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100.000 Jahre Strahlung

Christoph Hasselbach5. August 2015

Frankreich will ein atomares Endlager in der Nähe der deutschen Grenze errichten. Der versteckte Plan bringt Kernkraftgegner in beiden Ländern auf die Barrikaden. Sogar die französische Umweltministerin hat Zweifel.

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Atommüllfässer Foto: picture-alliance/dpa
Bild: picture-alliance/dpa

Wer Kernkraftwerke betreibt, bekommt radioaktiven Abfall. Und der strahlt mitunter Tausende von Jahren. Selbst Deutschland, das dabei ist, aus der Atomkraft auszusteigen und auf Standortsuche nach einem Endlager ist, hat sich noch nicht festgelegt.

In Frankreich ist man da weiter. Jahrzehntelang hat das Land vor allem auf Atomstrom gesetzt, entsprechend groß ist der Druck, ein Endlager zu finden. Die Regierung scheint sich jetzt auf Bure in Ostfrankreich, rund 120 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, festgelegt zu haben.

In dem Ort forschen Wissenschaftler bereits seit Jahren, ob und wie man 500 Meter unter der Erde hoch - und mittelradioaktives Material endlagern könnte. Die Betreibergesellschaft ANDRA glaubt, dass Bure der richtige Standort für ein Endlager ist: Atommüll könne 100 Jahre lang eingelagert, und das Lager dann geschlossen werden. Anschließend könne der Atommüll 100.000 Jahre abklingen, bis die Strahlung für den Menschen ungefährlich sei.

Keine Debatte, keine Abstimmung

Doch die Gegner stört nicht nur das Endlager, sondern auch die Art, wie die Entscheidung zustande kam. Paris hatte den Passus Mitte Juli vor der Sommerpause in ein Gesetzespaket für Wirtschaftsförderung gepackt - es gab darüber weder eine Debatte noch eine Abstimmung im französischen Parlament.

Arbeiter in unterirdischer Versuchsanlage (Foto: picture-alliance/dpa)
Bisher ist der Standort Bure ein Versuchslabor, das man besichtigen kannBild: picture-alliance/dpa

Da kein weiterer Standort in Frankreich erkundet wird, sehen die Kritiker des Endlagers darin eine Vorfestlegung auf Bure. Die Grünenfraktion in der Nationalversammlung nannte die Form einen "unerträglichen Gewaltstreich", sogar die Atomaufsicht und das staatliche Institut für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit hätten "zahlreiche Vorbehalte" zu dem Plan geäußert.

Die Kritik der französischen Grünen wird auf der deutschen Seite nicht nur von ihren Parteifreunden, sondern von allen Parteien geteilt. "Die Umgehung des Parlaments", wetterte der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen, "widerspricht allen Regeln der Transparenz und der gutnachbarschaftlichen Beziehungen".

Vor allem im Saarland, rund 150 Kilometer von Bure entfernt, läuft die Politik Sturm. Der gesamte Landtag hat sich gegen das Endlager ausgesprochen.

Umweltministerin in der Defensive

Frankreichs Umweltministerin Ségolène Royal versteht die Aufregung gar nicht. "Die Einrichtung eines Endlagers wurde schon vor mehreren Jahren vereinbart", meinte sie. Tatsächlich bildet ein Gesetz von 2006 die Grundlage dafür, allerdings ohne Festlegung auf den Ort.

Pikanterweise bekannte die frühere Lebensgefährtin von Präsident François Hollande aber auch: "Persönlich bin ich gegen eine unterirdische Endlagerung von atomaren Abfällen." Doch die Regierung habe die Entscheidung nun mal getroffen. Deshalb "achte ich darauf, dass das Prinzip umkehrbar ist".

Will heißen, dass der Atommüll, falls es technische Alternativen gibt, anders endgelagert werden soll. Ministerpräsident Valls sicherte zu, "dass künftige Generationen die Lagerung in tiefen Gesteinsschichten nicht nur stoppen, sondern die eingelagerten Abfälle auch zurückholen können."

Kühltürme eines Atomkraftwerks Foto: picture-alliance/dpa
Der Bau des Akws Cattenom nur wenige Kilometer vor der deutschen Grenze war Auslöser heftiger ProtesteBild: picture-alliance/dpa

Kritik aus Deutschland

Angesichts geballter Kritik gibt sich die Betreibergesellschaft betont transparent. Auf ihrer Webseite heißt es: "In einem Geist der Offenheit und des Austauschs möchte ANDRA einen Dialog mit allen Betroffenen führen." ANDRA organisiert sogar Besichtigungen der Anlage, jährlich kommen etwa 2000 Besucher.

In dem kleinen Ort Bure selbst regt sich kaum Widerstand, was kaum verwundert, wenn man bedenkt, dass die Anlage schon jetzt Arbeitsplätze in die strukturschwache Gegend bringt.

An kaum einem Streitpunkt werden die mentalen Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich so deutlich wie bei der Kernkraft. Bereits der Bau des Kraftwerks Cattenom in den 80er Jahren, zwölf Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, hatte breite Bevölkerungsschichten in Deutschland auf die Straße getrieben.

In Frankreich war der Bau kein Thema. Und während nach der Kernschmelze im japanischen Fukushima 2011 Deutschland unter einer christdemokratischen Kanzlerin den Ausstieg aus der Kernkraft beschloss, kamen in Frankreich kaum Zweifel an der traditionellen Atompolitik auf.

Erst in jüngster Zeit hat die französische Regierung mit einer Kurskorrektur begonnen, ein wenig weg von der Kernkraft und hin zu Ökostrom und Energieeffizienz. Doch selbst wenn Frankreich radikal umsteuern würde - die radioaktiven Abfälle fielen noch lange weiter an und strahlten noch viel, viel länger weiter.