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Europa

Stichwort: Russisch-orthodoxe Kirche

Mit mehr als 150 Millionen Gläubigen ist die russisch-orthodoxe Kirche die größte orthodoxe Kirche der Welt. Sie gilt als äußerst wertkonservativ, ihre Verbindungen zur russischen Politik sind eng.

Kirche und Staat sind in Russland laut Verfassung offiziell getrennt. Dennoch ist die russisch-orthodoxe Kirche unter der Herrschaft von Präsident Wladimir Putin zu einer Art Staatsreligion aufgestiegen. Kreml und Kirche profitieren voneinander: Putin gibt sich betont gläubig, er sieht in Kirche und Patriarch eine Machtstütze. Zugleich sind sie Verbündete bei der Eindämmung eines Liberalismus nach westlichem Vorbild in Russland.

Die Kirche wiederum stärkt so ihren Einfluss im Staat. Seit 2006 gibt es wieder Religionsunterricht in russischen Schulen. 2010 verabschiedete die Duma ein Gesetz zur Rückgabe von Kircheneigentum, das nach der russischen Revolution 1917 enteignet wurde. Die russisch-orthodoxe Kirche orientiert sich im modernen Russland gemäß der orthodoxen Tradition am Ideal der "Symphonia", einer harmonischen Beziehung zwischen Kirche und Staat.

Moskau als "Drittes Rom"

Die Geschichte der russisch-orthodoxen Kirche begann vor über tausend Jahren in der Kiewer Rus, dem mittelalterlichen Vorläuferstaat Russlands, der Ukraine und Weißrusslands. Im Jahr 988 ließ sich dessen Herrscher, Großfürst Wladimir I., christlich taufen. Die Taufe hatte einen politischen Grund: ein Bündnis des Kiewer Rus mit dem byzantinischen Kaiserhaus in Konstantinopel. Davon erhoffte sich Wladimir I. die Aufwertung seines Reiches, wirtschaftliche Vorteile und eine Verbesserung der Beziehung zu den Nachbarvölkern. Mit der Annahme des neuen Glaubens christianisierte der Herrscher seine Untertanen.

Wladimir Putin Patriarch Kirill Moskau Russland (Foto: picture alliance/dpa)

Unter Kremlchef Putin, hier mit Patriarch Kyrill I., ist die russisch-orthodoxe Kirche praktisch zur russischen Staatsreligion aufgestiegen

Die russisch-orthodoxe Kirche war zunächst Teil des Patriarchats von Konstantinopel. 1326 wurde der Sitz des russischen Metropoliten, so die Bezeichnung für den höchsten Bischof, von Kiew nach Moskau verlegt. Kurz vor dem Fall des byzantinischen Reiches trennten sich die russischen Bischöfe von der Mutterkirche. Als Konstantinopel 1453 an die Osmanen fiel, übernahmen die russischen Herrscher den Kaisertitel. Die Zaren betrachteten Moskau nun als "Drittes Rom", als neues Zentrum der orthodoxen Christen nach Rom und Konstantinopel. Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Moskauer Patriarchat errichtet.

Unter Zar Peter dem Großen geriet die russisch-orthodoxe Kirche komplett unter die Kontrolle des Staates. Peter schaffte das Patriarchat 132 Jahre nach seiner Gründung wieder ab. Stattdessen setzte er einen heiligen Synod ein, der ihm selbst unterstand und die Bischöfe ernannte. Nach dieser Reform war die Kirche eng mit der russischen Machtelite verwoben. Erst 1917 wurde das Patriarchat wieder eingeführt.

Kyrill I.: Homosexualität ist Gefahr für Gesellschaft

Der neue Patriarch Tichon und seine Kirche standen jedoch von Beginn an unter Druck. In den Anfangsjahren der Sowjetunion wurden Christen massiv verfolgt und Kirchen und Klöster zerstört. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die russisch-orthodoxe Kirche wieder eingeschränkt geduldet, stand jedoch unter strenger Kontrolle des Staates. Bei der 1000-Jahr-Feier 1988 deutete bereits vieles auf eine Entspannung zwischen Kirche und Staat hin. Seit dem Ende der Sowjetunion erlebt die russisch-orthodoxe Kirche eine Renaissance. Bis heute wurden etwa 15.000 Kirchen wiedereröffnet.

Katholiken und Orthodoxe gehen seit der großen Kirchenspaltung in die lateinische und die orthodoxe Kirche aus dem Jahr 1054 getrennte Wege. Die "orthodoxe Welt" ist in zahlreiche unabhängige Kirchen zersplittert. Die russisch-orthodoxe ist mit rund 150 Millionen Gläubigen in mehr als 60 Ländern die größte. Sie gilt als äußerst konservativ. Patriarch Kyrill I. sieht etwa Homosexualität als Gefahr für die Gesellschaft.

Spannungen zwischen Patriarchat und Vatikan

Theologisch trennt Katholiken und Russisch-orthodoxe nur wenig, vor allem im Vergleich zu den Protestanten. Auch der derzeitige Patriarch Kyrill I. hob immer wieder die gemeinsamen Werte hervor. Dennoch galt ein Treffen zwischen Papst und dem Patriarchen lange als undenkbar.

Danilov Kloster im Schnee (Foto: picture-alliance/dpa/G.Lawrence)

Das Danilow-Kloster in Moskau ist der Amtssitz des russischen Patriarchen

Ende der 1990er Jahre hatte der damalige Papst Johannes Paul II. mit der Errichtung katholischer Diözesen in Russland noch für erhebliche Verstimmung im Moskauer Patriarchat gesorgt. Aus dessen Sicht verletzte Rom damit die Territorialhoheit der orthodoxen Kirche. Überdies berief der polnische Papst polnische Geistliche zu Bischöfen der neuen Diözesen, die aufgrund historischer Konflikte dort als Invasoren angesehen wurden. Auch die Existenz christlicher Gemeinden vor allem in der Ukraine, die zwar den orthodoxen Ritus pflegen, den Papst jedoch als Oberhaupt anerkennen, sorgte im Moskauer Danilow-Kloster für Unmut.

Nach dem Tod von Patriarch Alexej II. und der Wahl seines Nachfolgers Kyrill I. ist die ablehnende Haltung Moskaus gegenüber Rom einem versöhnlicheren Kurs gewichen. Unter Benedikt XVI. entspannte sich das Verhältnis zwischen beiden Kirchen weiter. Doch der lang erhoffte Durchbruch, das erste Treffen zwischen Papst und Patriarch, gelang erst jetzt.

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