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Kunst

150. Geburtstag: Wie Wassily Kandinsky zur abstrakten Kunst kam

Farben und Formen bestimmen die abstrakten Kunstwerke des russischen Malers Wassily Kandinsky. Anfang des 20. Jahrhunderts war das revolutionär. Doch nicht alle waren damals von der neuen Kunstrichtung begeistert.

1910 malte der russische Künstler Wassily Kandinsky sein "Erstes abstraktes Aquarell". Im Jahr darauf präsentierte er seine Werke in einer Ausstellung der "Neuen Künstlervereinigung München". Es war ein Skandal. "Entweder ist die Mehrheit der Mitglieder dieser Vereinigung unheilbar geisteskrank, oder wir haben es mit einer Gruppe von skrupellosen Hochstaplern zu tun, die bestens um die Schwäche unserer Zeitgenossen für Sensationen wissen und versuchen, diese große Nachfrage zu nutzen", kommentierte die Zeitung "Münchener Neuste Nachrichten". Für die Avantgarde in Europa war Kandinskys abstrakte Kunst revolutionär.

Der Rückzug ins Innere

Wassily Kandinsky Portrait Ausschnitt (Imago/Leemage)

Wassily Kandinsky

Es waren bewegte Zeiten. Der industrielle Fortschritt trieb die Menschen dazu, immer höher, weiter und schneller voranzukommen. Die Wissenschaft brachte fast täglich neue Erkenntnisse. Freud veröffentlichte seine Theorien über die menschliche Psyche. Amundson erreichte den Südpol und Siemens stellte einen Schnell-Telegrafen her, der 1000 Zeichen in der Minute senden konnte.

Was gestern noch unmöglich schien, war heute schon überholt. Das Bild der Wirklichkeit geriet durch die moderne Wissenschaft ins Wanken. Für Künstler wie Kandinsky war deshalb nicht mehr die Abbildung der Wirklichkeit entscheidend. Die einzige Wahrheit wollte der russische Künstler im Inneren des Menschen erkennen, und dieses Innere, die Gefühlswelt, sollte sich auf der Leinwand in abstrakten Farben und Formen wiederspiegeln.

Schon der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer hatte 1907 einen Essay über "Abstraktion und Einfühlung" geschrieben. Darin heißt es: "Die Tendenz zur Abstraktion ist die Folge einer tiefen Verunsicherung des Menschen angesichts der Welt."

Kandinskys künstlerische Anfänge in München

Wassily Kandinsky wurde am 4. Dezember 1866 in Moskau geboren. Nach einem Jura-Studium wandte er sich der Kunst zu und zog 1896 nach München. Dort studierte er zunächst an einer privaten Kunstschule, später dann an der Münchener Kunstakademie. Parallel gründete er selbst eine Künstlervereinigung, die sich "Phalanx" nannte und eine eigene Malschule betrieb, die auch die Künstlerin Gabriele Münter besuchte.

Gabriele Muenter in Malklasse Kandinskys (1902) (picture-alliance/akg-images)

Gabriele Münter (Mitte) in der Malklasse Kandinskys

Obwohl der abstrakte Expressionist damals noch verheiratet war, wurden die beiden ein Paar. Der Künstler verbrachte viel Zeit auf Münters Anwesen im bayerischen Murnau. Die Bilder von Häusern und Wäldern, die dort entstanden, sind noch von der Volkskunst seiner russischen Heimat geprägt, erstrahlen aber bereits in leuchtenden Farben.

Kandinskys Theorie der abstrakten Malerei

Zur abstrakten Malerei war Kandinsky angeblich gekommen, weil er in der Dämmerung in seinem Atelier ein Bild sah. Es lag auf der Seite und Kandinsky erkannte nur Formen und Farben, die ihn begeisterten. Er kam zu dem Schluss, dass das Gegenständliche seiner Malerei eigentlich nur schade. Natürlich kannte Kandinsky auch die Farb- und Lichtspiele der Impressionisten und die ungewöhnlichen Formen der Kubisten.

Wassily Kandinsky setzte sich auch theoretisch mit der abstrakten Kunst auseinander. 1911 erschien sein richtungsweisendes Buch "Über das Geistige in der Kunst". Darin beschäftigt er sich unter anderem damit, welchen Zweck Kunst zu erfüllen hat und wie dabei Farben und Formen auf die Seele wirken. Da die abstrakte Malerei vom Gegenständlichen befreit ist, so schrieb er, könnten Farben und Formen ihr eigenes Wesen entfalten und seelische Empfindungen zum Ausdruck bringen.

Die Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" 

Kandinsky Komposition V (picture-alliance/Heritage Images)

Kandinsys "Komposition V" war den Münchner Ausstellungsmachern zu abstrakt

Während die einen Kandinskys Werke und Theorien als revolutionär lobten, taten sich konservative Kunstkenner schwer. Selbst in der "Neuen Künstlervereinigung München" stand man Kandinsky kritisch gegenüber. Am 2. Dezember 1911 wies die Jury seine große "Komposition V" für eine Ausstellung zurück. Aus Protest traten Kandinsky, sein Freund Franz Marc und Gabriele Münter aus der Vereinigung aus und gründen die Künstlergruppe "Der Blaue Reiter", zu der auch August Macke stieß. Mit Franz Marc verfasste Kandinsky 1912 den Almanach "Der Blaue Reiter", in dem sich die beiden für die Gleichberechtigung der Künste aussprachen und nach einer neuen Farb- und Formensprache suchten.

Die Kriegsjahre trennen die Künstlerfreunde

Als der erste Weltkrieg ausbrach, ging Kandinsky nach Moskau zurück. Deutschland hatte Russland den Krieg erklärt. Gabriele Münter zog nach Stockholm - damit endete auch ihre Beziehung. Der Kontakt allerdings blieb. Gabriele Münter rettete zum Beispiel viele seiner Werke vor den Nationalsozialisten und stiftete ihre Kandinsky-Bilder 1957 der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München.

In Moskau setzte Kandinsky als Professor seine akademische Laufbahn fort. 1917 heiratete er die 27 Jahre jüngere Nina Adrejewsky, die sich später vor allem um seinen Nachlass kümmerte. Die neue Sowjetunion schränkte Kandinskys Kunstfreiheit jedoch erheblich ein - und so folgte er dem Ruf von Walter Gropius, der ihn 1922 ans Bauhaus nach Weimar holte, wie übrigens auch seinen früheren Nachbarn und langjährigen Freund Paul Klee.

Die geometrischen Bauhaus-Jahre

Wassily Kandinsky, Paul Klee u.a. Bauhausmeister ( 1925) (picture-alliance/akg-images)

Die Bauhausmeister (v.l.) Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer, Georg Muche und Paul Klee 1925 im Atelier von Paul Klee

An seiner 1919 gegründeten Kunstschule in Weimar wollte der Architekt Walter Gropius die Gleichberechtigung der Künste vorantreiben. Künstler und Handwerker sollten zusammen arbeiten und lehren. Bis die Nationalsozialisten das Bauhaus endgültig schlossen, unterrichtete Kandinsky in verschiedenen freien Malklassen. Nach seiner expressionistischen Schaffensphase wandte er sich am Bauhaus den geometrischen Formen zu, denn er war noch immer auf der Suche nach Gesetzmäßigkeiten für die abstrakte Kunst.

1926 erschien das Bauhausbuch "Punkt und Linie zu Fläche", in dem Kandinsky versucht, eine Grammatik der Formen zu entwerfen. Punkt und Linie seien nicht nur Elemente der Malerei, sondern auch der Musik. "Die meisten musikalischen Instrumente sind linearen Charakters. Die Tonhöhe der verschiedenen Instrumente entspricht der Breite der Linie: eine sehr dünne wird von der Geige, Flöte, Pikkolo hervorgebracht." Auch die Notenschrift sieht er als Kombination von Punkten und Linien. Auf einfache Weise würden so komplizierte Klänge vermittelt. Diese Einfachheit will er auf die Kunst übertragen. "Auch hier gibt es nur einen Weg – analytische Teilung auf Grundelemente, um schließlich zu eigenem graphischen Ausdruck zu gelangen." Diese Grundelemente sind geometrische Kreise, Vierecke und Dreiecke, die auch die Werke Kandinskys in seiner Bauhauszeit prägen.

Kandinsky, ein "entarteter Künstler"

Lenbachhaus München (picture-alliance/dpa)

Das Lenbachhaus in München besitzt einige Werke Kandinskys aus dem Bestand von Gabriele Münter

Mies van der Rohe, der letze Direktor des Bauhauses, erhielt 1933 von den Nazis einen Bescheid: "Kandinsky muss fristlos entlassen werden, weil er aufgrund seiner Geisteshaltung gefährlich für uns ist." Daraufhin emigrierte Kandinsky nach Paris, wo ihm sein Freund Marcel Duchamp eine Wohnung im Vorort Neuilly-sur-Seine besorgt hatte. Dort lebte er bis zu seinem Tod am 13. Dezember 1944.

Während die Nazis 57 seiner Werke als "entartet" beschlagnahmten, strömten 1937 Kunstfreunde aus aller Welt in die Schweiz, um die Bilder des großen Begründers der abstrakten Malerei in einer Ausstellung zu bewundern. Der Expressionist wurde 78 Jahre alt und starb nur wenige Monate nach der Befreiung von Paris. Die abstrakte Malerei hatte er in seinen Schriften immer als die schwierigste Kunst bezeichnet: "Sie setzt voraus, dass man zeichnen kann, dass man hochsensibel für Komposition und Farbe ist und dass man ein echter Poet ist - das ist das Entscheidende."

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