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Kultur

Leben. Besser leben.

Mehrere Filme der Berlinale 2015 erzählen von existentiellen Krisen, von Migration und den Schattenseiten der Globalisierung. Sie machen das mit großer Ernsthaftigkeit, aber auch mit cineastischem Vergnügen.

Am roten Teppich traktieren Fotografen ihre Kameras. Kosmetikexperten werben auf fassadengreifenden Plakaten für filmreife Auftritte. Und im Hyatt Hotel sitzen gepflegte Menschen hinter bodentiefen Fenstern und führen wichtige Gespräche. Schöne reiche Berlinale-Glitzerwelt. In den dunklen Kinosälen rund um den Potsdamer Platz aber lauern andere Realitäten - Erzählungen über all jene, die nicht zu den Gewinnern der Globalisierung gehören, die es schwer haben beim Kampf ums Überleben, die um Würde und Anerkennung ringen.

Die Geister der Vergangenheit

Cisco ist so einer, der Protagonist des Spielfilms "Out of my Hand" von Takeshi Fukunaga (Panorama). Cisco schuftet auf einer Kautschuk-Plantage in Liberia, die Arbeitsbedingungen sind entsetzlich, auch ein kurzer Streik ändert daran nichts. Ein besseres Leben erhofft sich der ernste Familienvater in Amerika. Ein Cousin lebt in der liberianischen Community in New York, er nimmt Cisco auf und verhilft ihm zu einem Job als Taxifahrer. Aber was so hoffnungsvoll beginnt, endet tragisch. Denn die Vergangenheit holt Cisco ein. Er begegnet Jacob, und der kennt ihn von früher. Beide waren einmal Kindersoldaten."Es gibt Geister", sagt Cisco, "die folgen einem. Egal, wo man ist".

"Out of my Hand" ist die erste liberianisch-amerikanische Koproduktion überhaupt. Und es ist der erste Film des japanischen FilmemachersTakeshi Fukunaga, der in New York lebt und mit Liberianern gedreht hat. Ein internationales Projekt also, für das freilich kein großer Etat zur Verfügung stand und das eine kleine Geschichte erzählt. Aber, sagt Christoph Terhechte, der Leiter des Forums des Jungen Films bei der Berlinale, kleine Geschichten sind oft kraftvoller als Versuche, alles in eins zu fassen. Erzählt werden sie zumeist von unabhängigen Regisseuren, die wenig Geld zur Verfügung haben und sich nicht als Handwerker, sondern als Künstler verstehen. Die Berlinale-Sektionen "Panorama" und "Forum des Jungen Films" präsentieren zahlreiche überzeugende Beispiele. Und recht schnell beginnen die, miteinander zu kommunizieren.

Filmausschnitt aus Out of my Hand (Regie: Takeshi Fukunaga)

Cisco im Film "Out of my Hand"

Unerschrockene Kämpferinnen

In einem kleinen Büro in Tel Aviv arbeiten ein paar Frauen rund um die Uhr. Die Hotline für Flüchtlinge und Migranten ist eine kleine NGO, die Menschen ohne Papiere - alle sind Afrikaner - über ihre Rechte aufklärt, sie betreut und für sie kämpft. Seit Jahren kommen Tausende über den Sinai illegal nach Israel, ein Strom von Menschen, der alles andere als gut aufgenommen wird. Jeder illegale Grenzübertritt wird als Verbrechen geahndet, aktuelle Haftzeit: ein Jahr. Die Gefängnisse nahe der ägyptischen Grenze werden ständig erweitert. Gegen diese Gesetzgebung stemmt sich die Organisation "Hotline". Filmemacherin Silvina Landsmann begleitet sie zu unterschiedlichsten Schauplätzen: in die Knesset, auf Ämter, vor Gerichte, bei der Öffentlichkeitsarbeit in eigner Sache. Ein selbstloser Kampf gegen Windmühlen, die Kamera immer mittendrin: aufgebrachte Menschen, die die Aktivisten beschimpfen, beinahe tätlich werden. Die Stimmung ist fremdenfeindlich. Die Flüchtlinge sind schwarz. Und sie sind keine Juden.

Filmausschnitt aus Hotline, Regie: Silvina Landsmann

Beratung bei der NGO "Hotline"

Vladimir hatte Glück. Er mochte sein neues Zuhause sofort. Ein riesiges Schiff, mitten in Kopenhagen. Das dänische Rote Kreuz hatte diese Notunterkunft für rund 1000 Kriegsflüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina eingerichtet, weil alle herkömmlichen Lager im Land bereits überfüllt waren. Das war 1992. Damals war Valdimir zwölf Jahre alt. Er ist zusammen mit seinem älteren Bruder und der Mutter aus Sarajewo geflüchtet. Seine Familie hat einen Asylantrag gestellt, in Dänemark soll ein neues Leben beginnen. Und das "Flotel Europa", so der Name der schwimmenden Notunterkunft, wird zur Startrampe in dieses neue Leben, beinahe zwei Jahre lang.

Neues Leben

Um dem Vater und den Großeltern zu beweisen, dass es sich hier gut leben lässt und dass es voran geht, schickt die Familie, wie viele andere damals auch, regelmäßig Videobotschaften in die alte Heimat. Mit widerwilligen Ausführungen der wortkargen Jungs – Schule ist gut, eine bosnische Schule, aber bald vielleicht eine dänische, ich hab' Freunde, wir spielen Fußball - und machen Streifzügen über das Schiff und durch den Alltag. Die engen Kabinen, die Gemeinschaftsküchen, der Fernsehsaal, Tanz-, Turn- und Fußballgruppen.

Berlinale 2015 Flotel Europa EINSCHRÄNKUNG

Das Flotel Europa

Zwanzig Jahre später hat Vladimir Tomic aus dem Material unzähliger VHS-Kassetten ein bemerkenswertes Kunstwerk gemacht – einen sogenannten Found-Footage-Film, der nicht das Interesse hat, das Flüchtlingselend zu dokumentieren, sondern der auf dem Archivbilderteppich mit ironischem Abstand eine möglicherweise ziemlich autobiografische Coming-of-Age-Geschichte erzählt. Die Geschichte von Vladimir, der heftig in die unnahbare Melisa verliebt ist, der über das Schiff stromert, die Beine der Rezeptionistin bewundert und mit coolen Freunden das erste Bier trinkt. Ist das noch eine Dokumentation? In jedem Fall etwas Spannendes, ganz Eigenes: ein berührender Film, der den Flüchtling aus seiner Opferrolle befreit und selbstbewusst in das Leben entlässt. Und Vladimir Tomic? Der lebt immer noch in Kopenhagen, ist ein erfolgreicher Filmemacher geworden und nun zu Gast bei der Berlinale. In den dunklen Kinos und im Scheinwerferlicht.

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