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Tennis

Stan Wawrinka - der Schattenmann

Alle konzentrieren sich auf den Spanier Rafael Nadal. Doch Experten in Roland-Garros schütteln den Kopf und sagen: Wawrinka könnte der Mann der Stunde sein - der Spieler, der aus dem Schatten der großen Vier tritt.

Diese Geste. Unerfahrene Gegner könnten sie als Beleidigung werten. Oder als falsches Zeichen, der Mann habe etwas vergessen. Stan Wawrinka hat sie sich angewöhnt für die Momente, wenn er als Sieger vom Platz geht. Rechte Faust geballt, der Zeigefinger tippt an die Stirn. Für den Tennis-Profi aus der Schweiz bedeutet das: "Ich war der Stärkere. Und zwar hier oben, im Kopf."

Wenn der 32-Jährige die Sache mit dem Finger macht, sitzt in aller Regel Magnus Norman im Publikum. Er ist der eigentliche Empfänger dieser Geste. Denn der Coach aus Schweden hat seinem Schützling erst beigebracht, an seine Stärken zu glauben. Norman führt Wawrinka an die Weltspitze, hat ihm bereits bei seinen Siegen bei den US-Open und in Melbourne bei den Australian Open geholfen. Am Spielerischen hatte es dem Schweizer auch zuvor nie gemangelt. Aber eben an diesem Glauben, tatsächlich einer der Besten sein zu können. Bezeichnend, dass er jüngst noch in einem langen Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" zu Protokoll gab, er glaube, niemals zu den ganz Großen zu gehören.

Erst zwei Sätze verloren

Und nun? 2017 hat Stan Wawrinka bei den French Open lediglich zwei Sätze im Halbfinale gegen Andy Murray abgegeben. Kurz vorher gewann er noch eben d as Turnier in Genf, so als wäre es ein Warmspielen. Mit seinen wuchtigen Grundlinienschlägen und seinem ebenso wuchtigen Aufschlag dominiert Wawrinka seine Gegner zur Zeit nach Belieben. "Es war ein richtig gutes Level", sagte der Schweizer vor den Journalisten, nachdem er den Italiener Fabio Fognini in Paris aus dem Turnier genommen hatte. "Ich habe angefangen, besser und besser zu spielen", fügte er sachlich hinzu. "Eine perfekte Woche bisher, und ich hoffe, dass ich hier noch ein paar Matches haben werde."

Tennis French Open 2017 Stanislas Wawrinka Team Spielerloge (Imago/J. Hasenkopf)

Die Wawrinka-Box: ganz rechts Trainer Norman, in der Mitte Freundin Donna Vekic, links die Eltern Isabella und Wolfram

Typisch Wawrinka. Eigentlich sind das die unangenehmsten Gegner, die tiefstapeln, die sich nicht in den Vordergrund drängen, die sehr auf die eigenen Defizite schauen. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist der Spieler, der die Fan-Bezeichnung "Stan the Man" längst auf seinen Trainings-T-Shirts trägt, ein wahres Kraftpaket. Und seine Rückhand straft alle Experten Lügen, die bereits das Ende des einhändig ausgeführten Schlages auf der eher schwierigen Seite vorhergesagt hatten. Hier ist Wawrinka inzwischen der Maßstab aller Dinge. Schlägerkopf beim Ausholen nach oben, Schulter nach vorne - niemand stellt sich besser zum Ball, niemand hat einen perfekteren Treffpunkt. Selbst dieser andere Schweizer nicht.

"Cry baby" und "asshole"

Stan Wawrinka und Roger Federer. Die beiden bezeichnen sich als Freunde, haben den Davis Cup zusammen gewonnen. Und doch mag es die jahrzehntelange Dominanz von Federer gewesen sein, die seinen Landmann so lange im Schatten hat stehen lassen. Und dann gab es noch diese unschöne Geschichte mit Federers Frau Mirka, die Stan im November 2014 im Finale der ATP World Tour Finals ein "Cry baby" entgegengezischt hatte. Frei übersetzt: "Heulsuse". Wawrinka hatte sich zuvor über die vielen Zwischenrufe der Federer-Gattin aus dem Publikum beschwert. Dicke Luft im Alpenraum, eine kleine Weile lang jedenfalls.

Dass die beiden wieder gut miteinander sind, hat Wawrinka erst im März bei dem verlorenen Finale in Indian Wells dokumentiert. Stan war nach dem kraftraubenden Endspiel so fertig, dass er bei der Siegerehrung mit den Tränen kämpfte - bis er aus dem Augenwinkel seinen siegreichen Landsmann auf der Bank entdeckt: Federer hatte angefangen, zu feixen. Der Etikette wegen soll Wawrinkas Reaktion an dieser Stelle nicht übersetzt werden - man versteht sie auch so: "Roger is laughing. He's an asshole, but it's okay." So etwas dürfen sich ungestraft nur Freunde sagen.

Tennis French Open 2015 Stanislas Wawrinka (Imago/Claus Bergmann)

Die Hose hängt im Museum von Roland-Garros: Wawrinka bei seinem Erfolg 2015

Stan Wawrinka: Auf einem Bauernhof mit angeschlossenem Behindertenheim in Saint-Barthélemy aufgewachsen, ist er inzwischen auf den größten und schönsten Courts der Welt zu Hause. 2017 könnte er in Roland-Garros einen weiteren wichtigen Erfolg erreichen. TV-Experten wie Boris Becker und Mats Wilander trauen es ihm zu. Wawrinka muss dafür nur noch die Nummer eins der Weltrangliste (Andy Murray) und danach mutmaßlich diesen Spanier schlagen. Dass über Rafael Nadal alle reden, dürfte Wawrinka ganz recht sein. Wie gesagt: Er macht ungern Wind. Die gemusterte Hose, mit der er 2015 gewann, hängt nun in Paris im Museum. Eine Miniatur davon baumelte eine Weile an Wawrinkas Schlägertasche. Doch nun - keine Extravaganzen: In diesem Jahr trägt Wawrinka Shorts in klassischem Weiß. 

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