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Europa

Krim-Krise spaltet auch die Kirche

Friedensgebete und die Ablehnung von Waffengewalt - Russlands orthodoxe Kirche reagiert zurückhaltend auf die Annexion der Krim. Auch in der Ukraine sind die orthodoxen Kirchen von der Krim-Krise unmittelbar betroffen.

Das russische Außenministerium ist besorgt. In der Ukraine herrsche "eine Atmosphäre ethnischer und konfessioneller Intoleranz", heißt es in einer Erklärung, die am Dienstag (25.03.2014) verbreitet wurde. Bereits Ende Februar hatte sich das russische Außenministerium um den "konfessionellen Frieden" in der benachbarten Ukraine besorgt gezeigt. Damals hieß es, Priester der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die dem Moskauer Patriarchat direkt untersteht, seien bedroht worden. Beweise gab es keine. Weder die betroffene Kirche in Kiew noch ihre Moskauer Schutzmacht hatten sich beschwert.

Kirchenspaltung nach dem Zerfall der Sowjetunion

Das Kiewer Michaelskloster gehört zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats (Foto: Thomas Eisenhuth)

Das Kiewer Michaelskloster gehört zur Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats

Die Argumentation des Moskauer Außenministeriums ist bemerkenswert. Denn damit mischt sich Moskau auch in Kirchenfragen der Ukraine ein. Die orthodoxen Kirchen in Moskau und Kiew stehen wegen der Krise in der Ukraine offenbar vor ihrer größten Herausforderung seit Jahrzehnten. Als die Sowjetunion 1991 auseinander brach,

spaltete sich auch die Orthodoxie

in der Ukraine. Seitdem gibt es dort drei orthodoxe Kirchen.

Etwa die Hälfte der orthodoxen Gläubigen vereint die Ukrainische Orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarchat unterstellt ist. Sie ist die einzige orthodoxe Kirche in der Ukraine, die von der Weltorthodoxie anerkannt wird. Ferner gibt es die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats und die Ukrainische autokephale orthodoxe Kirche. Beide sind von der Weltorthodoxie nicht anerkannt.

Gretchen-Frage für die russische Kirche

Die

Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim

durch Russland ist eine Gefahr für den bislang engen Schulterschluss zwischen Kreml und Kirche. Als Präsident Wladimir Putin am 18. März 2014 vor beiden Parlamentskammern seine

Krim-Rede

hielt, war das Kirchenoberhaupt, Patriarch Kirill, überraschend nicht anwesend. Am nächsten Tag allerdings verabschiedete der Synod, das höchste Kirchengremium, unter der Leitung Kirills eine Erklärung, die nicht eindeutig dazu Stellung nahm, ob die Krim jetzt ein Teil Russlands sei.

Stattdessen rief der Synod zum Frieden auf. Außerdem äußerte er, dass "Probleme in den Beziehungen zwischen den Brudervölkern Russlands und der Ukraine nicht mit Waffengewalt und gegen den Willen der Menschen gelöst werden dürfen". Das Schicksal der Gemeinden der Ukrainischen Orthodoxen Kirche auf der Krim wurde in der Erklärung offengelassen.

Experten wie Thomas Bremer von der Universität Münster führen dies darauf zurück, dass in der Ukraine die Gläubigen des Moskauer Patriarchats in der Krim-Frage geteilter Meinung seien. "Deswegen würde die Kirche, wenn sie jetzt einseitig Position beziehen würde, einen Teil ihrer Gläubigen verprellen", sagte Bremer in einem Gespräch mit der Deutschen Welle.

Der Orthodoxie-Experte Nikolay Mitrokhin geht in seiner Analyse noch weiter. "Die Besetzung der Krim könnte die Beziehungen zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der ihr unterstehenden Ukrainischen Orthodoxen Kirche endgültig verderben", sagte der wissenschaftliche Mitarbeiter der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen der DW. Denn die Ukrainische Orthodoxe Kirche habe die Annexion der Krim eindeutig verurteilt, so Mitrokhin. Der Experte glaubt, die jüngsten Ereignisse würden eine weitere Entfremdung zwischen der ukrainischen und russischen Orthodoxie beschleunigen.

Die Rolle der Kirche in Putins Integrationsprojekt

Wladimir Putin und Patriarch Kirill (Foto: ITAR-TASS / Valery Sharifulin)

Wladimir Putin und Patriarch Kirill - Staat und Kirche sind in Russland eng miteinander verbunden

Sollte das eintreten, wäre das auch ein schwerer Schlag für Russlands Präsidenten Putin, meinen Beobachter. Der Kremlchef setzt bei der wirtschaftlichen und kulturellen Integration ehemaliger Sowjetrepubliken seit Jahren auf die Russische Orthodoxe Kirche. Der Ukraine kommt in Putins Strategie dabei eine Schlüsselrolle zu. Denn Kiew ist der Ort, auf den auch die Russen ihre Christianisierung Ende des 10. Jahrhunderts zurückführen.

Putin und Kirill ziehen in dieser Frage an einem Strang. Der Patriarch reiste in den vergangenen Jahren oft in die Ukraine. Dabei betonte er stets, Russen und Ukrainer seien Teil der sogenannten "Russki Mir" (Russischen Welt). So nennt sich die Idee für eine geistliche und kulturelle Einheit, die nach Meinung des Kreml und der Moskauer Kirche über die Grenzen Russlands hinausreicht.

"Die Idee ist völlig gescheitert und hat sich diskreditiert", meint Experte Mitrokhin. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche lasse sich nicht von Moskau instrumentalisieren. In absehbarer Zukunft werde es nur noch darum gehen, ob die Russische Orthodoxe Kirche und die Ukrainische Orthodoxe Kirche den Weg einer "zivilisierten Scheidung" gehen, so die Prognose des Experten.

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