Immer mehr Selbstmorde unter französischen Polizisten | Aktuell Europa | DW | 19.12.2018
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Frankreich

Immer mehr Selbstmorde unter französischen Polizisten

In Frankreich haben sich allein 2018 mehr als 50 Polizeibeamte das Leben genommen. Ihre Kollegen beklagen üble Arbeitsbedingungen, eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft und fehlenden Rückhalt in der Polizeiführung.

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Frankreich: Erschütternd viele Selbstmorde von Polizisten

Maggy Biskupski wurde nur 36 Jahre alt. Die Polizeibeamtin aus Paris hat sich das Leben genommen. Der Selbstmord der engagierten Polizistin kam für viele überraschend. Galt sie doch als Ikone im Kampf gegen die steigende Suizidrate in Frankreichs Polizeiapparat. Biskupski ist eine von mehr als 50 französischen Polizisten, die alleine im Jahr 2018 Suizid begangen haben.

"Maggy war immer fröhlich, hatte immer ein nettes Wort für die Kollegen übrig. Man konnte sich zu 100 Prozent auf sie verlassen", sagte ihr Kollege und Freund Guillaume Lebeau anlässlich eines Gedenkmarschs zu Ehren von Biskupski in Paris. Hunderte von Menschen hatten sich versammelt. Viele trugen weiße Rosen, einige trugen T-Shirts mit einem aufgedruckten Bild der Polizistin.

Maggy Biskupski und Guillaume Lebeau (Guillaume Lebeau)

Maggy Biskupski und Guillaume Lebeau

"Ich habe meinen Partner verloren – ihr Tod reißt eine Lücke in mein Leben. Maggy, wir vermissen dich - wir lieben dich!" sagte Lebeau und wischte sich seine Tränen aus dem Gesicht. Das Publikum applaudierte der emotionalen Rede. Dann stimmten sie die französische Nationalhymne, die Marseillaise, an.

Lebeau und Biskupski waren eng befreundet. Biskupski hatte ihm kurz vor ihrem Suizid sogar eine SMS geschickt, um sich von ihm zu verabschieden. "Ich weigerte mich, es zu glauben, als ich die Botschaft sah. Ich dachte - nein, nicht Maggy", sagte Lebeau. Er schickte sofort einen Krankenwagen zu ihr nach Hause, aber die Rettungskräfte kamen zu spät.

Vororte sind "gesetzlose Gebiete"

Erst kurz zuvor hatte die Deutsche Welle für eine Reportage Kontakt zu Maggy Biskupski aufgenommen. Sie sollte das Kamerateam in den Vorort begleiten, in dem sie ihren Dienst versah. Doch ein paar Tage vor dem vereinbarten Pressetermin nahm sie sich das Leben. Bereits im Vorgespräch am Telefon hatte sie von ihren schwierigen Arbeitsbedingungen erzählt.

"Es ist einfach katastrophal. Vororte wie diese, in denen ich arbeite, sind gesetzlose Gebiete. Einige der Bewohner hassen die Polizei und greifen uns immer wieder an. Es ist unmöglich für uns, im selben Revier zu leben, in dem wir arbeiten; es wäre einfach zu gefährlich für uns und unsere Familien."

Nach Biskupskis Selbstmord stimmte Lebeau zu, uns in diesen Vorort zu bringen – für Maggy. Alle anderen Medienanfragen, die er nach ihrem Selbstmord erhielt, lehnte er ab.

Biskupski und Lebeau waren ein Team, das gemeinsam gegen die sich stetig verschlechternden Arbeitsbedingungen bei der Polizei kämpfte. Lebeau ist davon überzeugt, dass diese auch der Hauptgrund für den Selbstmord seiner Kollegin waren. So bemängelt Lebeau etwa die technische Ausstattung der Beamten. "Wir müssen in Gebieten operieren, in denen die Menschen Steine auf uns werfen und uns anspucken. Oft funktionieren unsere Funkgeräte nicht. Bei Verfolgungsjagden können wir mit schnellen Wagen nicht mithalten. Einige unserer Polizeiautos haben Hunderttausende von Kilometern auf dem Buckel. All das überfordert uns", erklärt er auf der Fahrt durch sein Revier.

Hohe Zielvorgaben für Führungskräfte

Forciert werden die schwierigen Arbeitsbedingungen der Sicherheitskräfte durch die Terrorgefahr und den permanenten Ausnahmezustand im Land. Polizisten könnten kaum noch Urlaub nehmen, kritisiert Lebeau.

Auch in seinem Revier sei es gefährlich, mit einer Kamera aus dem Auto zu steigen – selbst früh morgens, bevor der Drogenhandel im Viertel beginnt. Lebeau erzählt auch, dass Maggy Biskupski immer mehr das Gefühl hatte, dass ihre Chefs sie mit ihren Problemen allein lassen. Die Vorgesetzten machten diesen Job noch schwieriger, als er eh schon sei, so Lebeau.

"Sie verlangen immer konkrete Ergebnisse. Maggy hatte die Vorgabe, 30 Leute pro Monat zu verhaften. Dabei war es egal, wofür die Leute inhaftiert wurden. Wir beide haben diesen Beruf gewählt, weil wir glaubten, dass die Polizei unsere Berufung sei. Aber wie kann die Polizeiführung Regeln und Vorgaben einführen, die die Menschen dazu bringen, uns noch mehr zu hassen", sagt Lebeau frustriert.

Frankreich Polizeieinsatz nach Schießerei auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg (Reuters/V. Kessler)

Frankreichs Polizei im Dauerstress, wie hier in Straßburg

Die französischen Polizeibehörden bestreiten, dass die verschärften Arbeitsbedingungen etwas mit der gestiegenen Selbstmordrate zu tun haben könnten. Eine Anfrage der Deutschen Welle, eine Polizeistreife im Einsatz mit der Kamera zu begleiten, um ein besseres Bild von ihrem Arbeitsumfeld zu bekommen, wurde abgelehnt.

Mehr Psychologen zur Bekämpfung von Selbstmorden

Da wirkt der Ausbau der psychologischen Betreuung bei Polizisten fast wie ein Eingeständnis. So wurde die Zahl der Psychologen zur Prävention von Selbstmorden von landesweit 50 auf 89 erhöht. Allerdings sind diese Therapeuten für 120.000 Polizisten zuständig.

Gerard Clerissi, Personalchef der Polizei, sagte auf DW-Anfrage, der Betreuungsschlüssel in Frankreich sei besser als in anderen Ländern. Zugleich wies er den Vorwurf zurück, dass die Polizei grundlegende Probleme habe. "Es ist völlig normal, unseren Polizisten konkrete Ziele zu geben. Schließlich müssen wir unsere Ausgaben rechtfertigen. Es ist das Geld der Steuerzahler", so Clerissi. Zudem sei der Druck auf die Polizei insgesamt geringer geworden und die Polizeidienststellen würden in den nächsten vier Jahren um weitere 7500 Beamte aufgestockt werden.

Lebeau reicht das nicht. Er ist der Meinung, dass die Polizei gründlich reformiert werden muss. "Wenn sich unsere Regierung mehr um ihre Bürger kümmern würde, müssten wir nicht für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Und Maggy würde immer noch hier sein", sagte er. Lebeau will Biskupskis Kampf fortsetzen, um sicherzustellen, dass ihr persönliches Opfer nicht umsonst war.

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