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Kolumne

Mein Deutschland: Von der Armlänge Abstand zu den Nafris

Vor einem Jahr machte der Begriff einer "Armlänge Abstand" Karriere, nun wird über den "Nafri" gestritten. Diese Diskussion ist ebenso weltfremd und abgehoben wie vor einem Jahr, findet Kolumnistin Zhang Danhong.

Deutschland Köln Silvesternacht - Personenkontrollen am HBF (picture-alliance/dpa/H. Kaiser)

Männer, die südländisch aussahen, wurden am Silvesterabend am Kölner Hauptbahnhof Ausweiskontrollen unterworfen

In der Vorweihnachtswoche lernte ich auf einer Party ein neues Wort kennen, oder besser gesagt eine Abkürzung: Nafri. Hinter vorgehaltener Hand und mit gesenkter Stimme verriet mir ein Kölner Beamter die Bedeutung: Nordafrikanischer Intensivtäter. Beruflich hat er ausschließlich mit kriminellen Migranten zu tun, darunter überproportional vertreten - junge Männer aus Nordafrika. Die Abkürzung sei zur internen Verwendung der Polizei und der Staatsanwaltschaft.

Ich hätte damals nicht gedacht, dass zwei Wochen später die ganze Republik mein Insiderwissen teilen würde. Da war anscheinend am Silvesterabend ein übereifriger Polizist am Werk und wollte den Bürgern durch den Tweet über die Kontrolle der "Nafris" am Kölner Hauptbahnhof signalisieren: "Wir haben die Lage im Griff!" Damit hat er die jungen Männer allein aufgrund ihrers Aussehens oder ihrer Herkunft bereits zu Intensivtätern vorverurteilt. Dafür hat sich der Kölner Polizeipräsident entschuldigt. Der unglückliche Tweet ändert dennoch nichts an der Tatsache, dass die Kölner Polizisten diesmal einen guten Job gemacht haben. Dafür gebührt ihnen Dank!

Die durch diesen Begriff entfachte Diskussion über angeblichen Rassismus bei der Polizei und in der deutschen Gesellschaft will indes nicht enden. Der Journalist Jakob Augstein sieht Deutschland bereits auf dem Weg zu einem grundrechtsfreien Terrorstaat. In seinen Augen hat die Kölner Polizei gegen Artikel 3 des Grundgesetzes verstoßen, weil sie Alte und Blonde gehen ließ und nur die nach dem Ausweis fragte, die wie Nordafrikaner aussahen. Der besagte Artikel lautet: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich."

Opfer sind nicht so relevant wie Täter

Nun habe ich auch nicht das Gefühl, dass alle Menschen hierzulande gleich behandelt werden. In diesem Punkt teile ich die Meinung von Jakob Augstein. Nur habe ich dabei eine andere Gruppe im Auge: Frauen. Ich erinnere mich an die Tage nach den Übergriffen auf meine Geschlechtsgenossinnen in der Silvesternacht vor einem Jahr: Wie sich Politik und Medien drehten und wendeten, um die Haupttätergruppe (eben die Nafris) nicht zu benennen - sie wollten entweder nicht dem Verdacht des Rassismus ausgesetzt sein oder die Willkommenskultur nicht trüben. Was der Vorfall hingegen für die betroffenen Frauen bedeutete, wurde wenig thematisiert. Der Armlänge Abstand-Ratschlag der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker kam noch als Schlag ins Gesicht der Opfer hinzu. Dafür hat sie sich übrigens nicht entschuldigt. 

Deutschland Karneval in Köln 11.11. (Reuters/W. Rattay)

Was hat der fröhliche Karneval mit dem Spießrutenlauf in der Silvesternacht zu tun?

Am meisten habe ich mich damals über die Feministinnen gewundert, die schnell die systematischen und massenhaften Übergriffe der vorvergangenen Silvesternacht in Köln in dieselbe Kategorie einordneten, wie die jährlich überschaubare Zahl von sexuellen Übergriffen während des Karnevals und des Oktoberfests. Und daraus die These strickten, Männer seien eben Schweine - und zwar überall! Mit dem Münchner Oktoberfest kenne ich mich nicht aus. Aber als Wahlkölnerin habe ich Karneval neben den schönen Kostümen und ausgelassenen Feiern auch immer als ein kollektives Flirten empfunden. Da sind auch Männer vor Belästigungen nicht gefeit (natürlich passiert es umgekehrt weitaus häufiger). Als ich meine Meinung einer Feministin gegenüber kundtat, schäumte sie vor Wut: "Sei froh, dass Du eine Frau bist!"

Sogar die schon lange geplante Reform des Sexualstrafrechts im vergangenen Sommer - auch als "Nein-heißt-nein"-Gesetz bekannt - wurde durch jene Silvesternacht noch massiv beeinflusst. Doch den damaligen Opfern hätte auch das neue Gesetz nichts gebracht, weil die Täter im Gedränge eben gar nicht zu identifizieren waren. Gleichzeitig lenkte diese Debatte von der eigentlichen Frage ab, die lautet: Wie reagiert der Staat auf die Kampfansage von Männern, die unser Asylrecht missbrauchen und in Metropolen wie Köln zu bestimmten Anlässen offenbar rechtsfreie Räume sehen? 

Den Schuss nicht gehört

Ein Jahr danach ist der Willkommensjubel weitgehend verhallt. Auch die Gutmütigsten unter uns glauben nicht mehr daran, dass die jungen Männer aus Nordafrika allein deshalb aggressiv sind, weil sie wenig Erfahrung mit Alkohol und in ihrer Heimat kaum unverhüllte Frauen zu Gesicht bekommen haben. Nur die Grünen-Chefin Simone Peter träumte noch von einem multikulturellen Fest auf dem Bahnhofsvorplatz mit lauteren Absichten aller Anreisenden. Im festen Glauben, Medien und ihre Parteikollegen auf ihrer Seite zu haben, twitterte sie aus ihrem warmen Wohnzimmer heraus scharfe Kritik am Polizeieinsatz.

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Auch wenn Simone Peter nicht einmal mehr in der eigenen Partei Unterstützer findet, hat sich die von ihr losgetretene Diskussion über "Racial Profiling" verselbständigt. Dabei droht wieder einmal die eigentliche Frage unterzugehen: Wie kann es sein, dass sich eine große Zahl der aus dem nordafrikanischen und nahöstlichen Raum zugewanderten jungen Männer überhaupt nicht vom enormen Polizeiaufgebot beeindrucken ließen? Wie schon vor einem Jahr waren sie gut vernetzt und mit einem Reisebudget ausgestattet. Und sie haben für die deutschen Werte und den Rechtsstaat weiterhin nichts als Verachtung übrig. 

Gegenüber so viel Dreistigkeit scheint der Staat ratlos zu sein. Und Typen mit einer ähnlichen Einstellung machen sich weiter auf den Weg nach Europa und Deutschland. Denn auch wenn das deutsche Asylrecht in großem Stil missbraucht wird - eine Obergrenze kennt es nicht. Darauf legt die Kanzlerin Wert.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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