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Kultur

Rinke bebt und starrt den Astronauten an

Europa möchte in der Welt punkten, auch mit Kultur. Die Deutsche Welle organisiert Diskussionsveranstaltungen dazu. Und Autor Moritz Rinke berichtet über seine Jahre als Kulturbotschafter des Goethe-Instituts.

Astronaut Edwin E. Aldrin läuft über den Mond während der Apollo 11-Expedition am 20. Juli 1969 (Foto: AP)

Astronaut Edwin E. Aldrin während der Apollo 11-Expedition am 20. Juli 1969

Was ein Schriftsteller erleben kann, der die ganze Welt bereist und dabei zum Kulturbotschafter Deutschlands wird, weiß kaum jemand so gut wie der Berliner Autor Moritz Rinke. Seit Jahren ist er immer wieder unterwegs und hat dabei überraschende, irritierende, witzige Begegnungen festgehalten: Fünf Feuilletons aus zehn Jahren - als Serie bei DW-WORLD.DE

Los Angeles 2001

Am 9. September 2001 bebte in Los Angeles die Erde. Es war die "German Week" des Goethe-Instituts. Ein Pianist spielte Johann Sebastian Bach, bis er vom Hocker fiel, offensichtlich lag das Epizentrum unter dem Goethe-Institut. Am Abend war ich mit meinem Theaterstück an der Reihe, Premiere im Odyssey Theatre in Hollywood. Schauplatz meines Stücks ist Berlin, es geht darum, dass Berlin untergeht. Erdlöcher tun sich auf, S-Bahnen versinken, der Funkturm ist so groß wie eine Ampel, die Schauspieler flüchten sich ins Theater und spielen bis zum Ende "Romeo und Julia". Die Regisseurin hatte entschieden, statt Berlin lieber New York untergehen zu lassen und tauschte den Funkturm gegen das World-Trade-Center aus.

Porträt Moritz Rinke (Foto: dpa)

Moritz Rinke

Nach der Aufführung sagte ich zur Leiterin vom Goethe-Institut: "Wir haben Glück gehabt, die Erde hat nicht mehr gebebt. Geht es dem Pianisten wieder besser?" "Ja. Haben Sie denn schon mal einen Mann gesehen, der auf dem Mond gewesen war?" Dann führte sie mich zu einem älteren Herrn. "Das ist Edwin Buzz Aldrin, Mitglied im Förderverein des Odyssey-Theatre und der zweite Mensch auf dem Mond im Rahmen der Apollo-Mission." Ich sah einen Mann im blauen Anzug. Er hatte ein paar weiße Haare an den Seiten, der Rest des Kopfes war eine weite glatte Fläche. "You are the writer?", fragte er.

Buzz Aldrin! Mondsüchtige Schockstarre!

Ich starrte ihn an. Die Mondlandung vom 20. Juli 1969 war in meiner Familie ein großes Thema gewesen. Unser Nachbar arbeitete beim Weltraumzentrum Bremen und war an der Entwicklung der Hitzeschutzkacheln für das Space-Shuttle beteiligt. "Yes", antwortete ich, mehr nicht, ich starrte nur weiter. Mein Gott, der zweite Mann auf dem Mond! Er sah so sympathisch aus und mit seiner großen Glatze und den weißen Resthaaren, wie eine Mischung aus meinem Großvater, Gorbatschow und Friedrich Nowottny von den "Tagesthemen". "The only thing I wrote was my dissertation!", sagte Aldrin und lächelte. Seine Doktorarbeit lautete "Navigationstechniken für bemannte Rendezvous im Orbit", darüber hatte unser Nachbar Vorträge gehalten, bevor er an den Hitzeschutzkacheln scheiterte.

Aldrin hatte den Mond 20 Minuten nach Armstrong betreten. Es gibt ein berühmtes Foto: Aldrins Fußabdruck auf dem Mond. Das andere berühmte Bild: Aldrin, fotografiert von Armstrong, der sich im Fenster von Aldrins NASA-Anzug spiegelt. Da ich immer noch schwieg und Aldrin anstarrte, fragte er: "Interesting play. But why is the World-Trade-Center gone?" Ich überlegte, ob in meinem Stück etwas über den Mond vorgekommen war. Irgendeine Stelle mit dem Mond, bei der sich Aldrin vielleicht gefreut haben könnte. In meinem Stück wird "Romeo und Julia" zitiert, die Monde des Uranus wurden nach Figuren von Shakespeare benannt! Ich sagte lieber nichts und starrte weiter.

Fußabdruck auf dem Mond am 20. Juli 1969 (Foto: AP)

Das hinterließen Aldrins Moonboots...

Intelligente Fragen und symbolische Antworten

Ob er wohl stumm ist und verhaltensgestört?, dachte Aldrin, zumindest sah er irritiert die Goethefrau an. Ich spürte, dass ich endlich etwas Intelligentes sagen musste, als deutscher Autor im Rahmen dieser Goethe-Mission. Ich fragte: "Mr. Aldrin, how was your feeling on the moon?" Das war´s. Mr. Aldrin drehte sich um und ging. Noch heute überlege ich, ob ich etwas anderes hätte fragen sollen. Wahrscheinlich hatte er sich von einem Autor eine originellere Frage erhofft. Vielleicht nervte ihn auch der Mond? Vielleicht konnte er es nicht mehr hören, dass er nur der Zweite gewesen war? Vielleicht flüchtete er beim Thema Mond, weil es immer die Wörter "second man" beinhaltete.

Buzz Aldrin habe ich noch einmal in München gesehen, anlässlich der Premiere des Films "Im Schatten des Mondes". Ich überlegte zu ihm zu gehen und zu sagen, "tut mir leid mit der Mondfrage damals. Was haben Sie eigentlich gedacht, als zwei Tage nach dem Theaterabend das World-Trade-Center wirklich weg war?" Wir hätten ein anderes Thema gehabt, aber ich traute mich nicht mehr, ihn anzusprechen. Ich starrte nur aus der Ferne auf seinen großen, weißen Kopf wie auf eine Mondlandschaft.

Autor: Moritz Rinke
Redaktion: Marlis Schaum, Aya Bach

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