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Kommentar: In Havanna wird Kirchengeschichte geschrieben

Die Mitteilung kam selbst für Experten überraschend. Das erste Treffen zwischen dem Papst und dem Patriarchen von Moskau seit der Kirchenspaltung von 1054 ist weit mehr als ein Höflichkeitsbesuch, meint Christoph Strack.

Ein Stück Kirchengeschichte, als Überraschung angekündigt. Es kommt nicht oft vor, dass Vatikan-Sprecher Lombardi kurzfristigst zu einer Pressekonferenz einlädt und dann im vollen Pressesaal ein Statement in sechs Sprachen vorträgt. Einfach weil die Neuigkeit eine wirkliche Neuigkeit ist und weltweit vermeldet werden wird: In wenigen Tagen kommt es erstmals überhaupt zu einem Zusammentreffen des römisch-katholischen Papstes mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen. Franziskus und Kyrill wollen auf dem Flughafen von Havanna unter vier Augen miteinander reden und dann eine gemeinsame Erklärung unterzeichnen. "Der Heilige Stuhl und das Moskauer Patriarchat hoffen, dass dies ein Zeichen der Hoffnung für alle Menschen guten Willens sein wird." Was für ein Satz.

Das ist - der Begriff ist wirklich angebracht - eine Sensation. Nicht nur für religiöse Feinschmecker, die eine Vorliebe für Ökumene haben. Nein, es ist einer jener Momente, in denen Kirchenspitzen Geschichte schreiben. Wiederholt hatte Franziskus angedeutet, zu einem Treffen mit Kyrill an jedem beliebigen Ort bereit zu sein - nun wird es also Havanna. Kyrill ist seit einigen Tagen auf Kuba zu Gast, Franziskus unterbricht seinen Flug nach Mexiko.

Mehr als eine höfliche Begegnung

Derzeit steht Moskau - vor allem politisch, aber auch kirchlich - für eine Distanzierung von vielem, was mit westlicher oder auch westchristlicher Sichtweise verbunden wird. Und viele im Westen schauen mit Besorgnis auf einen Kurs der weiter wachsenden Staatsnähe der russischen Orthodoxie. Um so überraschender kommt nun das Treffen auf Kuba. Und diese Begegnung wird aufgrund des zu unterzeichnenden offiziellen Dokumentes nicht einfach eine höfliche Begegnung sein. In politisch schwierigen Zeiten ist das immer auch ein Signal an die russische Politik.

Strack Christoph Kommentarbild App

Christoph Strack ist Kirchenexperte der DW

Bemerkenswert an der vatikanischen Mitteilung, die zeitgleich auch in Moskau verkündet wurde, ist eben auch das Überraschungsmoment dieses Freitagmittags. Dass es im vatikanischen Apparat undichte Stellen gab und gewiss auch weiterhin gibt, haben diverse Vatileaks-Soaps der vergangenen Jahre gezeigt. Und natürlich gibt es auch in einer politisierten russischen Orthodoxie Menschen, die nicht mit gleicher Sympathie auf die Begegnung mit dem fernen Bruder in Rom schauen. Und doch hat die stille Diplomatie funktioniert. Das spricht für beide Seiten und ihre Ernsthaftigkeit. Und man merkt, dass die vatikanische Diplomatie unter dem britischen Erzbischof Paul Gallagher, seit 15 Monaten im Amt, zu neuer alter Relevanz aufläuft.

Seit gut 50 Jahren reisen die Päpste. Das Pontifikat von Johannes Paul II. (1978-2005) war in langen Phasen eine weltweite Missions- und Pilgerreise, oft eingefärbt mit realpolitischen Zügen. Benedikt XVI. (2005-2013) setzte dies fort. Auf der Weltkarte päpstlicher Reiseziele gibt es nicht mehr allzu viele weiße Flecken. Die wirklich bedeutenden sind China und Russland. In dieser Woche veröffentlichte der Vatikan ein langes Interview von Franziskus mit einer chinesischen Zeitung, das in den Medien der Volksrepublik umfassend rezipiert wurde. Nun, drei Tage später, folgt die Ankündigung des Treffens in Havanna.

Für dieses Jahr 2016 hat der Vatikan bislang nicht allzuviele päpstliche Reisepläne bestätigt. Es würde nicht verwundern, wenn Franziskus bald Moskau aufsuchen würde. Auch als Mahner an die Politik. Schließlich - um nur einen Aspekt zu nennen - wirbt Franziskus bei jeder möglichen Adresse und Gelegenheit für Frieden in Syrien und den Schutz der Zivilbevölkerung.

Erstes orthodoxes Konzil seit über 1000 Jahren

Aber das Treffen von Havanna weist noch auf einen weiteren wichtigen, ja historischen Termin dieses Jahres, den Christen in der westlichen Hemisphäre meist nicht auf dem Schirm haben - zu Unrecht: Im Juni soll es auf Kreta das erste orthodoxe Konzil seit mehr als tausend Jahren geben. Im Januar wurden bei Beratungen in Genf dafür letzte Hürden beseitigt. Mit den meisten anderen Repräsentanten ist Rom längst im Gespräch - Kyrill und Moskau hielten bislang Distanz. Das ist nun anders und mag auch Auswirkungen für die Tage in Kreta haben.

Der Papst reist am kommenden Freitag (12.2.) nach Mexiko. Aber nun reist er auch in eine neue Etappe der Geschichte der Ökumene.

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