Ärzte warnen vor Lockerung des Lockdowns | Aktuell Deutschland | DW | 02.01.2021
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COVID-19

Ärzte warnen vor Lockerung des Lockdowns

Das Gesundheitssystem ächzt - die Kliniken brauchten dringend eine Atempause, so die Mediziner. Der Einzelhandel sieht unterdessen Alarmstufe rot.

Deutschland | Intensivstation des Universitätsklinikums Aachen

"Immer mehr Patienten, immer weniger Pfleger und Ärzte": Intensivstation mit Corona-Patienten (Archivbild)

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund pocht angesichts der Lage in den Krankenhäusern darauf, den Lockdown in Deutschland zu verlängern. Über die Feiertage sei die Belastung durch COVID-19 weiter angestiegen, sagte die Gewerkschaftsvorsitzende Susanne Johna der Funke-Mediengruppe. Immer mehr Patienten auf Intensiv- und Infektionsstationen würden von immer weniger Personal versorgt - weil sich auch Ärzte und Pflegekräfte mit dem Virus infizierten.

Die Kontaktbeschränkungen müssten daher andauern. Hierzu wünsche sie sich "möglichst einheitliche" Entscheidungen der Ministerpräsidenten in der kommenden Woche, sagte Johna. "Anders werden wir die Lage nicht in den Griff bekommen."

Uwe Janssens, Präsident der DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin)

"Effekte von Silvester zeigen sich erst später": DIVI-Präsident Uwe Janssens (Archivbild)

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, pflichtet dem bei. Erst Ende der kommenden Woche werde man sehen, wie stark Weihnachten zur Verbreitung von COVID-19 beigetragen habe. Die Effekte von Silvester zeigten sich noch deutlich später, sagte Janssens der "Rheinischen Post". Die Intensivmediziner warnten davor, Lockerungen in Aussicht zu stellen, solange es mehr als 25 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gebe.

"Langfristig würde das allen schaden"

Auch Ökonomen wollen den Lockdown verlängert sehen. Für die Wirtschaft müsse oberste Priorität haben, "dass die zweite Infektionswelle möglichst schnell begrenzt wird", so der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Wirtschaftliche Lockerungen zum jetzigen Zeitpunkt würden zwar kurzfristig manchem nutzen. "Langfristig würden sie jedoch allen schaden", sagte Fratzscher der "Augsburger Allgemeinen".

Deutschland - Schild: Geschlossen wegen Corona

"Die Lage ist ernst": Vielen Restaurants und Läden droht durch Corona die Pleite (Archivbild)

Der Einzelhandel indes sieht sich in der Krise zunehmend bedroht. Angekündigte Milliardenhilfen kämen nicht an, weil die Zugangshürden "viel zu hoch" seien, klagt der Handelsverband Deutschland (HDE). Nachdem viele Geschäfte ihr Eigenkapital weitgehend aufgezehrt hätten, drohe in den kommenden Monaten eine Insolvenzwelle. "Die Lage ist wirklich sehr ernst", sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth der Deutschen Presse-Agentur. Vorrangiges Ziel müsse es sein, die Läden wieder zu öffnen, sobald das aus Sicht der Virologen möglich sei - und sie dann auch geöffnet zu halten. "Wir können uns nicht von einem Lockdown zum nächsten entlanghangeln."

"Bis April kaum Entlastung"

Vorschläge, die gesamte Strategie zu ändern und die Prävention auf Risikogruppen zu konzentrieren, wies die Vorsitzende des Marburger Bundes zurück: "Die mehr als 20 Millionen Menschen in hohem Alter oder mit Vorerkrankungen lassen sich nur konsequent schützen, wenn die Übertragung des Virus in der gesamten Bevölkerung abnimmt." Zugleich dämpfte Johna Hoffnungen im Zusammenhang mit dem Corona-Impfstart. "Bei allem Optimismus muss uns klar sein, dass durch die Impfung zumindest in den ersten drei Monaten des neuen Jahres kaum Entlastung für das Infektionsgeschehen zu erwarten ist."

Deutschland - Impfstoffzentrum Arena Treptow in Berlin

Schleppender Start: Impfzentrum in Berlin (Archivbild)

Unterdessen wird die Kritik an der Bundesregierung wegen fehlender Impfdosen lauter. Ein Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sprach von "grobem Versagen der Verantwortlichen". Im Sommer hätte "viel mehr Impfstoff auf Risiko" bestellt werden müssen, sagte die Neurologin Frauke Zipp der Zeitung "Die Welt". Auch Kordula Schulz-Asche von der Grünen-Bundestagsfraktion erklärte, dass es "aus heutiger Sicht sicher besser gewesen wäre, mehr und verschiedene Impfstoffe bei den über 100 Entwicklern auf Risiko zu bestellen". Allerdings verwies sie darauf, dass sich im Sommer auch das Vakzin des deutschen Herstellers BioNTech noch in der Testphase befunden habe.

12 Millionen Dosen im ersten Quartal

Die Bundesregierung erwartet für das erste Quartal bis zu zwölf Millionen Dosen von BioNTech/Pfizer, mit denen sechs Millionen Menschen zweimal geimpft werden könnten. Zudem rechnet sie für kommende Woche mit der Zulassung eines Präparats von Moderna. Um die Pandemie in Deutschland zu besiegen, müssten nach Ansicht von Experten mindestens 50 Millionen Einwohner immunisiert werden.

Seit Mitte Dezember gelten in Deutschland strikte Kontaktbeschränkungen. Geschäfte, die keine lebensnotwendigen Dinge anbieten, Freizeiteinrichtungen, Restaurants und Hotels sind weitgehend geschlossen. Die Ministerpräsidenten der Länder wollen am Dienstag darüber beraten, ob die zunächst bis 10. Januar befristeten Maßnahmen im Kampf gegen das Virus verlängert werden.

"Infektionsgeschehen könnte unterschätzt werden"

Zuvor diskutieren am Montag die Kultusminister die Situation an den Schulen. Sie halten vor allem die Öffnung der Kitas und Grundschulen für vorrangig, weil jüngere Kinder für Digitalunterricht noch zu unselbständig sind. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hielte dies für vertretbar, wenn "alle anderen Klassenstufen" geteilt würden und wechselnd Präsenz- und Digitalunterricht erhielten. Alternativ könnte der Präsenzunterricht für ältere Kinder ganz ausgesetzt werden, sagte Lauterbach der "Rheinischen Post".

Die gegenwärtige Infektionslage ist unklar, weil während der Feiertage und um den Jahreswechsel herum weniger Menschen getestet und weniger Daten von den Gesundheitsämtern übermittelt wurden. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete zuletzt 12.690 Neuinfektionen und 336 Todesfälle innerhalb von 24 Stunden. Die Zahl der Toten nach einer SARS-CoV-2-Infektion stieg damit auf insgesamt 33.960. Allerdings rechnet das RKI mit Nachmeldungen. Das Infektionsgeschehen könne daher aktuell "unterschätzt" werden.

jj/wa (dpa, afp, rtr)

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