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Global Ideas

Wie aus Wasserkraft in Deutschland Strom wird

Mühlen, die mit Wasserkraft arbeiten, haben eine lange Tradition. Der Mensch macht sie sich seit Jahrtausenden zunutze. Heute erzeugen solche Mühlen Ökostrom, zum Beispiel die Gollmitzer Mühle bei Berlin.

Foto des Mühlrads und des Gebäudes der Gollmitzer Mühle (Foto: Hanno Böck)

Die Gollmitzer Mühle im Nordosten Berlins lag lange brach, heute liefert sie Ökostrom

"Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp klapp. / Bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach, klipp klapp." Beim Wandern durch die Uckermark – eine Naturlandschaft etwa anderthalb Autostunden nördlich von Berlin – fallen einem plötzlich Liedzeilen aus der deutschen Romantik ein. Ein großes backsteinrotes Fachwerkhaus liegt dort an einem Teich, und an der Seite dreht sich ein sechs Meter hohes Wasserrad: die Gollmitzer Mühle. Über plätschernde Wassermühlen wie diese dichteten im 19. Jahrhundert einige Romantiker, nicht zuletzt, weil die Mühlen per Wasserkraft das Mehl für "Unser Täglich Brot" lieferten. Mit der Industrialisierung der Mehlproduktion verschwanden die Mühlen, und auch das Mühlrad in Gollmitz hörte irgendwann zu drehen auf. Bis Kai Rogozinski mit seinem Kanu vorbeifuhr.

"Ich wollte die Kraft des Wassers nutzen", erklärt Rogozinski, dem man seine Berliner Herkunft anhört. Als Hobbykanut, für den Mühlen beim Paddeln eigentlich ein Hindernis sind, begeisterte er sich für die alte Technik. Und kaufte vor zehn Jahren die Gollmitzer Mühle in der Uckermark, stattete sie mit einem neuen Mühlrad aus und nahm sie wieder in Betrieb. Der Tatsache, dass die Bewohner des kleinen Tals ihren brausenden Wasserlauf einst Strom tauften, verlieh Rogozinski, von Beruf Heizungsmonteur, neue Bedeutung. Denn er entschied sich, die Mühle zur Stromproduktion zu nutzen.

Foto einer Mühle in Lippholthausen, Lünen. (Foto: André Walter; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)

Das Mühlrad, angetrieben vom “Strom” treibt einen Generator an und der liefert Strom

"Ein sogenanntes Zuppinger-Wasserrad mit sechs Metern Durchmesser", erklärt Rogozinski mit lauter Stimme, damit ihn das Plätschern des Mühlrads nicht übertönt. Für die Konstruktion hatte der Schweizer Ingenieur und Turbinen-Entwickler Walter Zuppinger 1849 ein Patent erhalten, weil die Schaufeln mit ihrer speziellen Krümmung wesentlich effektiver sind als bis dato übliche Bauformen. Rad und Schaufeln an der Gollmitzer Mühle sind ganz traditionell aus dunklem Holz gefertigt, und der Strom plätschert vom aufgestauten Mühlteich kommend von schräg oben darauf, so dass sich das Rad quasi rückwarts dreht – "unterschlägig" im Fachjargon.

Energie für den Eigengebrauch, aber auch für das Stromnetz

Über seine Welle überträgt das alte Rad nun die Kraft des Wassers auf neue Technik, verborgen in einem kleinen Raum hinter dem Rad, ein Generator liefert unter lautem Brummen elektrischen Strom. Wie viel Strom Rogozinskis Rad gerade liefert, lässt sich an Anzeigetafeln permanent ablesen: 90.000 Kilowattstunden waren es im vergangenen Jahr – etwa so viel, wie 25 Privathaushalte im Schnitt verbrauchen. Etwa 15.000 Kilowattstunden wurden in der Mühle selbst verbraucht – vor allem in den Ferienwohnungen, die Rogozinski im Müllerhaus eingerichtet hat.

Der große Rest wandert ins Stromnetz. Das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz garantiert Rogozinski die Abnahme des Stroms durch den Netzbetreiber. Im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energieformen erhält er allerdings vergleichsweise wenig – neun Cent pro Kilowattstunde (private Endkunden zahlen in Deutschland etwa 25 Cent pro kWh). Für die Einspeisung von Solarstrom gibt es mehr als das doppelte. Bei der niedrigen Vergütung lohnt es sich, so viel Strom wie möglich selbst zu verbrauchen.

"Mit einer modernen Turbine könnte man etwa 12 Prozent mehr Strom erzeugen," erklärt Rogozinski, aber das hätte der Traditionspflege nicht entsprochen. Und für die Restaurierung alter Mühlen gibt es Förderung vom Land, denn "gerechnet hat sich der Wiederaufbau nur, weil ich für den Bau des Wasserrades Unterstützung erhalten habe."

Foto eines afrikanischen Mühlsteins (palindrome6996; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)

Mahlen wie in grauer Vorzeit: Wasserkraft aus Mühlen hat eine lange Tradition.

Wasserkraft hat weltweit eine lange Tradition

Immerhin: Die Geschichte der Gollmitzer Mühle reicht ins 13. Jahrhundert zurück. "Wir wissen, dass die ursprüngliche Mühle hier im 17. Jahrhundert während dem dreißigjährigen Krieg zerstört wurde", erzählt Rogozinski, "das jetzige Mühlengebäude wurde dann 1724 wieder aufgebaut." Die Nutzung von Wassermühlen gilt gar als älteste Technologie zur Gewinnung von Energie aus der Natur in der Menschheitsgeschichte. Bevor es Elektrizität und Verbrennungsmotoren gab, waren Mühlen – ob mit Wasser oder mit Wind betrieben – das energetische Rückgrat der vorindustriellen Gesellschaften, ob zum Mahlen von Getreide, als Säge- oder Hammermühlen, zur Gewinnung von Pflanzenölen oder von Gerbmitteln aus Baumrinden in sogenannten Lohmühlen. Die ältesten bekannten Mühlen standen in Mesopotamien – 500 Jahre vor Christus.

Die Mühle in der Uckermark am gerade mal zwei Meter schmalen "Strom" beweist Rogozinski zufolge vor allem eines: Wenn die Fallhöhe stimmt, könne man fast überall auch mit einer geringen Wassermenge ein Kleinkraftwerk effizient betreiben. Auch am Strom habe die Nutzung der Wasserkraft per Mühlrad ein weit größeres Potenzial, meint der Strom-Müller: "Alleine hier am 'Strom' standen ursprünglich zehn Mühlen. Von denen gibt es heute noch zwei."

Aber ganz will der Stromerzeuger aufs traditionelle Müller-Handwerk nicht verzichten. Seit 2006 lässt er die Mahlsteine gelegentlich wieder Korn zu Mehl mahlen, irgendwann will er regelmäßig die nahe Bio-Bäckerei beliefern. Ganz nach Ernst Anschütz romantischen Liedzeilen: "Er mahlet uns Korn zu dem kräftigen Schrot, / und haben wir solches, so hat's keine Not. / Klipp klapp, klipp klapp, klipp klapp!"

Autor: Hanno Böck

Redaktion: Jan Michael Ihl

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