Älterwerden ist nichts für Feiglinge: Angela Merkel wird 64 | Aktuell Deutschland | DW | 17.07.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bundeskanzlerin

Älterwerden ist nichts für Feiglinge: Angela Merkel wird 64

Die Kanzlerin hat Geburtstag. Wir gratulieren musikalisch - mit Paul McCartney, Mick Jagger und Beyoncé. Horst Seehofer kommt übrigens auch vor, muss sich aber gegen David Hasselhoff und Udo van Kampen durchsetzen.

Der legendäre Produzent der Beatles hat einmal geschrieben: "Ist das Alter nicht entsetzlich? Banalität, Langeweile, Nichtigkeit, Armut, Gewohnheit", zählte George Martin auf. Nun mag es in einem Text über den Geburtstag der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland unpassend, vielleicht unziemlich sein, den Blick - ausgerechnet mit Hilfe eines Briten - auf die Kalamitäten des Älterwerdens zu lenken. Doch da die Gelassenheit von Angela Merkel angesichts des Treibens von Journalisten legendär ist, wird sie auch das überstehen.

Also, die Beatles. Sie als unser Leser oder unsere Leserin haben es längst geahnt.

"Will you still need me, 
will you still feed me, 
when I'm sixty-four",

hat Paul McCartney in diesem Song über das Älterwerden gedichtet. Damals noch nicht Angela Merkel, sondern seinen Vater Jim vor Augen. "When I'm sixty-four"? Die Kanzlerin dient an diesem Dienstag als "role model", da sie eben 64 wird. Ja, ja!

64 Jahre = 33.661.440 Minuten

Wir wissen vieles, aber vieles auch nicht über diese beeindruckende Frau, die am 17. Juli 1954 in Hamburg als Angela Dorothea Kasner zur Welt kam. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob sie manchmal leise diesen McCartney-Song vor sich hinsummt, wenn sie zumeist Montags oder Dienstags den CDU-Spitzengeremien einen Besuch abstattet. "Will you still need me?" Der Zweifel, den Paul McCartney im Subtext dieser Zeilen hinterließ, dürfte auch manchen CDU-Mann beschleichen. Die Beatles haben übrigens netterweise im Film "Yellow Submarine" nachgerechnet, dass 64 Jahre genau 33.661.440 Minuten entsprechen. 

Buddy Barack und Beyoncé

Als Angela Merkel am 22. Oktober 2005 mit 397 der 611 gültigen Stimmen (Gegenstimmen: 202; Enthaltungen: 12) zur Kanzlerin gewählt wurde, geschah das Merkel-typisch ohne Pomp.

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, oben links, ist am Dienstag, 22. November 2005, nach der Wahl als Bundeskanzlerin im Reichstagsgebaeude in Berlin von Gratulanten umringt (AP)

Da ist sie Kanzlerin, zum ersten Mal: Angela Merkel am 22. November 2005 im Bundestag

Nie wäre die Physikerin auf die Idee gekommen, wie ihr späterer Buddy Barack Obama zur Amtseinführung einen Weltstar auftreten zu lassen. Bei Obama war das seinerzeit Soul-Diva Beyoncé. Doch die Vorstellung, dass sich Merkel und ihr ebenfalls verdienstvoller Mann Joachim Sauer - wie weiland die Obamas - zum Gesang von Beyoncé tanzend der Welt präsentiert hätten, das hat doch irgendwie etwas Märchenhaftes.

Wir kommen vom Thema ab, meinen Sie? Na, gut, dann aber noch schnell der Hinweis, dass Beyoncé gerade zusammen mit ihrem Mann Jay-Z auf Welttournee ist und am Ende ihrer Konzerte singt:

"Forever young, 
I want to be forever young. 
Do you really want to live forever? 
Forever, and ever."

Merkel forever. Dem Mann aus Ingolstadt, der gerade das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat leitet, könnte diese Vorstellung Sodbrennen bereiten. Auch wenn am Ende alles zusammengehört, wie auch der Titel von Beyoncés Weltournee andeutet. "On the run", auf der Flucht. Da! Da ist es wieder. Das Thema Flucht. Migranten, überall. Und dann diese Frau mit ihrem "Wir schaffen das!" Den Minister schüttelt es, möglicherweise.

Besser "The Merk" statt "Angie"?

Mit Angela Merkel feiern übrigens die Duchess of Cornwall, besser bekannt als Camilla Parker Bowles, und der chinesische Filmregisseur Wong Kar-Wai am 17. Juli Geburtstag. Ach ja, und Sänger und TV-Serienstar David Hasselhoff. Dessen Fans nennen ihr Idol nur "The Hoff". Hätte sich international vielleicht eher der Spitznahme "The Merk" durchsetzen sollen als dieses verniedlichende, völlig unpassende "Angie", dass die Kanzlerin gerade teilt mit der jüngsten Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber (aus Deutschland, nebenbei)? Hätte "The Merk" international noch mehr Anerkennung erfahren und diesen sturköpfigen Andenpakt innerhalb ihrer Partei, der CDU, dazu bringen können, vielleicht doch eine Frau aufzunehmen? Spekulation, auch das.

David Hasselhoff wird übrigens schon 66 und will demnächst wieder heiraten. Was ein Zeichen dafür ist, dass es auch jenseits der 60 einen zweiten, dritten, vierten Frühling geben kann. Verstehen Sie? 

"I've been looking for freedom.
 I've been looking so long. 
I've been looking for freedom. 
Still the search goes on."

Hassel hin, hoff her. Da wir journalistisch ja immer eher am Negativen interessiert sind, kann es keinen Zweifel daran geben: "Altwerden ist nichts für Feiglinge." Der Schauspieler Joachim Fuchsberger hat das so geschrieben, den Umstand schildernd, das man eben auch als Berühmtheit nicht jünger, schöner, agiler wird. Es ehrte Fuchsberger, dass er selbst darauf hinwies, dass diese Entdeckung schon andere Berühmtheiten gemacht hatten, Hollywood-Ikone Mae West zum Beispiel , die gegenüber einem uncharmanten Reporter einmal zu Protokoll gab: "Listen young man, aging is not for cowards." Andere behaupten, der Satz gehe eigentlich auf Filmstar Bette Davies zurück und laute im Original "Old age is no place for sissies."

Deutschland Angela Merkel typische Haltung der Hände Raute (Getty Images/S. Gallup)

Wer die Raute hat, hat das Sagen in der CDU

Wenn Korrespondenten singen...

Wenn man nun - wie wir - immer wieder vom Thema abkommt, ist das übrigens auch ein Zeichen fürs Älterwerden. Angela Merkel darf man das übrigens nicht vorhalten. Erst jüngst beim EU-Gipfel, als es einmal mehr um die Flüchtlinge und diesmal auch um ihren politischen Kopf ging, soll sie den leicht jüngeren Ratspräsident Donald Tusk (61) angeherrscht haben, dass man nun gefälligst bis in den späten Abend und in die Nacht hinein verhandeln solle. Tusk habe, so war zu lesen, das heikle Thema auf den nächsten Tag vertagen wollen. Nicht mit "The Merk". Typisch. Übrigens war das einer dieser Gipfel, als einst Journalisten-Kollege Udo van Kampen auf die unjournalistische Idee kam, nach Mitternacht der Kanzlerin vor laufender Kamera ein Ständchen zu bringen, investigativ festgehalten von den Kollegen von Spiegel TV.  

Der Kanzlerin musikalisch zu gratulieren, auf eine so blöde Idee kämen wir nie. 

Apropos Gipfel: Das Aussitzen, das Moderieren, das Sich-Nicht-Festlegen-Wollen, das alles ist doch auch eine Beschreibung der Kanzlerschaft Angela Merkels. In ihrem Büro, hinter diesem Ungetüm von einem Schreibtisch, das Merkel nie mochte, hängt das Portrait von Konrad Adenauer, das Oskar Kokoschka gemalt hat. Den Säulenheiligen der CDU, der 73 war, als er mit einer Stimme Mehrheit (einschließlich der eigenen, dieser Fuchs) zum Kanzler gewählt wurde, nannten sie in Deutschland respektvoll "den Alten". Und kaum jemand käme - außerhalb der AfD - auf die Idee, die heutige Kanzlerin respektlos als "die Alte" zu bezeichnen.

Angela Merkel in Bayreuth (picture-alliance/dpa)

Die Alte? Von wegen. Die Kanzlerin kann auch elegant, zum Beispiel bei den Festspielen in Bayreuth, all die Jahre

Bloß keine abgestandenen Vergleiche

Vielleicht hat das mit dem Spitznamen "Angie" dann doch so seine Richtigkeit. Sir Michael Philipp Jagger, der notorische Gegenspieler des eingangs erwähnten Paul McCartney, hat ihr schließlich schon 1973 den deutlich charmanteren Song gewidmet, allerdings mit der in die nähere, fernere oder irgendwanne Zukunft weisenden Phrase:

"Angie, Angie. 
You can't say we never tried. 
Angie, you're beautiful. 
But ain't it time we say goodbye."

Dass eine gewisse Sentimentalität in diesen Zeilen von Mick Jagger liegt - unbestritten.

Doch was will man von einem 74-jährigen Schlaks, der bestimmt Drogen konsumiert hat, schon erwarten. Schließlich haben seine Engländer auch verloren, als er bei der Weltmeisterschaft im Fußball-Stadion war. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Und mit abgestandenen, ja deprimierenden Fußball-Analogien wollen wir unserer Frau in Berlin heute nun gar nicht kommen. Insofern: Herzlichen Glückwunsch, Frau Bundeskanzlerin!

Die Redaktion empfiehlt