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Kultur

Jeden Tag ein Bild

Der Berliner Künstler Edward. B Gordon malt jeden Tag ein Bild und versteigert es online in alle Welt. Seine Online-Auktionen sind rund um die Uhr geöffnet. Selten bleibt ein Werk "hängen".

Berlin Schöneweide. Tief im Osten, am Rande der Stadt auf einem ehemaligen Industriegelände, befindet sich das Atelier von Edward B. Gordon. Ein Ort weit weg von den angesagten Stadtbezirken Mitte und Prenzlauer Berg, wo sich die Szenehipster tummeln. Hierhin hat sich der 47-jährige Maler zurückgezogen.

Genauso wie der Ort scheint auch Edward B. Gordon selbst ein wenig aus der Zeit gefallen. Mit seiner Breitcordhose, dem karierten Hemd und den nach hinten gegelten Haaren erinnert er eher an einen Maler aus dem 19. Jahrhundert. Doch sein Äußeres und die gediegene Umgebung täuschen. Edward B. Gordon ist eindeutig ein Mann des Hier und Jetzt. Wie kaum ein anderer deutscher Künstler nutzt er die Segnungen der digitalen Technik.  Mit seinem Prinzip "A painting a day" ist er eindeutig am Puls der Zeit.

"A Painting a day" geht nur mit eiserner Selbstdisziplin

Das Prinzip "A painting a day", also jeden Tag ein Bild zu malen und im Internet zu veräußern, stammt aus den USA. Dort versuchen bereits viele Künstler, ihre Kunst auf eigene Faust zu verkaufen. Viele mit Erfolg. Eins der Erfolgsgeheimnisse ist die Beständigkeit.

Porträt von Edward B. Gordon (Foto: UTM publishing)

Edward B. Gordon hat schon mehr als 2500 Tagesbilder gemalt

Gordon malt inzwischen seit sieben Jahren täglich ein 15 mal 15 Zentimeter großes Bild. Fast wie bei einem Beamten verläuft sein Tag nach einem strikten Plan. "Ich versuche vormittags ein Motiv zu finden. Entweder, indem ich spazieren gehe oder hier im Atelier was arrangiere. Um 15 Uhr mache ich die Zugbrücke hoch und dann fange ich an zu arbeiten“, erzählt der passionierte Hobbypianist. Bis spätestens 24 Uhr steht das fertige Werk dann im Netz.

Chronist der Großstadt

Die meisten dieser "Tagesbilder" zeigen den Wandel Berlins. Unscheinbare Ecken, an denen Menschen mit Einkaufstüten vorbeieilen; Müllmänner, die einsam die Straßen kehren; oder junge Berlinerinnen, die an Ampeln warten oder durch die Großstadt flanieren. Gordon gilt als genauer Beobachter - seine Bilder sind nicht nur in der digitalen Welt ein Renner.

Seinen Erfolg im Netz verdankt er aber dennoch ganz traditionell der "analogen" Presse: Eine Bilderstrecke im Magazin der Wochenzeitung "Die Zeit" sorgte für viele Klicks und Verkäufe. Ein bisschen Glück gehört eben auch im Galeriebetrieb 2.0. dazu. Sein Blog ist inzwischen sehr gut besucht, und fast nie bleibt ein Bild unverkauft. Fast 2300 Tagesbilder hat er in den letzten Jahren gemalt. Wer eines der Werke erwerben möchte, muss mindestens 150 Euro bieten. Für die meisten wird mehr gezahlt. Seine Fangemeinde ist inzwischen beeindruckend international.

Weltweite Kundschaft

Gordons Sammler sind Studenten, Anwälte, Immobilienmakler aus der ganzen Welt. Häufig Menschen, die noch nie eine Galerie von innen gesehen haben, aber kunstinteressiert sind. Gezahlt werden auch keine Galeristenpreise, sondern seine Kunden stimmen "mit den Füßen ab", wie Gordon es nennt. Sie können schließlich bestimmen, ob sie 500 oder 1000 Euro für ein Bild zahlen. Und wenn sie im Anschluss auf seiner Facebookseite noch den "Like"-Button drücken, freut er sich auch.

Kunstwerk Curious dog von Edward B. Gordon (Foto: www.edwardbgordon.blogspot.com)

"Curious dog" - eine der Berliner Straßenszenen, die Gordon bei seinen täglichen Spaziergängen beobachtet

Digitale Unabhängigkeit statt Kunstbetrieb

Der etablierte Kunstbetrieb rümpft dennoch die Nase. Kunst und Internet: Das geht nicht zusammen,  unken Kritiker. Kunst müsse man spüren, bevor man sie kauft, man müsse die Farbe riechen, Leinwände anfassen können - das alles fiele weg, wenn man ein Bild von Edward B. Gordon im Netz ersteigert.

Aber damit kann der Autodidakt Edward B. Gordon, der aus einer Künstlerfamilie stammt und in London Schauspiel studiert hat, gut leben. Der 47-Jährige hat keine Museumsausstellungen, keine Präsentationen in Kunstvereinen oder anderen vom Kunstbetrieb geweihten Orten. Dafür aber inzwischen immer häufiger Anfragen von Galeristen, die ihn doch gerne vertreten möchten. Auf eine solche Zusammenarbeit legt er aber keinen Wert. Er will weiterhin seine digitale Unabhängigkeit genießen.

Kunst macht viel Arbeit

Kunstwerk After the Rain von Edward B. Gordon (Foto: www.edwardbgordon.blogspot.com)

"After the Rain" - Tageszeit und Wetter spielen bei der Motivsuche keine Rolle

Dass nun der renommierte Schweizer Verlag "Kein und Aber" seine Tagesbilder in einem Buch herausgibt, freut ihn trotzdem sehr. Das Vorwort hat der Herausgeber der Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frank Schirrmacher, geschrieben, der ebenso zu Gordons Fans gehört wie Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Gordon ist trotz der zunehmenden Präsenz und den täglichen Onlineverkäufen nicht reich geworden mit seiner Kunst. Seit sieben Jahren hat der Künstler keinen Urlaub gemacht, häufig arbeitet er bis spät in die Nacht. Manchmal schlafe er nur vier Stunden, erzählt er, um dann wieder aufzustehen und erneut auf Motivjagd zu gehen. Edward B. Gordon ist zäh. Er will auch weiterhin jeden Tag ein Bild malen. Und es auf seinem Blog "A Painting A Day" veröffentlichen.

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