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Politik

Der Kunst folgt Harmonie

Das klare Winterwetter in Versailles mag manchen Kritikern wie ein Kontrast zu den düsteren Analysen der deutsch-französischen Beziehungen vorgekommen sein. Denn Jacques Chirac und Angela Merkel zeigten Harmonie.

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Angela Merkel und Jacques Chirac - Eintracht in Versailles

Es war das dritte bilaterale Treffen zwischen Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac nach Amtsantritt der Bundeskanzlerin. Zwischen dem Besuch der Ausstellung "Die Pracht des sächsischen Hofes. Dresden in Versailles" und dem Abendessen standen etliche Themen zur Diskussion.

Nach der Kritik an den Äußerungen Chiracs zu einem möglichen Atomwaffeneinsatz gegen "Terrorstaaten" hat der französische Präsident versucht, die Wogen zu glätten: "Niemand in Deutschland müsse sich auch nur im allergeringsten Sorgen machen," sagte Chirac. Auch die Bundeskanzlerin sah keinen Grund für offene Kritik, "weil Chiracs Äußerung in voller Kontinuität mit der französischen Doktrin steht".

Beim Thema Atomstreit mit dem Iran betonte Merkel, es müsse "Etappe für Etappe" vorgegangen werden. Zunächst stehe die für den 2. Februar anberaumte Sondersitzung der Internationalen Atomenergie-Organisation an.

Auch Europapolitik stand auf der Tagesordnung. Die Kanzlerin lobte das "hohe Maß an Übereinstimmung und die Vielzahl von Ideen" auf beiden Seiten. Mit Blick auf den EU-Gipfel zur Zukunft der EU-Verfassung wollen sich Berlin und Paris weiterhin abstimmen.

Das Treffen in Versailles wurde auch von der europäischen, vor allem von der französischen Presse kommentiert:

Die Regionalzeitung "La République du Centre" schreibt:

Angela Merkel in Frankreich Jacques Chirac

"Angela Merkel hat die Hosen an"

"Im französisch-deutschen Verhältnis ist es sicher Angela Merkel, die die Hosen anhat (…) Es ist nur ein schwacher Trost für Chirac, wenn Angela Merkel an der neuen französischen Nukleardoktrin 'überhaupt nichts zu kritisieren' hat. In Wahrheit will Merkel nicht voll auf das französisch-deutsche Verhältnis setzen, auch wenn sie eine Krise vermeiden will. Die Kanzlerin hat das abgekarterte Spiel zwischen Chirac und Schröder (…) nicht vergessen."

Dem stimmen auch die deutschen Kollegen des Bonner "General-Anzeiger" zu:

"Angela Merkel ist ganz offensichtlich bemüht, Gedanken an ein Wiederaufleben der privilegierten Partnerschaft, die Gerhard Schröder und Jacques Chirac zur Schau trugen, erst gar nicht aufkommen zu lassen. Das ist zumindest auf dem Hintergrund der Tatsache ehrlich, dass dieser demonstrativ betonten Männerfreundschaft so auffällig wenig Inhalte entsprachen."

Einen schwachen Chirac gegenüber Angela Merkel sieht auch "L'Union" aus Reims:

"Es gibt zwischen den beiden kein wirkliches Einverständnis, Chirac wirkt wie ein Waisenkind Gerhard Schröders. Angela Merkel (…) bestätigt ihr Image als eine energische Frau und Chefin, ohne dabei ein leicht verkrampftes Lächeln aufzugeben."

Weniger dominierend als versöhnlich betrachten "Les Dernières Nouvelles d'Alsace" Angela Merkels Auftritt in Versailles:

"Das Neudefinieren der französischen atomaren Verteidigung hat das Bundeskanzleramt eher unangenehm überrascht. Auch wenn Angela Merkel (…) ein gewisses Verständnis geäußert hat, redet man über so etwas (die Ausweitung der Atomwaffenoption auf Terrorstatten) nicht, schon gar nicht mitten in der Krise um das iranische Atomprogramm. Trotzdem ist es aber keine Frage: Mit Frankreich zerstreitet man sich nicht."

Für die südfranzösische Tageszeitung "République des Pyrénées" hat das "französisch-deutsche 'Paar'", das erstmals wirklich von Mann und Frau verkörpert wird, immer weniger von einem glücklichen Ehepaar:

"Im Glanz des Versailler Schlosses haben sich beide angestrengt, ein gutes Bild abzugeben. Das ähnelte aber eher den Szenen von gutbürgerlichen Leuten, die um jeden Preis den Anschein ihrer Ehe wahren wollen."

Die linke "Libération" spricht in seiner Online-Ausgabe von einem "pas de deux" in Versailles:

"Reichlich Kusshände, Lächeln im Mundwinkel und schöne Worte im Mund: wie ein König hat Jacques Chirac gestern versucht Angela Merkel mit Schmeicheleien zu gewinnen (…). Aber weder das Geschmeide noch das Porzellan (der Ausstellung Dresden in Versailles) konnten sie entspannen."

Chirac bei Schröder

Ein gewohntes Bild: die Männerfreundschaft zwischen Chirac und Schröder

Schließlich weckt das deutsch-französische Treffen auch Interesse in Italien. Die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" spricht von einem anderen "Feeling" zwischen Chirac und Merkel:

"Wir waren an Umarmungen und ein herzliches Verhältnis zwischen Chirac und Schröder gewöhnt. Die Atmosphäre im Schloss von Versailles (…) trägt zwar dazu bei, die Herzen zu erwärmen, aber es ist offensichtlich, dass das Feeling zwischen der neuen deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten nicht das gleiche ist. Es wäre dennoch voreilig, an ein Ende des Idylls zwischen den Ländern zu denken oder an plötzliche Richtungsänderungen in einer Beziehung, die so wichtig für die Gestaltung der europäischen Politik ist." (gh)

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