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Kultur

Zwei filmische Entdeckungsreisen

Ein nächtlicher Kino-Rausch und eine philosophische Sinnsuche auf der Leinwand - der Wettbewerb um den Goldenen Bären bei der Berlinale geht mit zwei höchst ungewöhnlichen Beiträgen aus Deutschland und den USA weiter.

Das muss man der Berlinale lassen, der diesjährige Wettbewerb bietet Ungewöhnliches. Zwar wussten die beiden

Auftakt-Filme über starke Frauen

, "Nobody Wants the Night" und "Queen of the Desert" von Werner Herzog, nicht zu überzeugen, doch

Jafar Panahis Beitrag "Taxi"

versöhnte das Publikum wieder. Ein mutiger Film aus dem Iran, der trotz Repressalien gegen den Regisseur entstand, und der das Berliner Publikum verzauberte.

Der zweite deutsche Regisseur, der hierzulande vor allem als Schauspieler bekannte Sebastian Schipper, lieferte dann im Wettbewerb ein filmisches Großexperiment ab. "Victoria" wurde in einer Einstellung gedreht. Und die dauert sage und schreibe 140 Minuten! Der Zuschauer begleitet vier halbstarke deutsche junge Männer und eine junge Frau aus Spanien bei einer nächtlichen Tour de Force im Herzen Berlins.

Schipper: "Eine hirnrissige Idee"

"Wir hatte eine hirnrissige Ladung von übersteigertem Selbstbewusstsein", kommentierte Schipper den gewagten Versuch, einen Spielfilm in einer Einstellung und völlig ohne Schnitte zu inszenieren. Das habe man sogar komplett dreimal gedreht, gestand der Regisseur in Berlin, eigentlich "eine hirnrissige Idee". Doch "Victoria" kam beim Publikum gut an - wohl nicht nur, weil es ein Berlin-Film ist und mit Mut zum Experiment in Szene gesetzt wurde.

Filmszene aus Victoria von Sebastian Schipper (Foto: Berlinale/Senator Film)

Viel nächtliches Palaver auf Berlins Straßen: Victoria (Laia Costa) und zwei Jungs aus der Clique

Die junge Spanierin Victoria lernt bei einem nächtlichen Club-Besuch vier junge Männer kennen - alle fünf verbindet zunächst einmal nur eines: Sie wollen tanzen, abhängen, trinken und rauchen, Spaß haben. Victoria schließt sich den neuen Bekannten an: Man zieht durch die Nacht von Berlin, albert herum, lässt sich treiben vom Rausch des Vergnügens, eine Nacht, wie man sie erlebt, wenn man jung ist und nicht an den nächsten Morgen denkt.

Ein fatales Verbrechen

Doch dann passiert etwas Unvorhergesehenes: Einer der Vier, der eine Zeit lang im Gefängnis saß, hat noch einen Job zu erledigen. Was folgt, ist ein dilettantisch ausgeführter Überfall mit fatalen Folgen. Die junge Freundesclique gerät in einen tragischen Sog aus Verbrechen und Leidenschaft. Das alles verfolgt der Zuschauer quasi in Echtzeit, die Kamera ist immer an den Fersen der Protagonisten, die fünf Schauspieler improvisieren, was das Zeug hält.

Das Team von Victoria präsentiert sich auf dem roten Teppich, Regisseur Schipper ist auch dabei (dritter von r.)(Foto: REUTERS/Stefanie Loos)

Das Team von "Victoria" präsentiert sich auf dem roten Teppich, Regisseur Schipper ist auch dabei (dritter von r.)

"Victoria" ist Spielfilm mit dokumentarischem Anspruch ebenso wie ein authentisches Dokument voller spontaner Einfälle. So etwas hat man auf der großen Kinoleinwand bisher nur selten gesehen. Höchst eindrucksvoll agieren vor allem die jungen Darsteller, bewundernswert sind Kamera und Regie. Wenn "Victoria" etwas vermissen lässt, dann ist es ein möglicher Subtext der Geschichte, eine zweite Ebene. Der Zuschauer sieht das auf der Leinwand, was gerade passiert. Mehr nicht. Insofern ist "Victoria" ein gelungenes filmisches Experiment - aber ohne philosophische Tiefe.

Ein Philosoph auf dem Regiesessel

Ein Übermaß gerade dieser gedanklichen Schwere bot dagegen der amerikanische Film "Knight of Cups" von Regisseur Terrence Malick. Der ist seit vielen Jahren eine fast mythische Gestalt des US-Kinos. Malick, studierter Philosoph, nimmt mit seinen bisher nur sechs Filmen in 40 Jahren eine Sonderstellung im modernen amerikanischen Kino ein. Seine filmischen Visionen gleichen inzwischen mehr philosophischen Extrakten denn herkömmlichen Kinofilmen. Seine Arbeiten sind vom konventionellen Hollywood-Kino ebenso weit entfernt wie vom Independent-Film amerikanischer Machart. Malick inszeniert zwar mit den Superstars aus Hollywood, setzt diese aber nur als Stichwortgeber für seine filmische Sinnsuche ein.

In "Knight of Cups" stellt uns Regisseur Malick Christian Bale als Mann in der Midlife-Crisis vor. In einem filmischen Kaleidoskop ohne klare Chronologie folgt der Zuschauer Rick (Bale) auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Man sieht ihn bei wüsten Partys und bei Besprechungen in der Welt des Films, aber auch in intimen Szenen mit Frau und Geliebten. Rick ist in diesen Sequenzen Akteur, aber ebenso auch Zuschauer. Aus dem Off hört man seine Kommentare. Wie ein Untoter durchläuft er die Szenerie, immer begleitet von einer sich ständig bewegenden Kamera. Das ist inzwischen ein Stilmerkmal Malicks - ebenso wie dessen Versuch, philosophische Fragen mit Hilfe des Kinos zu beantworten.

Ästhetizismus statt gedanklicher Tiefe

"Der Film handelt von jemandem, der seine Träume und Sehnsüchte erreicht hat, aber trotzdem eine große Leere spürt", kommentierte Christian Bale seine Rolle bei der Pressekonferenz im Anschluss an eine erste Aufführung von "Knight of Cups". Der assoziative Bilderreigen irritierte allerdings auch, weil er mit allzu viel schönen Bildtableaus die Welt hinterfragt. Selten hat man vor der Kamera so viele langbeinige junge Models gesehen. Auch die schicken Interieurs all der Luxus-Wohnungen an der kalifornischen Küste passen nicht recht zur philosophischen Ausrichtung des Films.

Filmszene Knight of Cups (Foto: Berlinale/Melinda Sue Gordon © Dogwood Pictures)

Auf Sinnsuche, immer wieder gern auch am Meer: Christian Bale und Natalie Portman in "Knight of Cups"

Teile des Berlinale-Publikums zeigten sich dann auch verstimmt. Der schöne Bilderrausch veranlasste viele Zuschauer den Saal vor Ende des Films zu verlassen. Einige, die drin blieben, waren indes angetan. So spaltete "Knight of Cups" das Publikum.

Der Film müsste eigentlich nach dem Geschmack von Jury-Präsident Darren Aronofsky sein. Der ist studierter Anthropologe und hat sich in seinem bisherigen Werk ebenso oft auf filmisch-philosophische Sinnsuche gemacht. Doch vielleicht erweist sich die allzu große gedankliche Nähe zum Landsmann Malick auch als kontraproduktiv - vielleicht entscheidet sich Aronofsky zum Schluß für ein ganz anderes filmisches Konzept: möglicherweise für das des jungen Deutschen Sebastian Schipper.

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