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Kolumne

Mein Deutschland: Das halbleere Nest

Wenn Kinder flügge werden, können Eltern in ein tiefes Loch fallen. So versucht unsere Kolumnistin Zhang Danhong seit einiger Zeit, sich von diesem "Empty-Nest-Syndrom" zu befreien.

Vogelnest Mutter Küken (picture-alliance/All Canada Photos)

So lange die Kinder klein sind, ist jede Mutter unentbehrlich. Aber irgendwann verlässt der Nachwuchs das Nest.

Vor gut einem Jahr haben wir unsere große Tochter in die weite Welt entlassen. Zwei Tage litt ich unter meiner hyperaktiven Tränendrüse. Dann schrieb ich eine Kolumne über den Trennungsschmerz. Dann ging es mir wieder gut - für zwei Tage.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so nah am Wasser gebaut bin. Nicht mal nach dem Tod des Vorsitzenden Mao habe ich geweint. Doch nun habe ich keine Kontrolle mehr über diese verdammte Körperflüssigkeit, nicht einmal in der Öffentlichkeit - sehr zum Leidwesen meines Mannes. Neulich sprachen wir in einem gut besuchten Restaurant über die Renovierung ihres Zimmers. In seiner gewohnt sachlichen Art machte sich mein Mann dafür stark, das nun wenig bewohnte Kinderzimmer zu einem neutralen Gästezimmer umzugestalten. "Nur über meine Leiche!" sagte ich entschlossen und versuchte gar nicht erst die Tränen zurückzuhalten, die nun mein Gesicht überschwemmten. "War ja nur ein Vorschlag", beschwichtigte mein Mann und hielt den fragenden Blicken um uns herum tapfer stand.

Das Zimmer wurde dann ganz nach dem Geschmack unserer Tochter erneuert. Sofort verliebte sie sich in die neuen vier Wände, das sah ich an ihren glänzenden Augen. Leider hat das nicht dazu geführt, dass sie uns nun öfter besucht. Warum auch? Schnell hat sie neue Freunde unter ihren Mitstudierenden gefunden und die zehn Gebote des Lebens an der Universität verinnerlicht. Das Wichtigste davon: Du sollst keine Party verpassen. Auch als Dienstleistungs- und Service-Center muss sie das Hotel Mama nicht mehr oft aufsuchen: Ruckzuck hat sie Wäschewaschen und Kochen gelernt. Kochrezepte per WhatsApp erhält sie von mir gratis.

Wo sind die Jahre geblieben?

Sie braucht mich nicht mehr. Das sage ich nicht als die beleidigte zurückgelassene Mutter. Nein, ich freue mich für sie - vom ganzen Herzen. Ich kann es nur nicht begreifen, wo die Zeit geblieben ist. Wie sie mit dem Bobbycar hin- und her raste, wie sie mit Hingabe Klavier spielte - es ist alles wie gestern, oder höchstens vorgestern. Wie ist sie auf einmal erwachsen geworden?

Kolumne Zhang Tochter (D. Zhang)

Ein Erinnerungsfoto von Kreta

Mit schönen Reisen versuche ich sie zu locken. Sie sei käuflich, lacht sie: "Wenn Du mich einlädst, kann ich nicht 'nein' sagen." So lagen wir neulich Schulter an Schulter am Strand von Kreta und hatten uns unendlich viel zu erzählen. Aus meiner Tochter ist eine gute Freundin geworden - ich genoss jede Sekunde. Doch auch die gemeinsamen Reisen werden seltener - sie hat eine andere Ferienzeit und andere Pläne. So musste ich manch heimlich gebuchten Kurztrip wieder genauso heimlich stornieren.

Am schlimmsten ist es, wenn meine jüngere Tochter (Was bin ich froh, dass sie noch da ist) melancholisch wird, weil sie die große Schwester vermisst. Ich kann sie nicht trösten. "Dreamteam" habe ich unsere kleine Mutter-Töchter-Gesellschaft immer genannt. Nun stelle ich fest, dass meine Große die wichtigste Stütze dieses Teams bildete. Fehlt sie, ist die Statik weg. Nur mühsam finden wir zwei Übriggebliebenen wieder zu einem Gleichgewicht zurück.  

Ich beneide Mütter, die cooler mit dem leeren oder halbleeren Nest umgehen. Neidisch bin ich auch auf meinen Mann, der es schafft, jeder neuen Situation Positives abzugewinnen. Ich habe gelesen, dass Männer das Gute-Laune-Hormon Serotonin wesentlich schneller produzieren als Frauen. Deswegen dauert eine Depression bei uns Frauen auch viel länger.

Schreiben als Selbsttherapie

Um mich abzulenken, habe ich ein Buch für Chinesen geschrieben. "Von Karl dem Großen bis zum Euro" lautet der Titel. Das Buch hat den unbescheidenen Anspruch, ihnen Deutschland und Europa zu erklären. Ob ich diesen erfüllt habe, wird sich zeigen. Mir hat das Schreiben an sich geholfen. Dabei bin ich nicht die erste, der mit dem Schreiben eine Art Selbstheilung gelungen ist. Auch die Apostel von Jesus und deren Schüler haben mit dem Verfassen der Bücher des Neuen Testaments ihre kollektive Trauer nach der Zerstörung des jüdischen Tempels verarbeitet. Ebenso hat Martin Luther durch die Übersetzung dieses Werkes ins Deutsche seine Einsamkeit auf der Wartburg vertrieben.

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

So vermessen bin ich nicht, dass ich mich mit Luther und Jesus‘ Jüngern auf eine Stufe stelle. Außerdem bin ich mir über meine Heilung gar nicht so sicher. Warum denke ich bereits über das nächste Buchprojekt nach? Warum juckt es mich in den Fingern, ihr noch mal eine Kolumne zu widmen?

Apropos Kolumne: Meine flügge gewordene Tochter hat ihr Wort gehalten: Sie bleibt die erste Leserin meiner Texte. Wenn sie mit einem Satz oder einem Abschnitt nicht einverstanden ist, greift sie zum Hörer. Zu meinem letzten Text schrieb sie per WhatsApp: "Sehr gute Kolumne, habe nichts auszusetzen!" Was sie wohl zu diesem Text sagt?

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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