Öl-Konzerne investieren trotz Riesengewinnen weniger ins Klima | Wissen & Umwelt | DW | 16.02.2023

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Wirtschaft und Umwelt

Öl-Konzerne investieren trotz Riesengewinnen weniger ins Klima

Shell, BP und ExxonMobil verbuchen in der Energiekrise Rekordgewinne, Investitionen in Erneuerbare hinken währenddessen hinterher. Klimaziele werden zurückgeschraubt.

Großbritannien Ölmulti BP

Auch der Ölmulti vermeldet Rekordgewinne - wie steht es um die Umweltziele?

Anfang Februar gab der Öl- und Gasriese Shell einen historischen Gewinn von fast 40 Milliarden US-Dollar (37,18 Milliarden Euro) für das Jahr 2022 bekannt. Andere multinationale Energiekonzerne haben ebenfalls Rekordgewinne verbucht, darunter BP (28 Mrd. USD) und Exxon Mobil (56 Mrd. USD). Die außergewöhnlich hohen Profite sind zu großen Teilen auf die steigenden Energiekosten zurückzuführen, ausgelöst durch die russische Invasion der Ukraine. 

US-Präsident Joe Biden hatte angesichts der explodierenden Energiekosten für die Verbraucher die Gewinne als "Kriegsgewinne" bezeichnet und gefordert diese Sondereinnahmen in Zukunft höher zu besteuern. Weil westliche Staaten so schnell wie möglich unabhängig von russischen Importen werden wollen, läuft der Ausbau der Förderkapazitäten auf Hochtouren. Einige Wissenschaftler und Klimaaktivisten sind besorgt, dass Klimaziele für noch mehr Profite gekippt werden.

Ausweitung der Förderung fossiler Brennstoffe 

Auch BP kündigte vergangene Woche Rekordgewinne und eine Dividendenerhöhung für Aktionäre an. Gleichzeitig verwässerte das Unternehmen seine Zusagen zur Reduzierung der klimaschädlichen Treibhausgasemissionen und steigerte seine Produktionsziele für Öl und Gas. Vor drei Jahren noch wollte BP-Konzernchef Bernard Looney den Konzern bis 2050 klimaneutral machen. 

"Wir brauchen einen schnellen Übergang zu Netto-Null-Emissionen. Die Gesellschaft muss die Ziele von Paris einhalten", so Looney im Jahr 2020. Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Mit der Anhebung der Förderziele werfen ihm Kritiker nun eine völlige Kehrtwende vor.

Ölraffinerie

Raffinerien werden in Zukunft wieder mehr produzieren

Statt 35 bis 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2030 sollen es jetzt bei BP nur noch 20 bis 30 Prozent weniger werden. Auch die Zusage, bis zum Ende dieser Dekade 40 Prozent weniger Öl und Gas zu fördern, wurde einkassiert und auf 25 Prozent reduziert. 

"Der Strategiewechsel von BP steht im Widerspruch zu der dringenden Notwendigkeit, die Produktion fossiler Brennstoffe weltweit zu reduzieren", sagte Maeve O'Connor, Analystin für Öl, Gas und Bergbau beim britischen Think Tank Carbon Tracker.

BP teilte der DW mit, 35 Prozent seiner Investitionsausgaben in "Wachstumsmotoren der Energiewende" zu investieren. Das seien Investitionen im Bereich der Energiewende, zum Beispiel in Ladestationen für Elektrofahrzeuge oder nachhaltige Kraftstoffe für Flugzeuge. "Es wird erwartet, dass diese Zahl bis 2030 auf 50 Prozent ansteigt", so ein Sprecher.

Die acht Milliarden für die Energiewende, würde allerdings durch geplante Investitionen in Öl und Gas von ebenfalls acht Milliarden wieder ausgeglichen so O'Connor.

Ladestation an Tankstelle

Ladestationen an Tankstellen werden als Investitionen in die Energiewende ausgewiesen

Rekordgewinne werden nicht in saubere Energie reinvestiert 

BP ist nicht das einzige Unternehmen, das trotz großer Gewinne weitere Abstriche beim Klimaschutz macht. Analysten zufolge wird ein verschwindend geringer Teil der Gewinne aus dem Öl- und Gassektor in die Umstellung auf saubere Energien reinvestiert. Diese sind aber der Schlüssel zur Begrenzung der Erderwärmung auf unter 1,5 Grad Celsius.

Gerade einmal 1,5 Prozent der Gesamtausgaben des niederländischen Öl-Konzerns Shell wurden 2021 in Wind- und Solarenergie investiert, wie die Umweltorganisation Global Witness berichtet. 

Während Shell angab, 12 Prozent seiner Investitionsausgaben seien für "erneuerbare und Energielösungen" vorgesehen, stellte die in Großbritannien ansässige Climate-Group, eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Einhaltung der Klimaziele einsetzt, fest, dass ein "erheblicher Teil" dieser Ausgaben "tatsächlich in Investitionen in klimaschädliches [Erdgas] fließen".

Erdgas wird gemeinhin als Brücken- oder Übergangskraftstoff bezeichnet, auch von der EU. Bei der Verbrennung von Gas wird zwar weniger Kohlenstoff freigesetzt als bei der Verbrennung von Kohle, dafür aber eine Menge Methan, ein viel stärkeres Treibhausgas als CO2- selbst wenn es sich schneller verflüchtigt.

Die Aktivisten von Global Witness haben bei der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC eine Beschwerde eingereicht und die Behörde aufgefordert, Shells "irreführende Behauptungen" zu untersuchen. Shells Aussagen würden die tatsächlichen Bemühungen des Konzerns überbewerten. 

"Shell sollte nicht damit durchkommen, seine winzigen Investitionen in erneuerbare Energien als Feigenblatt zu benutzen, das verschleiert, wie der Konzern weiterhin von der Energiekrise und auf Kosten der Menschen und des Planeten profitiert", sagt Zorka Milin, eine leitende Rechtsberaterin bei Global Witness. Gas als erneuerbare Energie zu definieren, wie kürzlich von der EU beschlossen, sei eindeutig Greenwashing, findet Milin.

Shell bestreitet Irreführung bei erneuerbaren Energien 

Shell-Chef Wael Sawan wies die Behauptung zurück, die Bilanzierung der erneuerbaren Energielösungen des fossilen Brennstoffunternehmens sei aufgrund des hohen Gasanteils irreführend. Das Unternehmen erklärte, es habe 2022 etwa 3,5 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien und Energielösungen investiert und plane dies auch für 2023.

Sawan sagte in einem Telefongespräch mit Reportern, es habe "einen echten Schwenk hin zu Investitionen in die Energiewende" gegeben, diese Investitionen gingen aber "in die Bereiche, in denen wir attraktive Renditen sehen können, um unsere Aktionäre zu belohnen". 

Shell teilte der DW in einer Erklärung mit, dass die ausgewiesenen "Investitionsausgaben in unserem Geschäft mit erneuerbaren Energien und Energielösungen (RES)" keine "Energiewende"-Ausgaben in anderen Bereichen wie "EV-Ladestationen oder Biokraftstoffe oder Investitionen in erneuerbares Erdgas" berücksichtigen.

PR verschleiert Folgen für das Klima 

Laut einem aktuellen Bericht von Influence Map, einer Denkfabrik, die die Auswirkungen der Lobbyarbeit auf die Klimapolitik beobachtet, führen die Unternehmen die Öffentlichkeit in Bezug auf ihr Engagement für saubere Energie in die Irre.

In dem Bericht heißt es, dass die fünf großen Öl- und Gasunternehmen - Shell, TotalEnergies, BP, ExxonMobil und Chevron - im Jahr 2021 durchschnittlich 750 Millionen Dollar für klimabezogene Kommunikationsaktivitäten ausgegeben habe. Dies sei eine konservative Schätzung, so die Autoren. 

Rund 60 Prozent der Unternehmen machten der Studie zufolge "grüne Behauptungen", die mit ihren Investitionsplänen nicht übereinstimmten, einschließlich der Behauptung, sie seien klimafreundlich. Rund 12 Prozent der Investitionsausgaben der großen Ölkonzerne für 2022 seien für "kohlenstoffarme" Aktivitäten vorgesehen, was weit hinter den Klimazielen des Pariser Abkommens zurückbleibe, so der Bericht.

Die Kommunikationsstrategien der Konzerne beschreibt Faye Holder, Analystin bei Influence Map als einen "Versuch, Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels immer weiter nach hinten zu verschieben". Seit der russischen Invasion in der Ukraine und dem daraus resultierenden Gerangel um Gas "sieht man davon nicht mehr viel", so Holder. Die Kommunikation ziele wieder darauf ab mit Öl und Gas als Mittel zur "Energiesicherheit" zu werben.

Eine Studie von Influence Map und Forschern der Universität Utrecht ergab, dass drei europäische Öl- und Gasunternehmen in den sozialen Medien derzeit deutlich mehr "patriotische" Behauptungen über "Energiesicherheit" und "Energieunabhängigkeit" aufstellten, während "grüne" Behauptungen unverändert blieben oder im Fall von Shell um fast 20 Prozent abgenommen haben. 

Behauptungen von Öl- und Gaskonzernen wie BP und Shell, fossile Brennstoffe wie Gas wären der Schlüssel zur Energiesicherheit, seien "unaufrichtig", wenn man das Potenzial eines schnellen Ausbaus der erneuerbaren Energien bedenke, so Thomas Day, Analyst bei der in Berlin ansässigen Denkfabrik, New Climate Institute.

Öl- und Gaskonzerne werden uns nicht aus der Klimakrise führen

Angesichts der niedrigen Preise für erneuerbare Energien und eines erneuten drastischen Verfalls der Ölpreise besteht für traditionelle Energieunternehmen die Gefahr sogenannter "gestrandeter" Anlagen im Portfolio, so Guy Prince, Ölanalyst bei Carbon Tracker. Dabei handelt es sich um Vermögenswerte, die zu einer Belastung werden, wenn sie wirtschaftlich nicht mehr tragfähig sind.

Laut Prince sind die Öl- und Gasunternehmen jedoch bereit, dieses Risiko einzugehen, da Investitionen in erneuerbare Energien "nicht zu ihrem eigentlichen Geschäftsmodell passt". "Sie können damit nicht so viel Geld verdienen."

Multinationale Öl- und Gaskonzerne hätten praktisch den Marktanteil eines Monopols, so Prince. Das sei bei den erneuerbaren Energien nicht der Fall, denn dort hätten sich bereits verschiedene Akteure auf dem Markt etabliert. "Die jahrzehntelange technische Erfahrung, die sie haben, stammt aus der Öl- und Gasindustrie", so Prince. "Diese Unternehmen werden uns nicht aus der Klimakrise führen".

Kristie Pladson hat zu diesem Bericht beigetragen.

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