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Kultur

Rinke zwischen Torte und Terror

Europa möchte in der Welt punkten, auch mit Kultur. Die Deutsche Welle organisiert Diskussionsveranstaltungen dazu. Und Autor Moritz Rinke berichtet über seine Jahre als Kulturbotschafter des Goethe-Instituts.

Schwarzwälder Kirschtorte (Bildagentur Huber)

Was ein Schriftsteller erleben kann, der die ganze Welt bereist und dabei zum Kulturbotschafter Deutschlands wird, weiß kaum jemand so gut wie der Berliner Autor Moritz Rinke. Seit Jahren ist er immer wieder unterwegs und hat dabei überraschende, irritierende, witzige Begegnungen festgehalten: Fünf Feuilletons aus zehn Jahren - als Serie bei DW-WORLD.DE

Palästina, 2007

Vielleicht war es ein guter Moment, um in Palästina einzureisen. Die ersten warmen Tage, starker Wind, die Straße am Checkpoint Qalandija staubte so, dass ich weder den Anfang noch das Ende des Staus sehen konnte. Irgendwann lief ein israelischer Soldat um das Auto vom Goethe-Institut herum, starrte auf diesen riesigen Goethe-Aufkleber vom Auto und winkte uns gelangweilt durch. Ich war sogar etwas enttäuscht. Man darf eben nicht mit einem Auto vom Goethe-Institut durch die Welt reisen, wenn man wissen will, wie die Wirklichkeit ist.

Porträt Moritz Rinke (FOto: dpa)

Moritz Rinke

Da waren die am Flughafen in Tel Aviv schon etwas gründlicher. Wer "Ramallah" und "Jenin" als Zielort angibt, lernt automatisch die Herren von der Flughafen-Polizei kennen, die Verhöre führen, wie ich sie bisher nur aus Filmen kannte. Direkt hinter dem Checkpoint sehe ich Palästinenser, sie standen Stunden in der Schlange und haben alle weiße Haare voller Staub, sie sehen aus wie die Überlebenden aus dem World Trade Center.

Adania Shibli, die palästinensische Autorin, die ich in Ramallah treffen werde, hat über den Staub geschrieben: "Er hat seine Existenzberechtigung, denn er beweist, dass ich den Checkpoint durchquert habe, deshalb muss ich ihn so lange wie möglich ertragen, das ist das Mindeste." Adania treffe ich zwei Stunden später. Eine junge Frau mit dunklen wachen Augen. "Sag mal, hast du meinen Namen am Flughafen gesagt?" "Nein", sage ich, "nur den von Goethe, den kannten die aber gar nicht." Sie bedankt sich, und wir fahren mit einem Freund durch Ramallah.

Schwarzwälderkirschtorte in Ramallah

Während ich darüber nachdenke, warum sie sich bedankt, dreht sie sich um und erklärt, dass sie letztes Jahr im Museum in Tel Aviv verhaftet worden sei, als sie Recherchen für ein Buch machen wollte. "Also, in Deutschland", sage ich, "werden Autoren nie verhaftet, wir kriegen nur Stipendien." Ob ich beeindruckt sei, wie ernst die Israelis die palästinensischen Künstler nehmen? "Ja, ja", sage ich und denke wieder an den Flughafen und das Vernehmungszimmer. "What do you intent to read in Ramallah?" Das hat mich in Germany niemand gefragt.

Mittlerweile fahren wir eine steile Straße hinauf, das Stadtzentrum liegt sehr hoch, auf dem "Gotteshügel" – das bedeutet Ramallah. Yazid fragt mich, ob ich Palästina mag. Ich schaue aus dem Fenster und sehe: Kinder rollen mit Einkaufswagen zwischen den gelben Taxis umher, die jeden anhupen, der potentiell eine Fahrt bezahlen könnte. Durch das Fenster werden von Kinderhänden gelbe Bohnen, Tücher, Postkarten mit Zidane, Figo, Ronaldinho gereicht. Die Frauen teils verhüllt, dann wieder junge in Jeans und offenem langem schwarzen Haar und roten Lippen. In einer Konditorei sehe ich eine Schwarzwälderkirschtorte.

Ramallah City, Stau auf dem Weg ins Zentrum (Foto: DW)

Ramallah City, Stau auf dem Weg ins Zentrum

Eigentlich schäme ich mich. Zuletzt hatte ich mich in Sarajewo geschämt, als ich eine ins Mittelalter zurück gebombte Stadt erwartete und dann lange auf einen EC-Automaten neben einer Diskothek starrte. Wenn man jahrelang nur CNN guckt, dann erwartet man in Ramallah nur Hamas-Terroristen und Kinder mit Steinen, aber keine Torten oder Frauen mit roten Lippen. "Ramallah ist das Baden-Baden von Palästina!", sagt Yazid. Er hat in Dortmund vier Jahre Landschaftsplanung studiert und gehört auch zu einem der privilegierten Staub-Palästinenser, die vermutlich einen israelischen Pass haben, aber das fragt man besser nicht.

Am nächsten Tag bin ich zu einem Barbecue eingeladen in einer vornehmen Gegend von Ramallah. Abed, ein kräftiger Mann Mitte dreißig, steht am Grill und wendet andächtig Lammstücke. Er ist verantwortlich für den Wirtschaftsteil einer Zeitung Vor 15 Jahren flüchtete er aus Gaza nach Ramallah, um auf der Universität zu studieren. Wir unterhalten uns über die Fußball-WM. Er fragt, ob ich ein Spiel im Stadion gesehen hätte. Ja, Deutschland gegen Italien! Abed steht ehrfürchtig auf, dann umarmt er mich und sagt: "Die Italiener fallen immer hin, das sind Heulsusen mit Designerunterwäsche, die nur Spaghetti essen!"

Frieden per Drachenschnur

Abed liebt nur die deutsche Mannschaft, was mir plötzlich sehr unangenehm ist. Ich überlege noch, ob ich ihn fragen soll, ob er das eigentlich in sportlicher Hinsicht meint, dann erklärt er mir, dass es sein größter Traum sei, einmal ein Spiel in Wirklichkeit zu erleben. Ich merke plötzlich, wie der Grill zischt und Abed sich schnell die Augen reibt. Später erklärt mir Adania, Abed habe nie zuvor mit einem Menschen gesprochen, der ein WM-Spiel im Stadion gesehen habe. Seine Eltern in Gaza konnte er nie mehr besuchen. Als sie starben, durfte er nicht einmal die Möbel holen. Vielleicht kann man sich das auch nicht vorstellen. Ein Ressortleiter für Wirtschaft, der in seinem Job über Weltökonomie und Globalisierung schreibt und im wirklichen Leben nicht einmal ins 15 Kilometer entfernte Ost-Jerusalem reisen darf. Abed war noch nie in Ost-Jerusalem.

Am nächsten Tag fahre ich in einem normalen Bus durch die Wüstenberge nach Jericho, 300 Meter unter den Meeresspiegel. Den Kindern im Bus, die lange gefroren haben, weil sie am Qalandija-Checkpoint im Regen stehen mussten, wird wieder warm. Ich denke an die zwei palästinensischen Kinder, mit denen ich gestern über den Dächern von Ost-Jerusalem Drachen steigen ließ. Israelische Kinder liefen herüber und schauten zu. Einmal verhedderte sich ein vorbeieilender orthodoxer Jude in der Schnur, als die Kinder einen dritten Drachen steigen lassen wollten. Ein jüdisches Mädchen verfolgte mit strahlenden Augen die Flugbahn der Drachen, bis eines der Kinder ihre Hände nahm und sie vorsichtig um die Drachenschnur legte. Jetzt durfte das Mädchen den palästinensischen Drachen lenken. Es war so ein friedliches Bild.

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