser als andere, dass es dem Drahtzieher von 9/11, Bin Laden, unter anderem darum ging die USA finanziell in die Knie zu zwingen. Das Land in möglichst viele Kriege zu verwickeln, die Washington letztlich nicht gewinnen kann. Er zeigt sich zuversichtlich, dass der "Islamische Staat" in absehbarer Zeit besiegt werden wird. Pessimistisch gibt er sich bei der politischen Zukunft des Iraks. "Da geht es brutal zu. Willkommen in der obersten Sportliga", sagt Petraeus. Am Ende hat er keine direkte Antwort auf die Frage der Familie McNaughton, wofür ihr Sohn im Irak starb.

Das gilt auch für den Psychologen Scott Morgan von der Drew Universität Madison. Seit Jahren forscht er über die "politische Psychologie" der Amerikaner. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 hätten bei den Amerikanern ein Trauma ausgelöst. Seine Landsleute lebten in der Furcht, dass sich so ein Anschlag wiederholen könnte. Scott Morgan beschreibt die Zeit zwischen dem Fall der Berliner Mauer und dem 11. September 2001 als eine glückliche Zeit: Die USA sei die unangefochtene Weltmacht Nr. 1 gewesen. Die Amerikaner glaubten damals, "unangreifbar" zu sein. Mit den Terroranschlägen habe sich alles verändert. "Nach 9/11 sind wir aus Disneyland vertrieben worden, aus jenem Märchenland, von dem wir glaubten, dass uns dort niemand angreifen kann. Die furchterregende Welt, die Gefahren - sie haben uns erreicht."

Islamophobe Ausfälle gehören zu Trumps Standardprogramm

Scott Morgan von der Drew University (Foto: DW/Soric)

Scott Morgan: "Nach 9/11 sind wir aus Disneyland vertrieben worden"

Studien belegen: Der Terroranschläge hätten das Misstrauen der Amerikaner gegen Muslime verstärkt, so Scott Morgan. Jeder dritte Amerikaner glaube, dass der Islam deutlich mehr zur Anwendung von Gewalt ermuntert als andere Religionen. Jeder zweite meint, dass Muslime sich nicht deutlich genug distanzieren von potentiellen Terrorangriffen. Fremdenfeindliche, islamophobe Ausfälle gehören auch beim republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump zum Standardprogramm bei dessen Wahlkampfauftritten.

Eine, die unter den ständigen Anfeindungen leidet, ist Aber Kavas aus Brooklyn. Die 24-Jährige trägt Kopftuch, gibt aber zu, helle und freundliche Farben zu bevorzugen, besonders wenn sie zum Flughafen geht: Sie will nicht von Polizisten festgehalten werden oder bei anderen Passagieren Ängste wecken. Gleichzeitig hat sie es satt, sich für ihren muslimischen Glauben ständig entschuldigen zu müssen. Seit knapp zwei Jahren arbeitet sie bei der Arabisch-Amerikanischen Assoziation und hält in Schulen oder Kirchen Kurse über Islamophobie.

Änderung der US-Einwanderungspolitik führte zu Familientrennungen

Der 11. September hat ihr Leben auf den Kopf gestellt. So musste ihr Vater, der sich ohne gültige Dokumente in den USA aufhielt, das Land verlassen. "Etwa vier Jahre nach 9/11 änderte sich die amerikanische Einwanderungspolitik. Mein Vater wurde dreieinhalb Jahre lang eingesperrt. Meine Familie hat dagegen geklagt, um ihn freizubekommen. Dann wurde er nach Jordanien zurückgeschickt. Er darf nicht zurück in die USA." Seitdem lebt sie mit ihren Schwestern und ihrer Mutter alleine in New York. Sie besuchen den Vater einmal im Jahr. Das Jahr über bleiben sie mit Skype und Telefon in Kontakt.

Doch per Telefon eine Beziehung aufrecht zu halten ist schwierig. Heute sei der 30. Hochzeitstag ihrer Eltern: Das einzige, was ihr Vater tun könne, sei seine Frau anzurufen, sagt sie. Das mache sie traurig. "Alles nur wegen 9/11", sagt sie. Und wischt sich die Tränen aus den Augen.

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