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Kolumne

Mein Deutschland: Ein Jahr, ein Wimpernschlag

Obwohl 2016 ein ereignisreiches Jahr war, haben wir nicht wirklich gemerkt, wie schnell es an uns vorbeigerauscht ist. Kolumnistin Zhang Danhong hat dieses Jahr einen neuen Blick auf die Menschheitsgeschichte bekommen.

Im Mai 1966 beginnt in meinem Heimatland China Maos "Große Proletarische Kulturrevolution". In ihrer Arbeitseinheit nimmt meine hochschwangere Mutter täglich an politischen Sitzungen teil, bei denen die Kollegen Kritik und Selbstkritik üben müssen. An einem lauen Juniabend schleicht sie sich leise davon und geht zu Fuß zwei Kilometer zur nächsten Klinik. In derselben Nacht komme ich auf die Welt.

Seitdem ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Ein Drittel davon habe ich verschlafen. In vielen glücklichen Momenten habe ich wie Goethes Faust gerufen: "Verweile doch, Du bist so schön!" Doch jedes Mal ist die Zeit weiter vorangeschritten. Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. Diese Aussage mag abgedroschen klingen, wahr ist sie dennoch.

Irgendwann in diesem Jahr habe ich angefangen, die Menschheitsgeschichte im 50-Jahre-Rhythmus zu sehen, und stelle fest, dass alles nicht so weit entfernt ist, wie es mir einmal erschien. Blicke ich von meiner Geburt an weitere 50 Jahre zurück, da wird mein expressionistischer Lieblingsmaler Franz Marc in der Nähe von Verdun von einem Granatsplitter getroffen. Ein sinnloser Tod mitten in einem sinnlosen Weltkrieg.

Deutschland Kunstmuseum Bonn - Gemälde von Franz Marc (picture-alliance/dpa/F. Gambarini)

Was hätte Franz Marc uns alles hinterlassen können, wenn er nicht als junger Mann im Krieg gefallen wäre

Weitere 50 Jahre zurück tobt der Deutsche Krieg zwischen Preußen und Österreich. Bald nimmt Preußen im Krieg gegen Frankreich die letzte Hürde auf dem Weg zur Einigung Deutschlands. Im Januar 1871 findet die Zeremonie zur Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles statt. Es ist ungefähr so, als wenn sich der japanische Kaiser nach einem gewonnenen Krieg gegen China auf dem Platz des Himmlischen Friedens krönen ließe. Kein Wunder, dass sich Franzosen und Deutsche in zwei Weltkriegen danach unversöhnlich gegenüberstehen.

Religionen als Quelle der Gewalt

Aber gehen wir erst mal weiter die Geschichte rückwärts: 1816 (vor vier mal 50 Jahren) ist für West- und Südeuropa ein Jahr ohne Sommer. Missernte und Hungersnot sind die Folgen. Kinder weiden im Gras wie Schafe. 1716 (vor sechs mal 50 Jahren) bannt Prinz Eugen den bis vor Wien grassierten "Türkenschreck" und rettet das Abendland. Weitere hundert Jahre zurück (vor acht mal 50 Jahren) befindet sich Europa am Vorabend eines selbstzerstörerischen Krieges, der 30 Jahre dauern soll. Grund ist unter anderem, weil sich Katholiken und Protestanten über die Abendmahlrituale nicht einig sind. Die Spaltung des mitteleuropäischen Christentums löst noch einmal hundert Jahre früher (vor zehn mal 50 Jahren) ein Mönch namens Martin Luther aus. Wieder hundert Jahre davor (vor zwölf mal 50 Jahren) landet der Vorkämpfer der Reformation, Jan Hus, auf dem Scheiterhaufen.

Luther in Worms (picture alliance/akg-images)

In Worms blieb Martin Luther stur - die Spaltung der Kirche war damit nicht mehr abzuwenden

Das 14. Jahrhundert prägt der gruselige Begriff "Der Schwarze Tod". 25 Millionen Menschen, das entspricht einem Drittel der damaligen Bevölkerung in Europa, fallen einer Pandemie zum Opfer. Die beiden Jahrhunderte davor stehen im Zeichen der Kreuzzüge. Zwei Weltreligionen bekriegen sich mit aller Härte. Dabei ist der Islam dem Christentum nicht unähnlich. So findet der Prophet Mohammed im 7. Jahrhundert die monotheistische Idee im Christentum klasse. Auch soll bei ihm der Erzengel Gabriel eine Rolle gespielt haben.

Im Christentum fungiert Gabriel als eine Art Pressesprecher von Gott. Sonst hätte die Welt von der wahren Identität Jesus (vor über 40 mal 50 Jahren) nichts gewusst. Zweifelsohne ist Jesus von Nazareth ein vorbildlicher Mensch wie fünfhundert Jahre vor ihm Konfuzius (vor 50 mal 50 Jahren). Um beide scharen sich Schüler und Jünger. Hätte sich Jesus mit der Rolle des Lehrers begnügt und sich nicht zum Sohn Gottes erklärt, hätten wir heute in Europa vielleicht eine ähnliche Lebensphilosophie wie den Konfuzianismus, aber weder eine flächendeckend verbreitete Religion noch die Institution Kirche.

Zhang Danhong Kommentarbild App

DW-Redakteurin Zhang Danhong

Ohne Begehren kein Leid

Für Europa ist der römische Kaiser Konstantin fast genauso wichtig wie Jesus. Anfang des 4. Jahrhunderts (vor 34 mal 50 Jahren) macht er den christlichen Glauben zur Staatsreligion. Ebenso gut hätte er sich für den Dualismus oder eine Vielgötter-Religion entscheiden können. Auch der Buddhismus hätte den Zuschlag bekommen können. Diese mir persönlich sehr sympathische Religion predigt den Verzicht auf Begehren. Wenn der Buddhismus Europa erobert hätte, hätten wir heute wahrscheinlich kein iPhone und keine Spielekonsolen, dafür aber auch bestimmt keine Atombomben.

Frankreich Montignac Lascaux (DW/B.Kaps)

Die Höhlenmalerei in Lascaux (Nähe Montignac) wurde 1940 entdeckt. Eine neue Nachbildung ist seit Donnerstag für die Öffentlichkeit zugänglich

Ganz ohne Religion kommen die Menschen anscheinend nicht aus. Die Sehnsucht nach Spiritualität gehört wohl zu den Urbedürfnissen des Homo Sapiens - für mich einer der wichtigsten Treiber der Kunst. Das belegt auch die Höhlenmalerei im französischen Lascaux auf eine beeindruckende Weise. Sie stammt aus der Zeit der Jäger und Sammler, genauer vor 17.000 Jahren - es sind gerade mal 340 mal 50 Jahre her.

Zhang Danhong ist in Peking geboren und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland.

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