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Fußball

Wembley-Tor: 50 Jahre Diskussion

Über kein anderes Tor wird so ausgiebig diskutiert wie über das "third goal". Dabei erzielte Englands Geoff Hurst im WM-Finale 1966 noch einen weiteren umstrittenen Treffer gegen Deutschland. Und einer thront über allem.

Die Statue des deutschen WM-Schrecks von 1966 steht in der Südkaukasusrepublik Aserbaidschan auf einem Podest in einem sternförmigen Rosenbeet. Tofiq Bahramov (1925-1993) entschied am 30. Juli 1966 als Linienrichter in der Verlängerung des WM-Finales zwischen Deutschland und England in London (2:4) nach dem Schuss von Geoff Hurst auf Tor für die Gastgeber. Es ist die wohl umstrittenste Entscheidung der Fußball-Geschichte.

50 Jahre später wird Bahramov in seiner Heimat Aserbaidschan immer noch als Held verehrt. Ein Stadion in der Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer trägt in goldener Schrift über dem Eingang seinen Namen. Und auf dem Gelände steht eine Figur des Mannes, der noch in seinen Memoiren darauf beharrte, dass seine Entscheidung richtig war.

Torschütze mit der schlechtesten Sicht

Statue des Linienrichters Tofiq Bahramov in Baku (Foto: picture alliance/dpa/W. Jung)

Bahramov: Der Linienrichter zeigt auf auf den Mittelkreis - Tor!

Die Fernsehzuschauer in der Bundesrepublik müssen sich bei dieser entscheidenden Szene am damals noch sehr unscharfen Bildschirm auf die Worte des aufgeregten Kommentators Rudi Michel verlassen: "Hei! Nicht im Tor! Kein Tor!" Sekunden später korrigiert Michel: "Oder doch? Jetzt, was entscheidet der Linienrichter?" Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz fragte den sowjetischen Linienrichter Bahramov, der bei der Situation beste Sicht hat. Und Bahramov entscheidet tatsächlich auf Tor.

50 Jahre später ist sich Hurst immer noch sicher: "Der Ball war drin." Und das, obwohl er es selbst kaum erkennen konnte. In der britischen "Daily Mail" erinnert sich der Torschütze: "Ich hatte wahrscheinlich die schlechteste Sicht im ganzen Stadion. Ich war hingefallen und schaute über meine Schulter. Der Ball fiel direkt hinter Torwart Hans Tilkowski runter."

Nur der Schatten über der Torlinie?

Die rund 97.000 Zuschauer wissen damals wohl nicht, dass sie die legendärste Torszene in der Fußballgeschichte live miterleben. Seit elf Minuten läuft beim Stand von 2:2 die Verlängerung. Nobby Stiles passt den Ball auf Alan Ball. Der flankt zu Geoff Hurst. Hurst schießt den Ball an die Unterkante der Latte. Der Ball prallt nach unten ab. England jubelt. Deutschland protestiert.

In vollem Durchmesser hinter der Linie ist der Ball allerdings nicht. Filmaufnahmen beweisen das. Oft wird in England ein Standbild gezeigt, auf dem es so aussieht, als sei der Ball hinter der Linie. Nur wer genau hinschaut, sieht den Schatten. Der Ball ist noch in der Luft und landet dann auf der Linie. "Mir ist seit 50 Jahren klar, dass er nicht drin war, sagte Hans Tilkowski im Interview mit der "Sport Bild". "Dazu brauche ich auch keinen Videobeweis, das war eindeutig."

"Wir hätten das Tor auch angenommen"

"Dass es kein Tor war, wissen wir alle", stellt auch Uwe Seeler klar. Der deutsche Kapitän von 1966 steht im Strafraum ganz in der Nähe. "Dienst war ein erstklassiger Schiedsrichter. Ich weiß nicht, was ihn da geritten hat." Doch Seeler gibt auch zu: "Wenn er das für uns gepfiffen hätte, hätten wir es wahrscheinlich auch angenommen. Insofern können wir den Engländern nicht böse sein."

Schiedsrichter Gottfried Dienst und Linienrichter Tofiq Bahramov mit dem Spielern Uwe Seeler und Bobby Moore beim Münzwurf auf dem Spielfeld

Die entscheidenden Personen: Schiedsrichter Dienst (M.) und Bahramov (2.v.l.)

Umstritten ist aber nicht nur das "third goal", das dritte Tor, wie die Engländer das Wembley-Tor nennen. Auch das 4:2 unmittelbar vor dem Abpfiff hätte nicht zählen dürfen. Denn als Hurst sein drittes Tor in der Partie erzielt, haben schon mehrere Zuschauer den Platz gestürmt.

Fünf schmerzvolle Jahrzehnte ohne Titel

Der Triumph von Wembley hallt bis heute nach, auch weil die englische Nationalmannschaft seitdem nie wieder ein großes Turnier gewonnen hat. Nach dem peinlichen EM-Aus der Engländer gegen Außenseiter Island in diesem Jahr veranstaltet die BBC nun eine Themenwoche mit großer Feier in der Wembley-Arena direkt neben dem Stadion. Richard Maddock, Chefredakteur bei BBC Radio 5 Live, verspricht: "Nach fünf schmerzvollen Jahrzehnten erinnern wir uns, wie wir die Könige der Fußballwelt waren." Sie werden sich einig sein: Der Ball war drin.

Und in Deutschland? Für den Vize-Weltmeister von 1966 gibt es keine große Feier, aber eine Sonderausstellung im Fußballmuseum in Dortmund: "50 Jahre Wembley - der Mythos in Momentaufnahmen". Zur Eröffnung am Sonntag werden neben Seeler und Tilkowski auch Siggi Held und Wolfgang Overath erwartet. Auch dort keine Diskussion. Die Angelegenheit ist schließlich klar: "Nicht im Tor! Kein Tor!"

sw/gri (mit dpa, sid)

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