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Europa

Proteste nach Angriff auf estnische Diplomatin in Moskau

Der Streit zwischen Russland und Estland um das Kriegerdenkmal eskaliert: Nun wurde die estnische Botschafterin Kaljurand in Moskau angegriffen. Die EU protestiert.

Wanted: Plakat gegen Marina Kaljurand in Moskau. Quelle: AP

Wanted: Plakat gegen Marina Kaljurand in Moskau

Nach Angaben ihres Außenministeriums wurde die Diplomatin Marina Kaljurand von Aktivisten kremlnaher Jugendorganisationen während einer Pressekonferenz attackiert. Das Außenministerium nannte die Angriffe "beispiellos und absolut nicht zu rechtfertigen". Russischen Angaben zufolge waren einige Aktivisten unter Rufen "Nein zum Faschismus!" durch die Fenster in den Konferenzraum eingedrungen. Es gab jedoch keinen körperlichen Angriff auf Kaljurand.

Ein russischer Veteran mit Demonstranten vor der estnischen Botschaft. Quelle: AP

Die kremltreuen Störer bei der Pressekonferenz

Der Sicherheitsdienst des Gebäudes setzte Pfeffer-Spray gegen die 15 bis 20 Eindringlinge ein. Das estnische Außenministerium berichtete, Jugendliche hätten auch die estnische Standarte vom Wagen der Botschafterin abgerissen.

"Fehlerhaft, aber notwendig"

Der Führer der kremltreuen Jugendorganisation "Die Unsrigen", Wassili Jakimenko, nannte das gewaltsame Eindringen seiner Aktivisten "fehlerhaft, aber notwendig". Die estnische Botschaft wird seit Tagen wegen der Verlegung des Kriegerdenkmals belagert. Der schwedische Botschafter wurde angegriffen, als er von einem Besuch bei seiner estnischen Kollegin kam. Wie eine Sprecherin der schwedischen Vertretung angab, traten junge Leute auf das Auto des Diplomaten ein und rissen die schwedische Flagge ab.

Die Europäische Union hat gegen die gewalttätigen Übergriffe protestiert. In einer in Berlin veröffentlichten Erklärung heißt es, Russland werde nachdrücklich aufgefordert, seinen "internationalen Verpflichtungen nachzukommen". Das Personal sowie das Gelände der estnischen Vertretung müssten geschützt und ein ungestörter Zugang zur Vertretung sichergestellt werden. Die deutsche Ratspräsidentschaft versicherte, sie bemühe sich, "in Gesprächen zur Deeskalation beizutragen". In der "emotionalisierten Lage" empfehle sich "ein sachlicher Dialog".

"Wiedergeburt des Nazismus verhindern"

Demonstranten mit einer Abbildung des Denkmals von Tallinn. Quelle: AP

Demonstranten mit einer Abbildung des Denkmals von Tallinn

Der Sprecher des Außenministeriums in Moskau, Michail Kamynin, sicherte indessen estnischen Diplomaten Schutz zu. "Russland wird alle Verpflichtungen aus der Wiener Konvention über diplomatische Beziehungen erfüllen", sagte er. "Die europäischen Institutionen sollten eine unvoreingenommene und nicht politisierende Bewertung der Ereignisse in Tallinn vornehmen. Dabei sollten sie auch das Entfernen des Denkmals für den sowjetischen Befreiersoldaten und die Gewaltanwendung bei der Auflösung der Protestkundgebung (in Tallinn) berücksichtigen." Außerdem solle die EU berücksichtigen, dass die Esten versuchten, "die Geschichte des Zweiten Weltkrieges umzuschreiben". Die Europäer sollten alles tun, um eine "Wiedergeburt des Nazismus" zu verhindern.

Öl-Boykott?

Die staatliche russische Eisenbahn hat unterdessen die Öllieferungen an Estland eingeschränkt. Ursache seien "Reparaturarbeiten", teilte ein Sprecher am Mittwoch mit. Er dementierte, dass es sich bei den Lieferbeschränkungen um einen von vielen russischen Politikern geforderten Boykott Estlands handele.

Russland und Estland streiten seit Tagen um die Verlegung eines sowjetischen Kriegerdenkmals in Tallinn vom Stadtzentrum auf einen Soldatenfriedhof. Derartige Kriegerdenkmäler zur Erinnerung an die Opfer im Zweiten Weltkrieg gelten in Russland als unantastbar. Estland wiederum betrachtet das Denkmal als Symbol der sowjetischen Besatzung. Das umstrittene zwei Meter hohe Denkmal war 1947 errichtet worden. Knapp ein Drittel der 1,3 Millionen Esten sind russischer Herkunft. Viele fühlen sich von der estnischen Mehrheit diskriminiert.

Nach mehrtägigen blutigen Unruhen verbot die Polizei in der Umgebung Tallinns alle öffentlichen Versammlungen. Das Verkaufsverbot für Alkohol wurde bis zum 9. Mai verlängert. Die russische Bevölkerung in Estland feiert an diesem Tag traditionell den Sieg der Roten Armee über Deutschland im Jahr 1945. Bei den Unruhen der vergangenen Tage wurden laut Polizei über 1100 Personen festgenommen. Ein Mensch kam bei den Tumulten ums Leben, fast 160 wurden verletzt. Es waren die schwersten Unruhen in Estland seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991. (sams)

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