100 Jahre Waldorfschule | Deutschlehrer-Info | DW | 07.02.2019
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100 Jahre Waldorfschule

Eine Schule, in der es keine Noten gibt, niemand sitzen bleibt, aber dennoch über 50 Prozent das Abitur machen: 1919 wurde die erste freie Waldorfschule gegründet - seitdem oft belächelt, aber sehr erfolgreich.

In Deutschland ist der Schulbesuch bis zum Abitur kostenlos, zumindest, wenn man eine staatliche Schule besucht. Es gibt jedoch auch Privatschulen, bei denen der Staat nur rund zwei Drittel der Kosten übernimmt. Diese Schulen sind zwar freier in der Gestaltung des Unterrichts, jedoch müssen sie größtenteils von den Eltern ihrer Schüler finanziert werden. Die Waldorfschulen sind wohl die bekanntesten dieser Privat-, oder wie sie sich selbst nennen, „freien Schulen". Und ihr Unterrichtskonzept ist bewusst anders: Neben Mathematik und Deutsch lernen die Schüler auch Gartenarbeit oder Tanzen.

Eine Schule für Arbeiterkinder

2019 wird die Waldorfschule 100 Jahre alt. Im Jubiläumsjahr gibt es überall in Deutschland Feierlichkeiten. Ihre Namen haben die Schulen in Deutschland von der ehemaligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. Der Fabrikant Emil Molt wollte den Kindern seiner Arbeiter gute Schulbildung ermöglichen und gründete 1919 in der schwäbischen Metropole die erste Waldorfschule unter Leitung des Österreichers Rudolf Steiner (1861-1925).

Praktische Ideen eines Philosophen

Rudolf Steiner, der aus verschiedenen Religionen, Philosophien, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und allerhand Esoterik die sogenannte Anthroposophie entwickelt hat, war auch auf dem Feld der Pädagogik tätig. Seine Lehre steht für die Orientierung des Menschen auf seine eigenen Stärken und ist bis heute maßgebend für die Waldorf-Pädagogik.

Rudolf Steiner Begründer der Anthroposophie (picture-alliance/akg)

Begründer der Waldorf-Pädagogik: Rudolf Steiner

„Rudolf Steiner hat keine Rezepte geliefert, wie man etwas machen soll“, so der Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, Henning Kullak-Ublick. Eine dogmatische Auslegung widerspreche sogar dem Anspruch der Waldorfschule - denn Ausgangspunkt seien immer die einzelnen Kinder und die Zeit, in der sie lebten. 100 Jahre nach der Gründung besuchen etwa 88.000 Schüler die 245 Freien Waldorfschulen in Deutschland - weltweit gibt es rund 1150.

 „Sie sind sehr unterschiedlich, man muss unterscheiden zwischen Waldorfpädagogik und der bestimmten Waldorfschule“, so Schulforscher Till-Sebastian Idel von der Universität Bremen. „Sicherlich findet man auch Schulen, die eher orthodox sind. Ich würde aber sagen, dass das nur wenige sind, die meisten Waldorfschulen gehen mit der Zeit.“

Gegenmodell zu Leistung und Drill

In der fünften Klasse der Dresdner Waldorfschule steht Zirkusunterricht auf dem Plan. „Es geht um Mut, Respekt und die Erfahrung, sich aufeinander zu verlassen", sagt Sportlehrerin Silvia Linke. Noten gibt es bis zur Oberstufe nicht, sitzen bleibt niemand, Fächer wie Mathe, Deutsch und Geografie werden in "Epochen" - in mehrwöchigen Blöcken - unterrichtet.

Heiner Barz, Professor für Erziehungswissenschaften und Autor von Waldorf-Studien sieht Waldorf als Gegenmodell zu einem Schulsystem, das zunehmend auf Leistung und Drill aus ist. „Ich beobachte eine Verschärfung des Leistungsklimas, es gibt immer mehr Tests.“ Viele Eltern schauten sich deshalb nach einer Alternative um. „Nicht Dressur, Training und Auswendiglernen ist ihnen wichtig, sondern dass die Begabungen und Talente des Kindes individuell gefördert werden.“

"Sie tanzen ja nur ihren Namen" 

Lina ist eine von rund 950 Schülern an der Ur-Waldorfschule in Stuttgart. „Es gibt Klischees über uns“, sagt sie. „Zum Beispiel: Waldorfschüler tanzen ja nur ihre Namen und wollen nicht lernen. Aber das stimmt nicht.“ In zwei Jahren will die 17-Jährige das Abitur machen und danach vielleicht Medizin studieren. Mehr als die Hälfte der Schüler schließt nach Angaben des Bundes der Freien Waldorfschulen mit dem Abi ab. Die Sache mit dem „Namen tanzen“, die immer wieder für Spott sorgt,  geht auf das für alle deutschen Waldorfschulen verpflichtende Fach Eurythmie zurück -eine Art Bewegungslehre, in der jeder Buchstabe und jedes Notenintervall einer Bewegungsgeste zugeordnet wird.

Tanzende vor schwarzem Hintergrund (Simon Dybbroe Møller)

"Den Namen tanzen": Auf dem Stundenplan steht auch Eurythmie

Im Stundenplan von Lina und ihren Mitschülern stehen auch Stricken, Gartenbau und Korbflechten. „Der Ausgangspunkt ist immer: Selber tun, eigene Erfahrungen machen, um sie dann zu gestalten und denkend zu verarbeiten“, fasst es Kullak-Ublick zusammen. Die klassischen Fächer wie Mathe, Deutsch oder Geografie unterrichtet bis zur achten Klasse in der Regel ein einziger Lehrer. Dieses Prinzip gibt oft Grund zur Kritik. Denn was, wenn der Klassenlehrer seiner Aufgabe nicht gewachsen ist?

Auch die 17-jährige Laura sieht manches an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe kritisch: „Die Waldorfschule wird immer mehr zur staatlichen Schule gemacht“, bemängelt sie. Ab der 9., 10. Klasse gehe es vor allem um die Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen.

Doch keine Schule für alle?

Mittlerweile kommen die meisten  Schüler - wie an anderen Privatschulen auch - zu einem großen Teil aus der akademischen Mittelschicht, sagt Schulforscher Idel. „Die ursprüngliche soziale Idee, eine Schule für alle Schichten zu sein, gerade auch für Arbeiterkinder, hat sich nicht erfüllt.“

Schild Freie Waldorfschule Berlin-Kreuzberg (DW/L. Heller)

Doch nur eine weitere teure Privatschule?

Kullak-Ublick vom Bund der Freien Waldorfschulen räumt ein: „Uns gefällt das selbst nicht, weil unser Anspruch ist: Wir sind für alle Kinder da.“ Man könne zwar in sozial schwierigen Stadtteilen Schulen gründen; das sei aber nicht so einfach, weil die Eltern aufgrund der Gesetzeslage zur Finanzierung der jeweiligen Schule beitragen müssten.

Zwar wird an Waldorfschulen niemand abgelehnt, nur weil die Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können - doch irgendjemand muss es bezahlen, also braucht jede Waldorfschule genügend solvente Eltern, die die Schulbeiträge auch für andere Kinder übernehmen. So sind die Waldorfschulen dann eben doch am Ende typische Privatschulen für Privilegierte.

mk/ suc (mit dpa)

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