Kommentar: Deutschlands syrische Helden | Secciones | DW | 13.10.2016
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Kommentar: Deutschlands syrische Helden

Sie haben einen Verdächtigen geschnappt und vielleicht einen Anschlag verhindert: Drei Männer aus Leipzig sind die ersten syrischen Helden Deutschlands. Das Land hat sie dringend gebraucht, meint Fabian von der Mark.

Die Gefahr war riesengroß. Die Gefahr eines verheerenden Sprengstoffanschlags in Deutschland. Und die Gefahr, dass wieder eine Person als Flüchtling einreist und als mutmaßlicher Terrorist die Angst vor Fremden in Deutschland schürt. Beide Gefahren haben drei Männer am Montag gebannt, in dem sie gezeigt haben, dass geflüchtete Syrer dankbare Freunde sind.

Ihr Vorgehen an sich ist schon beachtlich genug. Da stellen drei Syrer fest, dass sie einen Terrorverdächtigen in der Wohnung haben. Sie lehnen dessen Bestechungsversuche ab, obwohl sie wenig Geld haben. Sie widerstehen dem Hass auf den Terror, vor dem sie geflohen sind, und verzichten auf gewalttätige Selbstjustiz. Sie überwältigen und fesseln ihn stattdessen, so wie deutsche Gesetze es erlauben. Sie melden ihn der Polizei und lassen sich auch von Sprachschwierigkeiten nicht aufhalten. Am Ende geht ein syrischer Flüchtling zur Polizeiwache, zeigt sein Handyfoto und macht klar, wie dringend es ist.

Die syrischen Helden stehen für mehr

Die Helden von Leipzig stehen für tausende Syrer, die den Fahndungsaufruf ins Arabische übersetzt und in ihren sozialen Netzwerken geteilt haben. Sie haben damit eindrücklich gezeigt, wie wichtig ihnen Frieden und Sicherheit in Deutschland sind. Sie haben gezeigt, wie falsch jeder Generalverdacht gegen Flüchtlinge, Muslime oder Ausländer ist. Mit ihren Taten haben sie sich deutlicher von Gewalt und Terrorismus distanziert, als das Lichterketten und Lippenbekenntnisse je könnten. Sie haben Verantwortung übernommen und Mut bewiesen - zwei Säulen einer vitalen Zivilgesellschaft.

von der Mark Fabian Kommentarbild App

Fabian von der Mark, DW-Hauptstadtstudio Berlin

Die Syrer von Leipzig werden im Netz und in den Zeitungen gelobt, aber das reicht nicht. Als vergangenes Jahr drei Männer im Zug zwischen Amsterdam und Paris einen Attentäter überwältigt haben, wurden sie am nächsten Tag vom französischen Präsidenten mit einem Orden ausgezeichnet. Eine öffentliche Verleihung scheidet bei den Männer aus Leipzig momentan wohl aus. Ihre und die Sicherheit ihrer Familien in Syrien wäre in Gefahr - sie fürchten Rache von Anhängern des "Islamischen Staates".

Das Mindeste aber ist persönlicher Dank. Dank dafür, eine schwere Gewalttat in Deutschland verhindert zu haben. Dazu sollten sich der Bundespräsident, die Kanzlerin oder wenigstens der Innenminister mit ihnen treffen. Bei der Gelegenheit könnten sie auch über eine angemessene Belohnung sprechen.

Nicht alle syrischen Flüchtlinge sind Helden. Wenn sich aber einer von ihnen heldenhaft verhält, dann verdient das die volle Anerkennung. Eine Gesellschaft braucht Heldengeschichten, die über den Moment bestehen bleiben. Wenn sie erzählt werden, an den Bars und in den Sportvereinen, dann kann daraus mehr werden. Dann wandern sie ins kollektive Bewusstsein - und können es vielleicht sogar verändern.