Ägypten: Starkes Virus, schwacher Staat | Nahost | DW | 20.04.2020
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Corona

Ägypten: Starkes Virus, schwacher Staat

Die Zahl der Infektionen in Ägypten steigt. Das Gesundheitssystem ist kaum hinreichend gerüstet. Doch das Land ist nicht nur medizinisch in Not. Die Armen des Landes kämpfen längst um ihr ökonomisches Überleben.

3144 bestätigte Infektionen, 239 Tote: Den Zahlen der Johns Hopkins Universität (Stand: 20.4.) zufolge breitet sich das Corona-Virus in Ägypten immer weiter aus. Die Zahl der Neuinfizierten steigt, unterbrochen von kleinen Ausreißern nach unten, kontinuierlich. Derzeit liegt sie bei knapp 200 Personen pro Tag.

Nun reagierte der Staat: Am vergangenen Samstag trat der parlamentarische "Ausschuss für konstitutionelle und gesetzgebende Angelegenheiten" (Constitutional and Legislative Affairs Committee) zusammen, um das ägyptische Notstandsgesetz zu ändern. Die Änderung ermächtigt Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi, im Notfall weiterhin gesundheitlich notwendig erachtete Notmaßnahmen zu beschließen.

Bereits Ende März hatte das Parlament eine landesweite Ausgehsperre für die Zeit zwischen sieben Uhr abends und sechs Uhr morgens erlassen. Schulen, Universitäten, Cafés, Nachtclubs und Unterhaltungsstätten wurden geschlossen. Nun ermöglicht die Gesetzesreform dem Staatspräsidenten, das gesamte Schul- und Studienjahr auszusetzen. Auch kann er bestimmte Ministerien und Behörden ganz oder teilweise schließen und die Zahlung von Wasser-, Strom- und Gasrechnungen aufschieben.

Ebenso hat der Präsident fortan das Recht, Einzelpersonen und Familien Geld und Unterstützung zu gewähren, die medizinische Forschung finanziell zu unterstützen und geschädigten Wirtschaftssektoren finanzielle Hilfe zukommen zu lassen. Auch können die Bürger einige Steuern später zahlen.

Unzureichend gerüstetes Gesundheitssystem

Doch das Virus trifft ein Land, das auf eine solche Epidemie kaum hinreichend vorbereitet ist. Das ägyptische Gesundheitssystem leide derzeit an einem Mangel an Ärzten und Krankenschwestern, sagt Alaa Ghanam, Gesundheitsexperte in der "Ägyptischen Gesellschaft für Persönlichkeitsrechte" im Gespräch mit dem ägyptischen Internetmagazin "Mada". Auch gebe es im Lande nicht mehr als 130.000 Krankenhausbetten, davon 13.000 Intensivbetten. Dies sei für die Corona-Pandemie nicht hinreichend.

Ägypten | Coronavirus | Produktion von Mundschutzmasken (picture-alliance/dpa/Xinhua)

Prävention: eine Produktionsstätte für Atemmasken in Kairo

Auf diese Schwäche habe die Regierung aber reagiert, so Ghanam. Sie habe Freiwillige aktiviert, die zunächst geschult würden. "Dies könnte die Belastung des Gesundheitssystems erheblich verringern, insbesondere, da auch andere Fachkräfte - Hochschulabsolventen, Tierärzte, Zahnärzte - in den Quarantänekrankenhäusern, Überweisungskrankenhäusern sowie den Untersuchungs- und Nachsorgeteams eingesetzt werden können."

Zahlreiche Ärzte infiziert

Doch die neuen Kräfte sind zu Teilen nur Ersatz für die alten. Bereits im März waren mehrere Krankenhäuser, darunter das der Universität Alexandria, geschlossen worden, nachdem sich Teile des medizinischen Personals mit dem Virus infiziert hatten.

Anfang April waren 15 medizinische Mitarbeiter des Nationalen Krebs-Instituts positiv auf das Corona-Virus getestet worden. In den folgenden Tagen ging ein Video online, auf dem die übrigen Mitarbeiter auf den Mangel an Schutzausrüstung hinweisen. "Ihr kümmert euch nicht um uns", riefen sie. "Wir sorgen uns um unsere Gesundheit und die unserer Familienangehörigen." Erklärungen der Institutsleitung, die Mitarbeiter seien allesamt getestet worden, bezeichneten sie als "Lüge".

Ägypten | Coronavirus | Ambulanzorganisation (picture-alliance/dpa/H. Gouda)

Gewappnet: ein Sanitäter in Schutzkleidung, Alexandria

"Die Infizierten erhielten keinerlei Unterstützung durch das Instituts-Management", erklärten sie weiter. "Nachdem unsere Kollegen vermutet hatten, dass sie sich mit der Coronavirus-Krankheit infiziert hatten, stellten sie sich selbst unter Quarantäne."

Doch da Schutzausrüstung weiterhin fehlt, infizierten sich weitere Ärzte. Am vergangenen Wochenende berichtete die ägyptische Zeitung Al-Masry al Youm, 17 Mitarbeiter des Krankenhauses al-Qasr al-Aini in Kairo, darunter drei Krankenschwestern und 14 Verwaltungsangestellte, seien positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Infektionsquelle hatte nicht identifiziert werden können.

Gefährdete Ärzte

Der mangelnde Schutz hat unter den Ärzten zu einem erheblichen Notstand geführt. Insgesamt 13 Prozent der infizierten Ägypter seien Angehörige des nationalen Gesundheitssystems, erklärte John Jabbour, Repräsentant der WHO in Ägypten.

Entsprechend enttäuscht äußerte sich auf Twitter etwa der ägyptische Arzt Mahmoud Bashemd. Der Staat schätze die Arbeit der Ärzte zuwenig:

Die Nutzerin Bothaina Kamel verlinkte dagegen auf ein Lied, das den Einsatz der Ärzte rühmt:

Existenzielle Bedrohung

Neben den medizinischen Problemen sieht sich Ägypten auch erheblichen sozialen Problemen gegenüber. In den weniger wohlhabenden Staaten der MENA-Region (Nahost und Nordafrika) könnten wirtschaftliche Sorgen einen Teil der Bürger dazu veranlassen, sich über medizinische Vorbeugemaßnahme hinwegzusetzen, fürchtet Eric Goldstein, für die Region verantwortlicher Direktor bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW).

"Verzweiflung kann Menschen dazu veranlassen, Risiken für ihre eigene Gesundheit und die ihrer Gemeinde einzugehen, was wiederum zur Verbreitung von COVID-19 beitragen könnte", so Goldstein auf der Webseite von HRW. "Mit der Pandemie stehen der Nahe Osten und Nordafrika vor ihrem ersten regionalen Stresstest seit dem Ausbruch der Volksrevolten gegen autoritäre und unfähige Regierungsführung vor einem Jahrzehnt."

Tatsächlich sehen sich viele Ägypter durch die Vorsichtsmaßnahmen existentiell bedroht. Der staatlichen Statistikagentur CAPMAS zufolge stieg der Anteil der unter der Armutsgrenze lebenden Ägypter von knapp 28 Prozent im Jahr 2015 auf 32 Prozent im Jahr 2017/18. Als arm gilt, wer mit monatlich weniger als knapp 47 Dollar auskommen muss. Der Anteil derer, die als extrem arm gelten, stieg im gleichen Zeitraum von 5,3 auf 62 Prozent.

Die Menschen aus diesen Gruppen sind auf ihre täglichen Arbeitserträge zwingend angewiesen. "Wenn ich auch nur einen Tag nicht nach Kairo zur Arbeit komme, habe ich kein Geld mehr für Ernährung, Miete und Schulgebühren", zitiert das Magazin Middle East Eye eine Straßenverkäuferin. Für sie gebe es zur Arbeit keine Alternative. "Wenn ich mich mit dem Virus infiziere, werde ich sterben. Und wenn ich nicht arbeite, werden auch meine Kinder sterben, aber an Hunger. So ist das", sagt sie.

Ägypten | Coronavirus | Straße von Kairo (picture-alliance/AP Photo/N. El-Mofty)

Szene aus Kairo: drangvolle Enge noch Mitte April

Trotz der dramatischen Entwicklung habe Ägypten weiterhin die Chance, die Infektionskurve abzuflachen", sagte Omar Abul-Atta von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Samstag in einer Talkshow eines ägyptischen Fernsehsenders. Klar sei aber auch, dass Ägypten den Höhepunkt der Infektionen noch nicht erreicht habe. Die Ägypter sollten weiterhin die Schutzmaßnahmen und Gesundheitsanweisungen befolgen, empfahl er.

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