Ärzte ohne Grenzen: ″Die EU muss diese Menschen so schnell wie möglich aus Moria herausbringen″ | Europa | DW | 18.03.2020
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Coronavirus

Ärzte ohne Grenzen: "Die EU muss diese Menschen so schnell wie möglich aus Moria herausbringen"

Florian Westphal ist der Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland. Im DW-Interview äußert er die Sorge, dass das Coronavirus im Flüchtlingslager Moria auf einen idealen Nährboden treffen könnte.

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Angst vor Coronavirus-Infektion im Flüchtlingslager Moria

Die hygienischen Bedingungen im Flüchtlingslager Moria auf der  auf der griechischen Insel Lesbos sind katastrophal: Überall liegt Müll, der Gestank ist schwer auszuhalten. Familien leben auf wenigen Quadratmetern: Die Unterkünfte stehen extrem eng beieinander, dass manchmal schon ein Funke genügt, um einen Brand auszulösen. Tausende Menschen teilen sich ein Waschbecken und Seife sei nicht erhältlich. 

Ärzte ohne Grenzen fordert die Evakuierung der EU-Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln. Die Lebensbedingungen dort seien ein idealer Nährboden für Covid-19. Florian Westphal bestätigt die Sorge vieler Mediziner, dass das Virus auf das Lager Moria übergreifen könnte, wo die Situation ohnehin bereits seit Monaten angespannt ist.

DW: Herr Westphal, wie groß ist Ihre Sorge, dass das Coronavirus im Flüchtlingslager Moria noch mehr Verwüstung anrichten könnte?

Florian Westphal: Wir sind extrem in Sorge über die Gefahr, die vom Coronavirus für die aktuell etwa 20.000 Menschen im Moria-Lager ausgeht. Dieses Lager war ja für etwa 3.000 Menschen gedacht. Jetzt ist es also mehr als sechsfach überbelegt. Viele Menschen hausen auf engstem Raum. Fünf-bis sechsköpfige Familien leben auf etwa drei Quadratmetern zusammen. Das ist eine katastrophale Situation mit Blick auf die Wasserversorgung und Hygiene. Das ist leider ein idealer Nährboden für eine rasche Verbreitung des Virus. 

Deutschland Geschäftsführer der Ärzte ohne Grenzen Florian Westphal (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Florian Westphal: "Die Gesundheitsversorgung ist in Moria total unzureichend"

Worin besteht Ihre größte Sorge?

Unsere größte Sorge ist, dass die Menschen einfach nicht in der Lage sind, die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. In einigen Abschnitten des Lagers gibt es nur einen einzigen Wasserzugang für bis zu 1300 Menschen. Es ist sehr eng. Es gibt keine Seife, die Menschen können nicht einmal die minimalsten Hygienemaßnahmen einhalten. Das ist natürlich beunruhigend, denn das heißt, dass sie nichts tun können, um die Verbreitung des Virus aufzuhalten, sollte es das Lager erreichen.

"Die Gesundheitsversorgung ist in Moria total unzureichend"

Was hören Sie von Ihren Mitarbeitern vor Ort? Gibt es Vorsichtsmaßnahmen?

Unsere Kolleginnen vor Ort berichten, dass es angeblich Diskussionen gibt um eine Art Notfall-Rettungsplan, oder einen Krisenmanagement-Plan, aber wir kennen die Details nicht. Im Allgemeinen ist ja die Gesundheitsversorgung in Moria total unzureichend. Es gibt einfach nicht genug medizinisches Personal im Lager. Wir wissen momentan überhaupt nicht, wie das gelöst werden soll.

Hat die griechische Regierung aus Ihrer Sicht denn ausreichend Notfallplanungen für das Moria-Lager unternommen?

Angeblich schon. Wir sind mit ihnen darüber auch im Gespräch. Aber die aktuellsten Informationen lassen eigentlich nicht den Schluss zu, dass es wirklich konkrete Pläne gibt für den Fall, dass es - sagen wir in den nächsten paar Stunden - einen bestätigten Fall dort gibt. Dieses Risiko müssen wir einfach annehmen und damit leben.

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Lesbos – Leben im Ausnahmezustand

Glauben Sie, das Coronavirus hat eventuell das Lager schon erreicht und ist nur noch nicht getestet worden?

Diese Möglichkeit besteht immer. Eine einheimische Griechin ist positiv getestet worden. Es gibt in dieser Krise wegen dieser Gefahr nur eine Lösung: Die Europäische Union muss jetzt alles tun, was möglich ist, um diese Menschen so schnell wie möglich aus dem Lager herauszubringen. Das Moria-Lager auf Lesbos ist einfach kein Ort, an dem man mit einer potenziellen Corona-Bedrohung umgehen kann. Jetzt muss gehandelt werden.

Welchen Rat geben Ihre Mitarbeiter denn den Menschen, die sich im Moria-Lager aufhalten?

Das ist sehr schwierig. Wir kennen ja alle die Ratschläge, wie wir uns gegen die Verbreitung des Virus schützen sollen. Aber wie soll man das dort machen? Wir sagen den Menschen: "Haltet Abstand, wascht eure Hände regelmäßig, benutzt Desinfektionsmittel," aber diese Dinge sind im Moria-Lager ja gar nicht vorhanden. Deshalb müssen die Menschen dort schnell rausgeholt werden. Das ist die einzige Lösung und die einzige Möglichkeit, mit diesem Risiko umzugehen.

Griechenland: Kinder in Flüchtlingscamps (Getty Images/L. Gouliamaki)

Die Hygienebedingungen in Moria sind oft katastrophal

In Deutschland heißt es, dass ältere Menschen und Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen die Anfälligsten sind. Wer sind denn die sogenannten "vulnerablen" Gruppen im Lager?

Viele Menschen dort sind ohnehin vulnerabel. Es gibt dort sehr kranke Kinder, chronisch erkrankte Kinder, die an Epilepsie leiden oder an Diabetes. Bei anderen hat die psychologische Gesundheit schwer gelitten. Auch viele Erwachsene sind traumatisiert - durch Erfahrungen, die sie in ihrer Heimat oder während ihrer Flucht nach Griechenland gemacht haben. Das ist wirklich schwierig vorherzusagen. Prinzipiell sind all diese Menschen extrem vulnerabel, was eine zusätzliche gesundheitliche Bedrohung angeht.

"Kleine Kinder reden von Suizid"

Sie leiten ein Krankenhaus außerhalb des Moria-Lagers. Was ist dort Ihre größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung ist immer die gleiche: Wir haben es mit einer Krise für die psychologische Gesundheit zu tun, die wir in dieser Form selten irgendwo auf der Welt erlebt haben: Kinder fügen sich selbst Schaden zu, kleine Kinder reden von Suizid. Sie verweigern das Essen oder verstummen.

Wir können sie punktuell im Krankenhaus betreuen, aber irgendwann müssen sie immer dorthin zurück, wo sie herkommen. Das macht sie krank. Dieses Problem gab es auch schon vor Corona, aber durch diese zusätzliche Bedrohung ist unsere Arbeit noch schwieriger geworden.

Die Wasserversorgung im Lager ist unzureichend. Wie können sich die Menschen denn die Hände waschen und Grundhygiene-Vorschriften einhalten?

Der Wassermangel im Moria-Lager ist wirklich dramatisch. Man muss sich bewusst machen, dass das Lager sich in der Wildnis, in einem Olivenhain befindet. In einigen Abschnitten des Lagers haben sich die Menschen Verschläge aus Plastik gebastelt. Bis zu 1300 Menschen nutzen eine einzige Wasserquelle. Hygiene ist ein Riesenproblem. Im Durchschnitt müssen bis zu 160 Menschen sich eine Toilette teilen. Das ist unhygienisch. Sich unter solchen Umständen gegen das Coronavirus schützen ist fast unmöglich.

"Die Menschen auf Lesbos haben genau das gleiche Recht auf Versorgung"

Was entgegen Sie Menschen, die jetzt vielleicht sagen, warum sollten wir ausgerechnet Menschen aus Lesbos aufnehmen, wo das doch so ein Nährboden für das Virus ist?

Die Menschen auf Lesbos haben genau das gleiche Recht auf Versorgung, auf Gesundheitsversorgung und auf Hilfe wie jeder Mensch in Deutschland - zum Beispiel auf den Straßen Berlins - auch. Diese Leute sind extrem hilfsbedürftig, vor allem aber sind sie Menschen. Dafür, dass dieser Kontinent behauptet, er stehe so für humanitäre Werte, ist die EU in den letzten Jahren auf genau diesen humanitären Werten in Moria herumgetrampelt. Das kann jetzt keine Ausrede für Untätigkeit sein. Die Verpflichtung zu handeln besteht jetzt genauso wie bei jedem anderen, der oder die von diesem Virus bedroht ist.

Was ist Ihre Kernforderung an die Europäische Union?

Unsere Kernforderung an die Europäische Union ist sehr klar: Sie müssen jetzt diese Menschen aus Moria herausholen. Moria ist einfach kein Ort, wo diese Menschen behandelt oder auch nur geschützt werden können vor einem möglichen Ausbruch des Coronavirus.

Florian Westphal ist Geschäftsführer der deutschen Sektion der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Die Nichtregierungsorganisation betreibt beim Flüchtlingslager Moria auf Lesbos eine Kinderklinik.

Das Interview führte Birgitta Schülke.

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